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André
Brie, Kolumne für den Disput, November 2002
Von
Florenz zur PDS?
„Ein
anderes Europa ist möglich“ – unter diesem Motto demonstrierten vor
wenigen Tagen Hunderttausende in der toskanischen Metropole Florenz. Es
ging ihnen nicht nur um den „alten Kontinent“. Vielmehr wollten sie
mit ihrer Manifestation zum Abschluss des Europäischen Sozialforums der
Ablehnung eines von den USA geplanten neuen Golfkriegs Ausdruck verleihen.
Und vor allem ihre Kritik an der Globalisierung deutlich hörbar machen.
Sicherlich
haben Wirtschafts- und Finanzbeziehungen, Wissenschaft und Technik, der
Informationsaustausch und selbst die Kultur längst die Ländergrenzen überschritten.
Von Asien über Europa bis Lateinamerika bilden sich Freihandelszonen oder
gar gemeinsame Märkte, denen multinationale Regularien zugrunde liegen.
Große
Herausforderungen unserer Zeit können nicht mehr nationalstaatlich
gemeistert werden: Frieden, die Bekämpfung von Hunger und Krankheiten
oder der Umweltschutz. Ein Beispiele dafür ist das Kyoto-Protokoll über
die Verringerung des Ausstoßes von Treibhausgasen. In Japan hatten sich
die Industriestaaten im Dezember 1997 verpflichtet, die Freisetzung dieser
Schadstoffe bis zum Jahre 2012 um mindestens fünf Prozent zu verringern.
Trotz des eher bescheidenen Umfangs ist eine solche globale Initiative
notwendig. Umso bedenklicher und unverantwortlich halte ich, dass die USA
nach wie vor diese wichtige Vereinbarung ablehnen und auch die EU-Staaten
mit dem Handel von Emissionsrechten (dem Abkauf „freier Kapazitäten“
der Entwicklungsländer oder anderer Staaten beim Aufkommen an
Treibhausgasen) das Protokoll unterlaufen wollen. Dies eben ist die
Kehrseite der Globalisierung, die in Florenz angeprangert wurden.
E ist nicht die Globalisierung als solche, die Kritik heraus
fordert. Sondern die Art und Weise, wie sie gestaltet wird – und auf
wessen Kosten sie geht. Das Wesen der Globalisierung in ihrer heutigen
Form liegt darin, Politik an den Interessen multinationaler Unternehmen
auszurichten und neoliberale Prinzipien über „Reformen“, in Verträgen
und Institutionen möglichst unumkehrbar festzuschreiben. Die
internationalen Konzerne und Großmächte, die Welthandelsorganisation WTO
und die Europäische Union sowie andere regionale Zusammenschlüsse sind
die Akteure dabei.
Globalisierung und europäische Marktliberalisierung als einer
ihrer Teile folgen ähnlichen Prinzipien und dem gleichen Motiv: der
Profitmaximierung. Soziale Absicherung, Ökologie und eine nachhaltige
Entwicklungspolitik bleiben auf der Strecke. Es geht um die Durchsetzung
und Absicherung der neoliberalen „Wirtschaftsreformen“ in Europa wie
global. Das ist der Kern dessen, was landläufig „Globalisierung“
genannt wird. So droht sie, eine moderne Form des Manchesterkapitalismus,
des entfesselten (Laissez-faire-) Kapitalismus, in die Gesellschaften zurückzubringen.
Bereits
seit einiger Zeit beschäftige ich mich im Europäischen Parlament mit
einem typischen Beispiel der neoliberalen Globalisierung – oder besser
„Europäisierung“: dem Abbau der öffentlichen Daseinsvorsorge.
Konkret geht es Brüssel dabei darum, die Leistungen der Kommunen, wie z.
B. Wasserversorgung und –entsorgung, den Personenverkehr oder das
Sparkassensystem, zu liberalisieren und „marktgerecht“ zu gestalten.
Dies würde dazu führen, dass einige wenige multinationale Konzerne die
regionalen Anbieter verdrängen. Zugleich würden die Gestaltungsmöglichkeiten
der Kommunen, soziale und andere Mindeststandards (beispielsweise
Umweltschutz, Einhaltung von Tarifverträgen, Bedienung auch kostenträchtiger
Fahrtrouten) gefährdet. Angeblich würde der Wettbewerb die Kosten
senken, aber „Gewinner“ dieser Entwicklung wären vermutlich nur die
Großunternehmen, die Bürger hätten das Nachsehen.
Angesicht
einer solchen Entwicklung, die sich in vielen Bereichen vollzieht, ist es
nur verständlich, dass auf dem Europäischen Sozialforum in Florenz auch
die Haltung zur EU auf der Tagesordnung stand. Ablehnung der Gemeinschaft
als Ganzes oder deren Reformierung? Ich glaube, dass es nur darum gehen
kann, europäische Prozesse kritisch und aktiv zu begleiten, um eine
einseitige Dominanz von Wirtschaftsinteressen zu verhindern und
demokratische Prinzipien durchzusetzen. Letztlich geht es um nicht mehr
und nicht weniger als um eine grundlegende Änderung der europäischen
Tagesordnung, wie sie von vielen international wirksamen
Nichtregierungsorganisationen mit großer Konkretheit und vielfältiger
Kompetenz geforderte wird.
Schon seit einigen Jahren weisen solche Organisationen auf die
Folgen neoliberaler Globalisierungspolitik hin. Die Tatsache, dass die
Globalisierung in ihrer derzeitigen Form eben nicht Wohlstand für alle
bedeutet, führte in den 90er Jahren in Frankreich zum Widerstand gegen
das strategische Generalabkommen der kapitalistischen Globalisierung (das
Investitionsschutzabkommen MAI). Während in der PDS über die Allmacht
oder Nicht-Allmacht des Kapitals diskutiert wurde, brachten Millionen Schülerinnen
und Schüler, Gewerkschafter und Intellektuelle in Frankreich diesen
Vertrags zu Fall, mit der Folge, dass er auch weltweit nicht in Kraft
treten konnte. Viele von ihnen gründeten 1998 die „Association pour la
Taxe Tobin pour l’aide aux citoyens“, kurz ATTAC. Das Netzwerk hat
sich die demokratische Kontrolle und Regulierung der internationalen Märkte
für Kapital, Güter und Dienstleistungen zum Ziel gesetzt. Politik müsse
sich an den Leitlinien von Gerechtigkeit, Demokratie und ökologisch
verantwortbarer Entwicklung ausrichten. Allein in Deutschland arbeiten
heute etwa 80 ATTAC-Gruppen, die es als Aufgabe ansehen, einer breiten Öffentlichkeit
die komplexen Zusammenhänge der Globalisierungsthematik aufzuzeigen. Über
10.000 Organisationen und Einzelpersonen sind in Deutschland bereits
Mitglieder oder Unterstützer von ATTAC geworden.
Viele
dieser Organisationen stehen Parteien skeptisch oder sogar ablehnend gegenüber.
Wenn die PDS Partnerin der globalisierungskritischen Bewegungen sein will,
ist sie vor allem gefordert, eigenständige politische und soziale
Kompetenz einzubringen und allen Versuchen zu widerstehen, diese
Bewegungen parteipolitisch benutzen zu wollen, aber fähig zu werden, sich
selbst als moderner „Dienstleister“ benutzen zu lassen und vor allem
einen Beitrag zu leisten, damit die politische Kultur von Florenz, Rom,
Paris, Athen und Madrid vielleicht auch in Deutschland die selbstgenügsamen
Papierkriege der Linken durch die Lust auf politische Alternativen mitten
in der Gesellschaft ablöst.
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