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André Brie, Kolumne für Disput,
November 2001
Gegen Krieg. Gegen Terror.
Antiterroristische Politik muss
Antikriegspolitik sein. Aber die Bundeswehr zieht in den Krieg gegen
Afghanistan. Deutschland erhebt endgültig den Anspruch, an weltweiter Großmachtpolitik
und ihrer militärischen Begründung beteiligt zu sein. Die Lehren der
Vergangenheit sind in den Wind geschlagen worden.
Die
Bekämpfung des internationalen Terrorismus muss sehr ernst genommen
werden. Auch die PDS geht mit ihrer berechtigten, dringend notwendigen
Antikriegsposition nicht beiläufig über dieses Problem hinweg.
Politischer Terrorismus hat eine lange Geschichte, vor allem, aber nicht
nur, eine europäische, auch eine „linke“ Geschichte. Die Grenzen zur
„normalen“ Kriminalität waren in einigen Fällen ebenso fließend wie
jene zum revolutionären Aufbegehren. Gelegentlich konnte nur die
Geschichte über den Platz entscheiden, und der jeweilige politische
Standpunkt prägte und prägt die Einschätzung gleichfalls.
In
der für die PDS relevanten linken Diskussion der Vergangenheit um den
Terrorismus spielten zwei Fragen eine besondere Rolle. Zum einen die
politische und theoretische Auseinandersetzung Lenins und Trotzkis mit dem
sogenannten „individuellen Terror“ gegen den Zarismus. Sie lehnten ihn
als Mittel des politischen Kampfes vor allem mit dem Argument ab, dass er
dem bewussten politischen Klassenkampf widerspreche. Zum anderen ging es
bereits in der Pariser Kommune, die ein Geiselgesetz verabschiedete, vor
allem aber in der Oktoberrevolution um die linke Antwort auf den „weißen
Terror“. Die war bekanntlich und ausdrücklich der „rote Terror“ und
schloss die massenhafte Tötung unschuldiger Geiseln ein. Lenin und
Trotzki waren sich auch in dieser Frage einig. Die existenzielle Bedrohung
der Revolution und der jakobinische Terror zur Radikalisierung der bürgerlichen
französischen Revolution waren die wesentlichen Begründungen.
Manches,
was nicht wenigen Zeitgenossen notwendig oder verständlich schien, kann
heute nur noch kritisch gesehen werden. Aus drei Gründen: Erstens haben
wir die folgenschweren negativen Konsequenzen einer Politik festzustellen,
die die tausendfache Ermordung von Unschuldigen als angeblich
erforderliches Mittel zur Durchsetzung von Humanität ansah. Ihr
Menschenbild sowie die von ihr zwangsläufig ausgehende kulturelle
Verrohung haben eben dieses Ziel nachhaltig beeinträchtigt. Noch viel
mehr als in der Kritik Lenins und Trotzkis am „individuellen Terror“
ihrer Zeit gilt heute, dass es demokratische, emanzipatorische und zivile
Möglichkeiten der Auseinandersetzung mit Kapitalismus, Ausbeutung,
Unfreiheit gibt. Zweitens
leben wir in einer extrem verletzlichen, existenziell gefährdeten Welt.
Diese, mit unterschiedlichen Gesichtspunkten von fast allen Politikerinnen
und Politikern verbal so strapazierte Einschätzung muss, und darin
unterscheiden wir uns, endlich ernst genommen werden. Drittens hat –
nicht zuletzt unter diesen Bedingungen – der Terrorismus selbst einen
neuen Charakter angenommen. Er ist eine globale Bedrohung, hat massenmörderisches
Ausmaß angenommen, ist international organisiert, richtet sich
undifferenziert gegen Unschuldige, gründet sich auf finanzstarke
Strukturen.
Es
gibt in der PDS Konsens, Terrorismus, welcher Art auch immer, konsequent
abzulehnen. Differenzierungen, von denen wir in der Vergangenheit nicht
frei waren, gibt es aus sehr ernsten Gründen nicht mehr. Terrorismus muss
aktuell bekämpft werden. Und seine gesellschaftlichen, politischen,
weltwirtschaftlichen und kulturellen Wurzeln (zu denen ich nicht zuletzt
die kulturelle Demütigung vieler Länder durch den US-amerikanischen
Kulturimperialismus rechne) müssen durch einen weltpolitischen und
weltgesellschaftlichen Wandel beseitigt werden. Mit Krieg im allgemeinen
und dem gegen Afghanistan im besonderen geschieht jedoch das Gegenteil. Er
wird Fundamentalismus, Hass, Terrorismus fördern. Er ist selbst Barbarei.
Solidarität mit den USA wird Antikriegspolitik bedeuten müssen. Nichts
kann den Tod Zehntausender unschuldiger Menschen in Afghanistan durch
Streu- und andere Bomben und durch das Elend der Flucht rechtfertigen.
Nichts! Joseph Fischer erklärte, solche Opfer seien unvermeidlich. Man
stelle sich einmal vor, die Polizei würde bei der Verfolgung eines
Geiselnehmers auf deutschen Straßen wahllos herumschießen! Kein
deutscher Politiker (nehme ich an) würde eine solche Aktion
rechtfertigen. Afghaninnen und Afghanen genießen solchen Schutz nicht.
Ich spreche angesichts dieser unterschiedlichen Maßstäbe von Rassismus.
Mir ist jedoch klar, dass bei diesem Krieg um prinzipiellste Ziele des
Westens geht.
Die
Bekämpfung des Terrorismus ist eher ein Vorwand. Die USA setzen ihre
unilaterale Dominanz durch. Krieg als politisches Instrument zu
legitimieren, gehört zu den dabei verfolgten Interessen. Die von Fischer
so bewunderte Madeleine Albright hatte es unmissverständlich formuliert:
„Wenn wir Gewalt anwenden müssen, dann, weil wir Amerika sind. Wir sind
die unverzichtbare Nation. Wir sind groß. Wir blicken weiter in die
Zukunft.“ Deutschland und die EU-Partner möchten beteiligt sein und
Einfluss bewahren, aber eben nicht Einfluss in der Lösung von Konflikten,
sondern im Kriegskurs. Präventive und zivile Lösungen sind fast immer
sehr kompliziert. Aber nach ihnen wird nicht deshalb nicht gesucht, weil
militärische Mittel einfacher, sondern weil politische Lösungen und vor
allem der Wandel zu einer sozial gerechteren und demokratischeren Welt
nicht gewollt sind. Brecht (in „Mutter Courage und ihre Kinder“) hat
alles dazu gesagt: „Wenn man die Großkopfigen reden hört, führens die
Krieg nur aus Gottesfurcht und für alles, was gut und schön ist. Aber
wenn man genauer hinsieht, sinds nicht so blöd, sondern führn Krieg für
Gewinn.“
Und
noch eine alte Erfahrung wird bestätigt: „... jeder Krieg birgt
gewissermaßen einen neuen in seinen Falten.“ Das hatte einer von Schröders
Vorgängern als SPD-Vorsitzender gewusst. August Bebel. Es spricht fast
alles dafür, dass wir uns in einem permanenten dritten Weltkrieg des
Nordens gegen den Süden, einem Krieg neuer Art, aber alter Schrecken
befinden.
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