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André Brie, 7. Oktober 2008, Kolumne für Disput, Oktober 2008
Rechtsverletzung
Vielleicht waren Sie von dieser Meldung irritiert: Am 1. Oktober hat das
Bundeskabinett die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit
Behinderungen gebilligt. Dieses Dokument der UNO legt ausdrücklich fest,
dass Behinderte die gleichen Rechte wie alle anderen Bürger besitzen und
wegen ihres Handicaps nicht diskriminiert werden dürfen. Aber, werden Sie
sich fragen, ist die Gleichbehandlung von Behinderter nicht schon im
Grundgesetz vorgeschrieben, ebenso wie jene von Frau und Mann?
Ja, das ist sie. Aber die Realität sieht ganz anders aus. Ein im Frühjahr
erstelltes "Eurobarometer", eine Meinungsumfrage in der EU, ergab, dass 45
Prozent der Befragten eine Diskriminierung auf Grund von Behinderung für
verbreitet halten, in Deutschland waren zwar etwas weniger, aber immer
noch 37 Prozent dieser Ansicht. Die Benachteiligung betreffe – trotz
verschiedener Förderprogramme – vor allem die Chancen auf dem
Arbeitsmarkt. Auch Homosexuelle werden weiterhin benachteiligt; Alter,
Religion oder Geschlecht seien hingegen weniger häufig Gründe für
Diskriminierungen.
Gerade bei letzterem trügt die "gefühlte Wahrnehmung" jedoch beträchtlich:
Nach wie vor ist es so, dass Frauen in der EU wesentlich weniger verdienen
als Männer. Was nicht zuletzt am Fortbestehen typischer "Frauenberufe" vor
allem im Gesundheits- und Sozialwesen liegt, die bekanntlich zu den
verantwortungsvollsten und anstrengendsten, aber eben leider nicht zu den
leistungsgerecht bezahlten Jobs gehören.
In
Deutschland klafft die Schere bei der Bezahlung von Frauen und Männern
besonders weit auseinander. Die EU-Kommission fand im Juni deutliche
Worte: "In Deutschland liegt der durchschnittliche Stundenlohn von Frauen
um rund 22 Prozent unter dem der Männer. Damit gehört Deutschland zu den
Staaten mit der größten Ungleichheit bei der Bezahlung von Männern und
Frauen", sagte EU-Sozialkommissar Vladimir Spidla. Nur in Estland, Zypern
und in der Slowakei sind die Unterschiede noch größer oder ebenso groß.
Der Durchschnittswert in der EU liegt bei 15 Prozent – allerdings schon
seit 1995. Eine positive Tendenz gibt es nicht. Und auch die Zahl von
Frauen in Führungspositionen stagniert seit Jahren bei 33 Prozent. "Obwohl
die Frauen in der EU besser ausgebildet sind als Männer, sind sie
schlechter bezahlt, ihre beruflichen Karrieren sind kürzer und verlaufen
langsamer", kritisierte Spidla.
Natürlich gibt es
Initiativen der Regierungen, an dieser Situation etwas zu ändern. Wie
jenen "Gleichstellungsgipfel", der im Februar 2007, dem "Europäischen Jahr
der Chancengleichheit für alle", von der deutschen EU-Ratspräsidentschaft
erstmals ausgerichtet wurde. Auf der Gästeliste standen Minister,
Politiker, Gleichstellungsbeauftragte und Vertreter der EU-Institutionen
ebenso wie Abgesandte von Gewerkschaften, Arbeitgeberverbänden und
Nichtregierungsorganisationen. Allerdings gab es mehr als nur einen
Schönheitsfehler. So waren die Teilnehmerinnen und Teilnehmer
handverlesen, die Rednertribüne war für Rollstuhlfahrer nicht zu erreichen
und die Ergebnisse beschränkten sich auf unverbindliche
Absichtserklärungen. So sollten die EU-Bürger über das geltende
Diskriminierungsverbot und ihr Recht auf Gleichbehandlung informiert und
Unternehmen, die dies durchsetzen, mit Preisen bedacht werden.
Auch Ende September
rühmte sich die EU-Ratspräsidentschaft, diesmal die französische, mit
langen Gästelisten und umfangreichem Programm für den zweiten europäischen
Gleichstellungsgipfel. An
den Realitäten hatte sich in der Zwischenzeit jedoch nichts geändert. Ein
Beispiel ist das von der EU-Kommission vorgelegte Sozialpaket, das
Behinderten, älteren Menschen, Homosexuellen und Andersgläubigen endlich
gleiche Rechte auch beispielsweise beim Abschluss von Versicherungen oder
bei der Vergabe von Bankkrediten zugesteht – das aber immer noch nicht
verabschiedet ist. Nicht zuletzt, weil es wieder einmal deutsche
Bundesregierung und Wirtschaft sind, die Sturm gegen die Regelung laufen.
Die finanziellen und bürokratischen Belastungen der Wirtschaft seien
untragbar, tönte Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt im Auftrag von
Industrie, Handel und Handwerk.
Fast zeitgleich zum Gipfel kam ein neuer Vorschlag aus Brüssel: Der
Mutterschutz soll europaweit auf 18 Wochen erweitert werden. In einigen
Ländern, darunter Deutschland, liegt er bei gerade einmal 14 Wochhen – ein
nach Ansicht von Spidla unhaltbarer Zustand. Ahnen Sie, woher sehr schnell
Protest gegen den Brüsseler Vorstoß kam? Die Antwort muss ich eigentlich
nicht geben. Die deutschen Unternehmerverbände schrieen Zeter und Mordio,
und "Familien"ministerien van der Leyen nannte die Forderung
"kontraproduktiv". Ich glaube, wir sind allzu undifferenziert, wenn wir
die Schuld an unsozialer Politik immer nur in Brüssel suchen. |
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