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André Brie, 9. Oktober 2007, Kolumne für "Disput"
Der Verfassung neue Kleider
Nun liegt er auf dem
Tisch. Vor wenigen Tagen verkündete die portugiesische
EU-Ratspräsidentschaft, der Textentwurf für einen neuen Vertrag über die
Europäische Union, aufgeteilt in zwei Einzelabkommen, sei fertig gestellt.
Ich habe an dieser
Stelle schon mehrfach darüber geschrieben, dass die Arbeitsweise der EU
auf eine neue, demokratische und soziale Basis gestellt werden und die
Bürgerinnen und Bürger einklagbare individuelle Rechte gegenüber den
machtvollen europäischen Institutionen erhalten müssen. Noch immer
funktioniert - oft mehr schlecht als recht - die heutige "EU-27" nach
Verfahren, die vor 50 Jahren von den sechs Gründungsstaaten in Rom
beschlossen wurden. Noch immer ist die Europäische Union wesentlich ein
Instrument der Wirtschaft, des Kapitals und der Regierungen, die in diesem
Sinne europäische Politik betreiben und soziale Aspekte weitgehend
ausblenden. Noch immer haben die Bürgerinnen und Bürger nur das Recht, das
Europäische Parlament direkt zu wählen, sonst jedoch keine
Mitsprachemöglichkeiten, und auch das Europäische Parlament ist trotz
aller Verbesserungen noch in entscheidenden Fragen aus der europäischen
Gesetzgebung ausgeschlossen. Und immer mehr wird die EU zu einem
Staatenbund, der seine Ziele auch im globalen Rahmen mit militärischen
Mitteln umsetzt.
Seinen
komprimierten Ausdruck fand dies im EU-Verfassungsvertrag. Laut einer
Umfrage des EU-Statistikamtes Eurostat vom Frühjahr sprechen sich zwar 66
Prozent der Befragten für eine Gemeinschaftsverfassung aus, in Deutschland
sogar 78 Prozent. Lieber nicht gefragt hatte Eurostat allerdings nach der
Zustimmung zu dem realen gescheiterten Verfassungsvertrag. Denn in
vorangegangenen Umfragen hatte dieser Text eine deutliche Abfuhr erhalten;
die Nein-Voten bei den Referenden in Frankreich und den Niederlanden im
Frühjahr 2005 stehen offensichtlich für die Bevölkerungsmeinung in der
gesamten Europäischen Union.
Die Regierungen in
der EU scheint das nicht zu beeindrucken. Schaut man sich die Entwürfe der
Reformverträge näher an, entpuppen sie sich als die im verschlissenen
Gewand vorgelegte Verfassung. Deren soziale Löcher wurden gar nicht erst
gestopft, neue dafür hineingerissen. Tatsächlich überraschen kann das
nicht. Schließlich hatte der "Reformgipfel" Ende Juni bereits ein
eindeutiges Mandat erteilt - zur faktischen Rettung der Verfassung. Die
von den EU-Spitzen ausgehandelten Änderungen bezogen sich im wesentlichen
auf "technische" Fragen, die wiederum eher auf nationale Befindlichkeiten
zurückgehen. Mit der Stimmregelung im Ministerrat für Polen oder dem
opt-out für Großbritannien aus der gemeinschaftlichen Sozialpolitik -
ohnehin hatte sich London aus diesen Regelungen weitgehend ausgeklinkt -
hat der Gipfel die strategische Ausrichtung erhalten.
Ich will Sie nicht
mit einzelnen Fragen langweilen, aber einige Festlegungen im Mandat und
dem Textentwurf zeigen sehr eindeutig, dass an der EU-Verfassung nur
Fassadenkosmetik vorgenommen wurde. So werden nach wie vor die
"Wettbewerbsfähigkeit" und der Binnenmarkt in das Zentrum der EU-Politik
gestellt, die "Koordinierung der Systeme der sozialen Sicherheit" soll
dagegen "energisch vorangebracht" werden. Dass es bei letzterem ganz
sicher nicht um eine Erhöhung des Niveaus geht, ist klar. Auch die
Grundrechtecharta, die als Bestandteil des Verfassungsvertrags zumindest
einige wichtige soziale und politische Rechte fixierte, wird aus den
Reformabkommen ausgegliedert und damit, auch wenn die Vertragsautoren
anderes behaupten, abgewertet. Nicht zuletzt wird der Militärkurs der EU
beibehalten. Neben der Aufrüstungsverpflichtung wird sogar noch ein
eigenständiges Budget für Militäreinsätze eingerichtet.
Angesichts dieser
Fakten nimmt es nicht Wunder, dass die Reformverträge hinter
verschlossenen Türen ausgearbeitet wurden. Drei Monate herrschte in
Brüssel und Lissabon eisiges Schweigen über den Fortgang der Beratungen.
Im Gegensatz zum Konvent zur transparenten Ausarbeitung des
Verfassungsvertrags, in dem der Öffentlichkeit wenigstens die Möglichkeit
zur Meinungsäußerung gegeben wurde, wurden die Bevölkerungen und
Parlamente von der Diskussion vollständig ausgesperrt. Das soll auch bei
der Ratifizierung der Verträge geschehen. Es sei ja keine Verfassung, die
in Volksabstimmungen bestätigt werden müsse, heißt es fadenscheinig in den
europäischen Hauptstädten. Ich bin jedoch auch in diesem Fall der Ansicht,
dass das in Irland geplante Referendum (Dänemark, Polen und Großbritannien
haben sich noch nicht entschieden) in ganz Europa Schule machen sollte.
Denn nur eine demokratisch legitimierte, friedliebende und sozial
ausgerichtete EU kann die Menschen dauerhaft mit Europa verbinden.
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