ANDRÉ BRIE    
PDS | DISPUT-KOLUMNE
 

André Brie,12. Oktober 2006,  Kolumne für Disput, Oktober 2006 

Afghanistan – fünf Jahre danach

 

„Nun werden die Taliban den Preis bezahlen. Zugleich wird das unterdrückte Volk Afghanistans die Großzügigkeit der USA und ihrer Verbündeten erfahren. Wir werden militärische Ziele angreifen, aber wir werden auch Nahrung, Medikamente und Hilfsgüter für die armen, die hungernden Männer, Frauen und Kinder von Afghanistan bringen.“ Vor fast genau fünf Jahren leitete US-Präsident Bush mit dieser Rede den Krieg gegen Afghanistan ein, der der Öffentlichkeit als „Feldzug gegen den Terror“ verkauft wurde. Weit über 20.000 US-Soldaten sind derzeit am Hindukusch stationiert, noch einmal so viele gehören zur „Schutztruppe“ ISAF. Gewonnen haben sie die Schlacht gegen den Terrorismus nicht. Das belegen nicht nur die Anschläge von Madrid und London, sondern auch das Wiedererstarken der Taliban. Kaum ein Tag vergeht ohne neue Gefechte mit den radikalislamischen Milizen. An die Meldungen, dass dabei unbeteiligte Frauen, Kinder und Männer getötet oder verletzt werden, hat man sich schon fast gewöhnt.

Und das seit mehr als einem Vierteljahrhundert von Bürgerkriegen und sowjetischer Okkupation so entsetzlich geschundene afghanische Volk hat wieder einmal den Frieden verloren.

  Ich habe an dieser Stelle schon mehrfach über Afghanistan geschrieben. Das Land und vor allem seine Menschen lassen mich nicht los. Meine Tochter trägt einen afghanischen Namen, und dem Buch der afghanisch-britischen Schriftstellerin Saira Shah "Die Tochter des Geschichtenerzählers" möchte ich viele Leserinnen und Leser wünschen. In den vergangenen Jahren habe ich das Land am Hindukusch wiederholt besucht und weiß, wenn sich die internationale Öffentlichkeit von den Menschen der Region abwendet, könnte Afghanistan zum wiederholten Male und vollständig ins Chaos fallen. Der Weg dazu ist bereits vorgezeichnet. Fünf Jahre nach dem Ende des Taliban-Regimes und der vollmundigen Hilfszusage George Bushs ist die wirtschaftliche und soziale Situation katastrophal, 2,5 Millionen Menschen sind heute akut von Hunger bedroht. Nach wie vor liegt die Infrastruktur in Trümmern, vom Wiederaufbau ist nur partiell etwas zu erkennen. Die von Washington ins Amt gehievte Regierung ist nicht nur von bestechlichen Beamten durchsetzt, sondern gilt vielen Beobachtern als eine Triebkraft der wuchernden Korruption. Mit Ausnahme der Hauptstadt Kabul beherrschen Warlords und Clanführer das Land, die Millionengewinne mit dem Drogenhandel machen. Allein in diesem Jahr ist die Anbaufläche für Mohn um 46 Prozent gewachsen – nicht zuletzt, weil der Anbau von Schlafmohn zur Rauschgiftproduktion weit lukrativer ist als die Aussaat von Getreide und in den ärmsten Regionen des Landes die Opiumherstellung nicht selten die einzige Einnahmequelle.

  Afghanistan belegt auf tragische Weise die Unfähigkeit und Unwilligkeit der westlichen Staatengemeinschaft, die tatsächlichen Ursachen des internationalen Terrorismus zu bekämpfen. Sicher habe ich nicht die Illusion, dass Unterentwicklung und Armut, Demokratiemangel und gewalttätiger Fundamentalismus über Nacht zu beseitigen wären. Tatsache aber ist, dass der Ansatz für das Vorgehen in Afghanistan von vornherein falsch war. Es existierten militärische Angriffsplanungen, aber keine tragfähigen Konzepte für die Entwicklung des Landes. Natürlich sind Hilfslieferungen wichtig und notwendig, aber es wurde und wird kein Rahmen geschaffen, um eine eigenständige Entwicklung des Landes zu ermöglichen. Ein augenfälliges Beispiel dafür ist die Landwirtschaft: In Afghanistan muss ein Agrarsektor mit eigenem Markt geschaffen werden, der von den zerstörerischen Einflüssen des Weltmarktes geschützt ist. Nur so ist die dauerhafte Lebensmittelversorgung gesichert. Nur so, nicht militärisch, kann der Schlafmohnanbau nachhaltig zurückgedrängt werden.

  Nichts davon geschieht in Afghanistan. Statt dessen treten insbesondere die US-Soldaten als Besatzer auf, für die kein Recht zu gelten scheint. Wer spricht noch über das Massaker von Mazar-i-Sharif, bei dem unter Augen von amerikanischen Militärs Gefangene getötet wurden? Wer bringt die Geheimgefängnisse, beispielsweise in Bagram, auf den Tisch, wer die Folterpraxis von ausländischen Geheimdiensten oder von „Dienstleistern“, die ihr Honorar aus Hauptstädten des Westens erhalten? Wer ahndet die zahlreichen Verstöße gegen Kriegs- und Völkerrecht, begangen im Namen des „Antiterrorkampfes“? Die "geordneten Zustände" unter den Taliban scheinen nicht wenigen Afghanen besser als die Gegenwart. Dass dabei das neu aufgebaute Schulsystem, in dem auch Mädchen Chancen auf Bildung haben, zerstört wird, ist von besonderer Tragik. Allein in den vergangenen zwölf Monaten wurden 150 Schulen niedergebrannt, 200 weitere wurden geschlossen.

  Ich fürchte, ich werde noch oft über die dramatische Entwicklung in Afghanistan schreiben müssen.

 
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