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André Brie, 11. Oktober 2005, Kolumne für "Disput"
Oktober 2005
Mukhtar Mai
Sie war damals eine
dreißigjährige junge Frau. Es geschah am 22. Juni 2002 in Meerwala, einem
pakistanischen Dorf im Punjab. Was ihr geschah, ist ohnehin entsetzlich,
aber selbst wenn man versucht, sich in die Verhältnisse dieser
abgeschiedenen Region zu versetzen, wird ein Außenstehender kaum
nachempfinden können, welch grausame Demütigung sie und ihre Familie
erlebten. Viele andere Frauen, denen es so erging und ergeht, sehen keinen
anderen Ausweg, als sich das Leben zu nehmen. In Mukhtar Mais Dorf wird
vorislamisches Stammesrecht praktiziert. Die pakistanische Rechtsanwältin
Hiani Jilani beschrieb die Situation der Frauen in dieser und anderen
ähnlichen Regionen, auch in anderen Staaten, mit eindringlichen, aber
alles andere als zugespitzten Worten: "Eine Frau hat bei uns nicht viel
mehr Individualität als ein Möbelstück. Kürzlich hat eine junge Frau es
vorgezogen, sich aufzuhängen, statt sich gegen ihren Willen verheiraten zu
lassen. das ist das einzige Recht, dass diesen unglücklichen Frauen keiner
nehmen kann."
An jenem 22. Juni
2002 wurde Mukhtar Mai vom Dorfrat zu kollektiver Vergewaltigung
verurteilt. Ihr Vergehen? Es gab keines. Ihr 14jähriger Bruder war mit
einer Frau aus einem rivalisierenden Stamm gesehen worden. Die "Ehre" des
Dorfes sollte mit dem Urteil gegen die Schwester wieder hergestellt
werden. Vier Freiwillige vergewaltigten Mukhtar Mai. Anschließend wurde
die Schreiende unter Beifall eines Pöbels nackt durch das Dorf gezerrt,
bis ihr Vater sie mit einem Schal bedeckte und nach Hause trug. Mukhtar
Mai beging nicht Selbstmord. Sie schickte sich nicht in die soziale
Ächtung, die die Opfer zusätzlich hinzunehmen haben. Was fast keine der
Tausenden Frauen wagt, die jedes Jahr in Pakistan, Indien, Afghanistan,
Iran oder Algerien für die "Ehre" des Stammes, der Familie, des Dorfes,
der Väter, Ehemänner, Brüder ermordet, gefoltert, missbraucht werden, sie
tat es. Sie wehrte sich öffentlich und rechtlich, forderte in mehreren
Gerichtsverfahren die Bestrafung der Vergewaltiger und der anderen
Beteiligten. Zweimal wurden die Täter freigesprochen; gegenwärtig sind 13
Täter (noch ohne Urteil) wieder in Haft. Mukhtar Mai wurde im Juni 2005 -
angeblich zu ihrer Sicherheit - auf die offizielle Liste der
Ausreiseverbote aus Pakistan gesetzt ("exit control list"), ihr Pass
eingezogen. Das Regime von Pervez Musharraf, "privilegierter" Partner der
USA, wollte und will verhindern, dass sie im Ausland über die brutale
Missachtung elementarster Menschenrechte für Frauen spricht. Die
Entschädigung in Höhe von 8000 US-Dollar, die sie vom Staat erhielt,
spendete sie für den Bau von zwei Schulen in ihrem Dorf, weil sie
überzeugt ist, dass sich die Situation der Frauen nur durch Bildung zum
Besseren ändern kann.
Allein in Pakistan
werden jährlich etwa 150 Frauen von Stammesgerichten zur Vergewaltigung
verurteilt. Nach Angaben des pakistanischen Menschenrechtskomitees wurden
2004 eintausend Frauen Opfer von "Ehrenmorden", viele werden mit
brennendem Öl verstümmelt. Die meisten Fälle werden nicht einmal bekannt.
In anderen Ländern sieht es ähnlich aus. Auch in Europa werden Frauen
Opfer dieser "Tradition". So wurden in Berlin nach offiziellen Angaben in
den vergangenen 12 Monaten 6 Frauen "für die Familienehre" ermordet.
Mukhtar Mai war
nicht bereit, nur Opfer zu sein, sie ist eine mutige Streiterin für
Frauenrechte, für Menschenrechte, geworden. Aber die Menschenrechts- und
Demokratiepolitik des Westens lässt sie und die anderen betroffenen Frauen
allein. Macht- und Vorherrschaftspolitik sind allemal wichtiger, und die
Menschenrechte spielen nur dann eine Rolle, wenn sie zu deren Durchsetzung
genutzt werden können. Mukhtar Mais Menschenrechte wurden in Pakistan mit
Füßen getreten, und sie werden in Europa und den USA auf empörende Weise
ignoriert. |
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