ANDRÉ BRIE    
PDS | DISPUT-KOLUMNE
 

André Brie, 14. Oktober 2004, Kolumne für „Disput“ Oktober 2004  

Michael Chrapa und die Wahlkämpfe der PDS 2002 und 2006

 

Michael Chrapa war ein reicher Mensch, reich an sozialen Kontakten, Interessen, Gedanken, Fähigkeiten, menschlicher Wärme und an Betätigungen. Für die Wahlforschung, die Wahlstrategien und die Wahlkämpfe der PDS war er unersetzlich. Als Michael Chrapa vor mehr als einem Jahr starb, würdigten ihn viele in der PDS. Aber wer hat damals seine Analysen gelesen, wer liest sie heute? Ich bin überzeugt, dass die Vorbereitung des PDS-Bundestagswahlkampfes ohne diese sehr gründliche Lektüre nicht erfolgreich sein kann. 2002 waren Parteivorstand und Wahlkampfleitung nicht bereit gewesen, Chrapas Einschätzungen zu nutzen und seinen differenzierten Schlussfolgerungen zu folgen. Während sie noch den Wahlerfolg als sicher und sogar die Möglichkeit von 8 Prozent für die PDS verkündeten, hatte Chrapa längst äußerst realistische Analysen vorgelegt, die auf die Niederlage hindeuteten, die Probleme klar benannten und Lösungen zeigten.

  Die Niederlage 2002 hat mehrere Ursachen, aber Chrapas Wertung eines umfangreichen Zahlenmaterials (während man in der PDS fast ausschließlich auf die „Sonntagsfrage“ schielt) zeigte bereits im Mai 2002, was strategisch schief lief. Das Ergebnis war nicht eine Korrektur des PDS-Wahlkampfes, sondern Chrapa wurde ins Abseits gestellt. Aber Michael Chrapa war den Tatsachen und der wissenschaftlichen Wahrheit verpflichtet, nicht den Wunschträumen einer Parteiführung, so verstand er auch seine Verpflichtung gegenüber dem Auftraggeber und seiner Partei.

  Man kann in der Politik, in Wahlkämpfen und Massenstimmungen Vieles kaum beeinflussen, schon gar nicht kurzfristig und voluntaristisch. Michael Chrapa hat es durchaus liebevoll in das Bild vom "Volk als dem großen Lümmel" gefasst. Aber die dennoch vorhandenen Möglichkeiten gibt man vollständig aus der Hand, wenn man Tatsachen ignoriert. Chrapa befragte im Frühjahr 2002 detailliert und tiefgründig Wählerorientierungen und politische Veränderungen. Die boten ganz und gar keine ausweglose Situation, aber Michael Chrapa hatte jeden Grund, im ersten Satz seines "Memos" für die damalige Bundeswahlkonferenz der PDS zu konstatieren: "Es soll nun nicht (gleich) der Notstand ausgerufen werden, aber wenn nur 50 % der Sachsen-Anhalt-Tendenzen auf den Osten ausstrahlen bzw. dort bereits gegeben sind (Wählerfluktuationen, Ablehnung der Vorstellungen von Rot-Rot), dann sieht es übel aus." Doch Chrapas Einschätzungen wurden im damaligen Parteivorstand als unerhört empfunden, und so wurden sie auch nicht erhört. Ohnehin wurde lediglich über sein Fazit diskutiert; die - wie sich zeigte - ungemein realistische Tiefenanalyse wurde vollständig ignoriert (ein Schicksal, das Wahlforschung wohl allgemein in den Parteien erleidet).

  Das Meiste aus Chrapas Wahl-Analysen hat sich nicht nur zum damaligen Zeitpunkt als realistisch erwiesen: entscheidende Einschätzungen bleiben bis heute und wahrscheinlich auch für die absehbare Zeit gültig, denn sie beruhen auf der sorgfältigen Analyse längerfristiger Veränderungen bei den Wählerinnen und Wählern. Es wäre zu hoffen, dass Michael Chrapa posthum doch noch Gehör findet bei den Funktionären seiner, unserer Partei. Ich hebe nur zwei Fragen hervor:

  Erstens: Der demokratische Sozialist Michael Chrapa war empört über die Politik des Sozialabbaus in Deutschland und in der EU. Der Wahlforscher analysierte die Unzufriedenheit und die Proteststimmung in Teilen der Wählerschaft und nahezu des gesamten PDS-Wählerpotenzials. Der Demokratietheoretiker Michael Chrapa verwies auf die demokratische Legitimität und Bedeutung dieses Protestes und die demokratische Verantwortung der PDS, ihm eine linke Adresse zu geben. Bekanntlich entzündete sich daran 2002 eine der heftigsten Auseinandersetzungen ihm gegenüber. Verkannt, nein bewusst kurzschlüssig ignoriert wurde, dass Michael Chrapa - und wiederum aus politischer Überzeugung wie aus der Analyse der Wählerstimmungen heraus - die demokratische Artikulation von Protest immer mit der eindringlichen Forderung verband, realistische und konstruktive Alternativen zu entwickeln und wirksam zu vertreten; ja: "Das Eintreten für Alternativen... fordert den kulturvollen, emotionalen und energischen Protest gegen den Geist der herrschenden Politik geradezu heraus.“ Die Bedeutung des gewiss für eine politisch verantwortungsvolle linke Politik komplizierten Phänomens ist - wie die Wahlen und die demoskopischen Ergebnisse 2004 zeigten - offensichtlich noch gewachsen.

  Zweitens: Umfangreich beschäftigte sich Chrapa  mit den Ursachen, Erscheinungen und Konsequenzen abnehmender Wähler-Parteienbindung, zunehmender Parteienskepsis und der zunehmenden Labilität und Dynamik im Wahlverhalten großer Bevölkerungsgruppen. Was das für ihn hieß, war sicher begründet und bleibt sein Vermächtnis an die Wahlkämpfer der PDS: "Wenn das Volk am Wahltag als Volker und Susi, als Markus und Marina ihre Stimme 'abgeben', so tun sie dies wortwörtlich: Sie suchen jemanden, den sie beauftragen, ihre Interessen auf der Ebene des parlamentarischen Systems auf Zeit zu vertreten. Sie erwarten nicht viel und kriegen oft noch weniger, weshalb sie dann oft geneigt sind, einfach der Wahl fernzubleiben. Sie haben dann keinen glaubwürdigen Vertreter gefunden. Man braucht sich dabei überhaupt nicht zu wundern: Es existieren sowohl eine verbreitete Politik- bzw. Parteienverdrossenheit als auch große Wählerfluktuationen in Dimensionen, die in Bezug auf künftige Wahlen keinerlei Sorglosigkeit zulassen... Dieser Umstand belegt auch, dass das fast hypnotische Starren auf aktuelle Umfragen (die ja faktisch nur Netto-Werte vermitteln) ohne Orientierungen auf Motive, Einstellungen etc. an der Realität vorbeilaufen kann.“

 
STARTSEITE
 
 
 
ARTIKEL, BRIEFE, PRESSEMITTEILUNGEN, REDEN
DISPUT-KOLUMNE
externer Link SOZIALISTEN.DE
externer Link PDSMV.DE / LANDESVERBAND
MECKLENBURG VORPOMMERN
externer Link PDS-IM-BUNDESTAG.DE
externer Link ROSA-LUXEMBURG-STIFTUNG
 
 
 
HERE YOU FIND SELECTED TEXTS IN ENGLISH.
 
 

ICI, VOUS TROUVEZ DES
TEXTES CHOISIS EN FRANÇAIS.

SEITENANFANG