|
André
Brie, Kolumne für "Disput" Oktober 2003
Programmparteitag:
Erfolg als Selbstzweck?
Natürlich
nicht. Die PDS hat mehr als fünf Jahre über ein neues Programm
diskutiert. Ich habe nie das Argument verstanden, die PDS brauche kein
neues Programm. Erstens ist unser derzeitiges nur gut zwei Jahre nach dem
Ende der DDR angenommen worden und sehr von diesem Bruch gekennzeichnet.
Zweitens ist die PDS real in vielen wesentlichen politischen Fragen (und
mit Parteitagsbeschlüssen) weit über das Programm hinaus oder von ihm
weg gegangen. Das im übrigen nicht, weil Programme ohnehin nur Papier
sind, sondern weil die Bedingungen der Politik uns gar keine andere Wahl
ließen. Drittens eben haben sich Gesellschaft und Welt in den vergangenen
zehn Jahren gravierend verändert. Meist zum Schlechteren. Unsere vor
einem Jahrzehnt von der gesamten Gesellschaft geteilte Forderung "Von
deutschem Boden darf nie wieder Krieg ausgehen!" haben SPD und Grüne,
CDU/CSU und FDP mit der Aggression gegen Jugoslawien zunichte gemacht. Der
Streit gegen Krieg, offensive Militärstrategien und Hightech-Rüstungen
muss heute unter anderen Voraussetzungen geführt werden. Zertrümmert
wird auch der Sozialstaat. Andere Probleme hatten wir kaum gründlich
behandelt: Die Europäische Union ist ein immer machtvollerer und
unmittelbarerer Rahmen jeder Gesellschaftspolitik. Und einflussstarke
Gegenkräfte gegen die kalte und zerstörerische Globalisierung formieren
sich, von denen Anfang 1993 noch nichts erkennbar war. Ihre selbstbewusste
Losung "Eine andere Welt ist möglich!" haben auch wir
aufgegriffen.
Ich glaube aber auch, dass ein neues Programm notwendig ist, weil
wir damals, so kurz nach dem Zusammenbruch der DDR und der Sowjetunion
kaum ernsthafte Aussagen zu unserem radikal erneuerten Sozialismusverständnis
machen konnten (die ganze Passage dazu, der Teil 3 des alten Programms,
umfasst lediglich eine Druckseite, darunter zudem auch noch Beschreibungen
unserer Differenzen). Im jetzigen Entwurf gibt es - aus meiner Sicht -
eine ungleich gründlichere, entschiedenere und offensivere Hinwendung zu
sozialistischen Zielen und sozialistischer Politik. Den Vorwurf, das neue
Programm sei "weniger sozialistisch" oder eine "Abkehr vom
demokratischen Sozialismus", kann eigentlich nur einer erheben, der
das alte Programm mit seinen wirklich dürftigen Sozialismus-Passagen
nicht gelesen hat. Am Rande möchte ich auch anmerken, dass wir, meiner
Meinung nach, nicht vergessen sollten, dass Idee und Konzept des
demokratischen Sozialismus die wohl grundlegendste Abkehr von der
SED-Politik sind. Chemnitz ist dafür ein symbolträchtiger Ort: Mit der
PDS wird zum zweitenmal nach dem SPD-Parteitag von 1912 eine Partei des
demokratischen Sozialismus in der Stadt tagen, die zugleich Geburtort
zweier kritischer Intellektueller war, die für die weitreichende Veränderung
und Erneuerung der PDS so wesentlich waren: Stefan Heym und Walter Janka.
Ich glaube, dass die Menschen in Deutschland und unsere
internationalen Partnerinnen un Partner ein Recht darauf haben, endlich
klarere und aktuelle programmatische Positionen und die Entscheidungen der
PDS über ihren Platz in der Gesellschaft zu erfahren. Die
Unentschiedenheit in gesellschaftlichen Grundfragen, vor allem aber die
Versuche, die PDS nicht als eigenständiges, modernes sozialistisches
Projekt, sondern als Stoiber-Verhinderungspartei oder
Mehrheitsbeschafferin Schröders zu definieren, waren nach meiner Überzeugung
die Hauptursache für die Wahlniederlage 2002.
Nein, Selbstzweck ist der Programmparteitag wahrlich nicht. Und
doch sollten wir uns auch darüber im klaren sein: Die PDS braucht einen
erfolgreichen und kulturvollen Parteitag. Sie benötigt ein starkes
positives Signal in die Gesellschaft hinein, dass sie zu zeitgemäßen und
klaren Entscheidungen in der Lage ist, dass sie eine Programmatik annimmt,
die beides gleichermaßen ist - den Hoffnungen, Freuden, Interessen und
Sorgen der Menschen zugewandt und gesellschaftspolitische,
demokratisch-sozialistische Alternative. Gerade linke Parteien sind nicht
für sich selbst da. Wenn sie zu politischer und gesellschaftlicher
Wirkung unfähig sind, erübrigen sie sich. Die PDS hat die Krise der
Wahlniederlage, Selbstbeschäftigung und innerparteilichen Machtkämpfe
noch nicht überwunden. Das Medienecho ist inzwischen besser, aber wenig
intensiv. Viele Menschen fragen sich, ob es uns überhaupt noch gibt, und
ob wir noch Antworten geben können, die mit ihrem Leben real und
politisch wirksam zu tun haben. Andere halten die PDS inzwischen doch für
ein Auslaufmodell. Am 25. und 26. Oktober gibt es die Chance, dass
Millionen Menschen erfahren: Die PDS ist zurück. Zurück bei den
Menschen. Zurück in der Politik. Zurück in gesellschaftlichen statt in
innerparteilichen Auseinandersetzungen. Zurück im Erfolg.
Und dieser Erfolg, dieses Signal muss jetzt kommen, nicht
irgendwann 2004. Es ist verdammt nötig. Es ist nach 5 Jahren höchste
Zeit. Deshalb, und weil ich als Wahlkampfleiter weiß, dass uns auch ein
guter Wahlkampf nur über die 5 Prozent bringen wird, wenn wir lange
vorher positiv erlebbar sind (und wir haben schon so elend viel Zeit
verloren), sage ich auch eindeutig, dass ich vom Vorschlag einer
Urabstimmung nichts halte. Ja, auch ich will Basisdemokratie, ja, ich
engagiere mich gerade für eine Volksabstimmung zur EU-Verfassung, aber
solche Abstimmungen haben elementare Voraussetzungen: Öffentlichkeit,
umfassende Information über das Pro und Kontra, intensiven öffentlichen
und transparenten Meinungsstreit. Wer das organisieren will, wird
angesichts vieler organisatorischer Schwierigkeiten und der alles andere
als berühmten Kommunikation innerhalb der PDS sehr viel Zeit benötigen.
In der Öffentlichkeit würde es am 26. Oktober die Nachricht geben:
PDS-Programm nicht beschlossen. Ich kann mir schlechterdings nicht
vorstellen, mit einem solchen Bild in einen erfolgreichen Wahlkampf gehen
zu können. Darüber hinaus bin ich aber auch überzeugt, dass eine fünfjährigen
Diskussion mit Tausenden Veranstaltungen, Hunderten Zuschriften, mehreren,
sehr ernsthaft veränderten Entwürfen eine große basisdemokratische
Legitimation für ein neues Programm
der Partei des Demokratischen Sozialismus ist.
|
|