|
André Brie, 8. September 2008, Kolumne für Disput, September 2008
Der Krieg, die
Wahrheit und Europa
"Es war schon
ziemlich beängstigend, dass der Westen, allen voran die USA und
Großbritannien, die Realitäten in der Welt nach Belieben zu Ihrem Vorteil
änderten. Es werden neue Geschichtsbücher verfasst, damit die Geschichte
zu Gunsten der Eroberungszüge passt. Alle Medien im Westen schreiben, ganz
ohne Kontrolle durch Sicherheitsdienste brav die Lügen, die dem Imperium
aus USA und Großbritannien dienen."
Diesen Leserbrief
zum Kaukasus-Konflikt und der Berichterstattung darüber habe ich in der
online-Ausgabe einer Zeitung gefunden. Nicht im Neuen Deutschland, sondern
in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Von Meinungsäußerungen wie jener
von Herrn Matthias M. am 27. August gibt es in dem konservativen Blatt gar
nicht so wenige. Und gleich hunderte Protestschreiben gingen bei der
Tagesschau ein, nachdem ein mit dem russischen Regierungschef Wladimir
Putin geführtes Interview heftig und unverkennbar tendenziös "gekürzt"
wurde. Der Moskauer ARD-Korrespondent Thomas Roth, ansonsten durchaus um
eine objektive Sicht auf Russland bemüht, wies den Vorwurf der Zensur
vehement zurück. Weshalb er aber, wie viele der Zuschauer kritisierten,
permanent aus Tbilissi berichtete und ganz offensichtlich Positionen und
Diktionen der georgischen Führung übernahm, erklärte der Reporter nicht.
Auch nicht, nach welchen Kriterien die Kürzungen vorgenommen wurden.
Bezeichnend ist aber, dass gerade jene Passagen wegfielen, die die
georgische Aggression und die Unterstützung des Westens dafür klar
benannten.
Mit dieser Art
Berichterstattung lag nicht nur die ARD ganz auf Linie der meisten
Regierungen in der EU, auch der deutschen. Aus Berlin kamen scharfe Worte
in Richtung Moskau. Die Bundeskanzlerin sei "der Sehnsucht in der Union
nach dem alten Gegner Russland, den man offenbar vermisst hat", erlegen,
konstatierte der SPD-Politiker Niels Annen im "Spiegel". Aber so
unwahrscheinlich es klingen mag: In der EU waren es nicht zuletzt
Bundeskanzlerin Merkel und Außenminister Steinmeier, die eine weitere
Eskalation verhinderten. Sicher auch, weil Russland wichtigster
Energielieferant Deutschlands ist. Bei Rohöl kamen im vergangenen Jahr
fast ein Drittel aller Einfuhren, knapp 34 Millionen Tonnen, aus Russland.
Und bei Erdgas stammten 2007 die deutschen Einfuhren zu 37 Prozent aus
russischen Lagerstätten. Trotz der großen Energieeinfuhren im Handel mit
Russland verzeichnete die Bundesrepublik aber sogar noch einen
Handelsbilanzüberschuss mit Russland - er lag im vergangenen Jahr bei rund
einer halben Milliarde Euro. Die Handelsbilanz von Russland mit der EU
insgesamt schloss 2007 dagegen lau Eurostat mit einem Defizit von 54,5
Milliarden Euro für die europäischen Staaten. Vor allem aber
berücksichtigt man in Berlin offensichtlich, dass Russland ein
unerlässlicher politischer Partner bleibt.
Die EU steht ganz
offensichtlich unter dem Druck der US von anderen Staaten, die eine
antirussische und prinzipienlos pro-amerikanische Politik verfolgen und
bereit sind, eine Konfrontation mit Moskau einzugehen. Die
Unverantwortlichkeit besteht einerseits darin, dass die EU die US-Politik
der Einkreisung Russlands – und auch Chinas – mitträgt und versucht,
insbesondere Russland zu schwächen und zu isolieren. Andererseits werden
kaum Strategien entwickelt, die tatsächlich auf die so oft beschworene
strategische Partnerschaft mit Russland abzielen.
Dies ist nur eine
– aber entscheidende – Facette des Grundproblems, dass es nach 1990 bis
heute nicht gewollt war oder nicht gelungen ist, eine neue europäische und
globale Sicherheitsarchitektur zu schaffen. Die UNO wurde mehr und mehr
zum Instrument zur Absicherung der aggressiven Washingtoner Politik zur
Durchsetzung US-amerikanischer Interessen; die einst stabilitätsfördernde
Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) wird kaum
noch wahrgenommen. Dagegen hat sich die NATO bis an die russischen Grenzen
ausgedehnt (inzwischen ist Russland von Skandinavien bis China komplett
von Staaten eingeschlossen, die der NATO oder der NATO-Partnerschaft für
den Frieden angehören), die Militarisierung der EU wird forciert, in Polen
und Tschechien ein US-amerikanisches Raketenabwehrsystem installiert, das
nur angeblich nicht gegen Moskau gerichtet ist. Zugleich wurde fast das
gesamte russisch-amerikanische Rüstungskontrollsystem durch die USA
zerstört, und der modifizierte Vertrag über die Begrenzung konventioneller
Waffen in Europa wurde durch die meisten westlichen Staaten bislang nicht
ratifiziert. Nicht zuletzt setzen sich EU, NATO und USA auch in
territorialen Fragen unverfroren über das Völkerrecht hinweg. Mit der über
Jahre betriebenen Abtrennung des Kosovo von Serbien und letztlich der
Anerkennung der Unabhängigkeit der Provinz traf der Westen keine
„spezifische Entscheidung“, sondern schuf einen Präzedenzfall. Das
allerdings wurde in der Berichterstattung über den Kaukasus-Konflikt
weitgehend verschwiegen. |
|