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André Brie, Kolumne „Disput“,
14. September 2006
Heimtückische
Killer
Was haben der
Entertainer Günther Jauch und die Tagesschau-Moderatorin Anne Will, der
Sänger Marius Müller-Westernhagen, der Fußballer Miroslav Klose und der
Kabarettist Dieter Hildebrandt gemeinsam? Alle fünf Prominente, und neben
ihnen viele andere, engagieren sich in der weltweiten Kampagne gegen
Landminen. Seit Jahren sind in Deutschland und weltweit Zehntausende
Menschen aktiv, um ein Verbot und eine Beseitigung dieser Waffen, die vor
allem gegen die Zivilbevölkerung gerichtet sind, zu erreichen. Während
praktisch das gesamte bestehende und ohnehin löchrige internationale
Rüstungskontroll- und Abrüstungssystem akut gefährdet ist, weil die USA
die Verträge kündigen, nicht ratifizieren oder massiv verletzen, ist es in
den späten neunziger Jahren dieser Bewegung gelungen, zum erstenmal in der
Geschichte ein Rüstungsverbot von unten durchzusetzen.
Minen gehören
zu den grausamsten und heimtückischsten Vernichtungsmitteln, die die
Arsenale von Armeen, von paramilitärischen Milizen und von Rebellen
verschiedenster Couleur zu bieten haben. Allein im vergangenen Jahr ist
die Zahl der Todesopfer durch Minen und durch erst später explodierte
Sprengkörper um elf Prozent gegenüber dem Vorjahr gestiegen. 7.328
Menschen verloren nach offiziellen Angaben durch die versteckten Altlasten
ihr Leben. Die nicht gemeldeten Fälle dürften noch deutlich darüber
liegen. Rund eine halbe Million Zivilisten sind durch die im Boden
versteckten Waffen verletzt oder verstümmelt worden. Vor allem Kinder, die
sich den oft einem Spielzeug ähnlichen Minen nähern, werden bei der
Explosion getötet oder verlieren Arme und Beine.
Dass die
Opferzahlen im laufenden Jahr sinken, ist nicht zu erwarten. Noch immer
werden Minen – und die mit ihnen technisch verwandten Clusterbomben, die
entweder in viele kleinere Splitterbomben oder Landminen zerfallen – in
bewaffneten Konflikten und Kriegen eingesetzt. So hat die israelische
Armee während ihrer Angriffe auf Libanon nach Angaben von
Menschenrechtsorganisationen mehr als eine Million Streubomben über dem
Land abgeworfen. Selbst ein hoher Offizier, der an der Offensive beteiligt
war, bezeichnete den Einsatz dieser Waffen als „abscheulich und verrückt“.
Dabei gibt
gerade der Kampf gegen die Landminen Grund zum Optimismus. Die Konvention
wurde 1997 im kanadischen Ottawa unterzeichnet. Sie verbietet den Einsatz,
die Lagerung und den Handel mit Antipersonenminen. Insgesamt 151 Staaten
haben das entsprechende Protokoll bis heute ratifiziert, drei weitere
unterschrieben. In diesem Monat treffen sich die Teilnehmerstaaten in
Genf, um Bilanz zu ziehen. Und die fällt unter den gegebenen Umständen
nicht schlecht aus: Keiner der Unterzeichnerstaaten hat im vergangenen
Jahr Minen eingesetzt, heißt es in dem Bericht, der vor der
Überprüfungskonferenz von der Internationalen Kampagne gegen Landminen (ICBL)
erstellt wurde.
Zur Bilanz
gehört aber auch, dass sich gerade die militärisch starken Staaten wie die
USA, Russland und China dem Minenverbotsvertrag nicht angeschlossen haben.
Von den 40 Ländern, die das Ottawa-Protokoll nicht unterzeichnet haben,
stellen 13 diese Waffen weiterhin her, unter anderem die USA, Iran und die
beiden koreanischen Staaten. Das Pentagon plant sogar die Entwicklung
einer neuen Generation von Anti-Personen-Minen und hat dafür 1,3
Milliarden Dollar beantragt. Zwar hat der US-Kongress die Projekte
ausgesetzt. Ein Umdenken der Militärs in Washington in der Frage der
Landminen gibt es aber offensichtlich nicht.
Auch die
europäischen Staaten haben keineswegs eine weiße Weste. Zwar hat sich die
Europäische Union mehrfach und nachdrücklich gegen Minen ausgesprochen und
Gelder zur Minenräumung bereitgestellt, das Europaparlament hat in einer
Resolution die Beseitigung aller Anti-Personen-Minen gefordert. Trotzdem
gehörten oder gehören zahlreiche europäische Firmen, darunter Unternehmen
mit klangvollen Namen, zu den Hauptlieferanten der tödlichen Technik.
Damit nicht genug: Mit Griechenland unterhält ein EU-Mitglied an seinen
Grenzen noch immer Minenfelder, in denen .immer wieder Menschen sterben.
Fast einhundert „illegale Immigranten“ sind laut Berichten aus Athen in
den vergangenen 15 Jahren an der griechisch-türkischen Grenze ums Leben
gekommen.
Abrüstung, so
scheint es derzeit, ist angesichts einer wachsenden Zahl von Konflikten
und Kriegen und der insbesondere von Washington forcierten Militarisierung
der internationalen Politik ins Hintertreffen geraten. Noch in diesem Jahr
werden auch Überprüfungskonferenzen zum Verbot biologischer und chemischer
Waffen stattfinden. Dass Abrüstung gegenwärtig kaum ein Thema von
Massenbewegungen ist, ist beunruhigend. Von den Staaten wird nichts
Positives kommen. Der öffentliche Druck, der die Ottawa-Konvention
erzwungen hat, ist dringender denn je. |
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