|
André Brie, 30. August 2005, Kolumne für Disput, September 2005
Gestohlene Chancen
Liebe Leserinnen,
liebe Leser,
meine Tochter Saira
ist jetzt ein halbes Jahr alt. Wenn ich von den Sitzungen in Brüssel und
Straßburg oder von anderen Terminen nach Hause komme, überrascht sie mich
oft mit neuen Lauten, mit ihrem neugierigen Blick oder einem schallenden
Lachen. Sie verändert sich, lernt fast jeden Tag. Die meisten von Euch
werden das Glücksgefühl kennen, Kinder oder Enkel aufwachsen zu sehen.
In die Freude
mischen sich aber auch Sorgen, auch wenn ich gegenwärtig eine
privilegierte soziale Situation genieße. Wird Saira die Chancen auf eine
Entwicklung haben, die ihren Wünschen und Fähigkeiten entspricht? Und
unter welchen Bedingungen? Bei meinen großen Töchtern erlebe ich solche
Probleme ohnehin hautnah mit.
Deutschland, eines
der reichsten Länder der Welt, ist nur in Sonntagsreden kinderfreundlich.
Kinderarmut ist hierzulande eine weit verbreitete Realität. Unter Hartz IV
hat sich die soziale Situation für Hunderttausende noch einmal dramatisch
verschlechtert: Nach einer Studie des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes
(DPWV) hat die Umsetzung der letzten Stufe der “Arbeitsmarktreform” zum
Jahresbeginn die Zahl der von Armut betroffenen Kinder von 1,2 Millionen
auf 1,7 Millionen steigen lassen. In den neuen Bundesländern liegt die
Kinderarmutsquote bei 23.7, in Westdeutschland bei 12.4 Prozent. Auf
weitere 200.000 schätzt der DPWV die Dunkelziffer der Kinder, die zwar ein
Anrecht auf eine Sozialleistung haben, deren Eltern jedoch den Anspruch
nicht geltend machen. 14,2 Prozent der Kinder sind arm – jedes siebente in
Deutschland. "Wir können es uns nicht leisten, 1,7 Millionen Kinder auf
einem Einkommensniveau zu belassen, das ihnen schlicht Zukunftschancen
nimmt", warnte der Paritätische Wohlfahrtsverband. Das ist aber nur die
eine Seite: Eine junge Generation, die gut gebildet ins Berufsleben tritt,
kann wesentlich zur Lösung der demografischen und sozialen Probleme
beitragen, die sich allen westlichen Ländern stellen. Kinder sind nicht
nur die schwächsten Glieder der Gesellschaft, sie sind auch ihre Zukunft.
Sieben Jahre
sozialdemokratisch-grüner Regierung haben zur weiteren Ausgrenzung großer
Teile der kommenden Generation geführt. Kinder aus armen Familien werden
bei der Einschulungsuntersuchung siebenmal häufiger zurückgestellt als
andere – weil ihr Sprach- und Sozialverhalten, ihre feinmotorischen und
Konzentrationsfähigkeiten nicht den Anforderungen entsprechen. Nur knapp
ein Drittel aller Kinder aus weniger begüterten Familien schafft nach
Untersuchungen des Deutschen Kinderschutzbundes den Übergang zu einer
weiterführenden Schule. Dagegen haben Kinder von Gutverdienern unter
Rot-Grün 7,4fach größere Chancen, ein Studium aufzunehmen, als Kinder aus
einkommensschwachen Haushalten.
Die Defizite
musste selbst die Schröder-Fischer-Regierung eingestehen. Beim deutschen
Bildungs- und Betreuungsangebot für Kinder gebe es einen „unübersehbaren
Nachholbedarf“, konstatierte der von einer Experten-Kommission erarbeitete
12. Kinder- und Jugendbericht der Bundesregierung. Zu lange habe sich die
deutsche Politik bei der Betreuung von Kindern und Jugendlichen auf eine
„geschlechtsspezifisch organisierte Familie“, sprich auf die Frau am Herd,
verlassen. Das deutsche Bildungssystem müsse vor allem erwerbstätige und
alleinerziehende Mütter stärker unterstützen. Und Familienministerin
Schmidt – es ist Wahlkampf – kündigte umgehend Besserung an. Versprochen
hat das die rot-grüne Koalition aber schon einmal: “Dem Ausbau von
Ganztagsschulen und Ganztagseinrichtungen (...) kommt wegen des großen
Nachholbedarfs aktuell besondere Bedeutung zu: für die Kinder und deren
Bildungschancen, aber auch im Interesse der Vereinbarkeit von Familie und
Beruf. Dies ist zugleich die wirkungsvollste Strategie, Armut in Familien
und von Kindern zu verhindern.” Zitat SPD-Wahlprogramm 2002.
Union und FDP
boten und bieten keine Alternative. Die Liberalen plakatieren die
Forderung nach kostenlosen Kitas für alle – und schreiben die vollständige
Privatisierung der Kinderbetreuung in ihr Wahlprogramm. Und auch die CDU
verspricht unter der Überschrift „Familie hat Zukunft“ eine bessere
Vereinbarkeit von Familien- und Berufsleben und ein umfassendes und
bezahlbares Angebot an Kindereinrichtungen. Am selben Tag aber, als der
Paritätische Wohlfahrtsverband seine Studie vorstellte, hieß es in einer
Mitteilung der hessischen CDU-Regierung: „In Kommunen mit einem
anhaltenden Haushaltsdefizit ist anzustreben, die auf andere Weise nicht
gedeckten Kosten der Kinderbetreuungs-Einrichtungen durch Elternentgelte
zu finanzieren.“ Nur von links kommt eine wirklich kinderfreundliche und
menschenwürdige Position. Es lohnt sich, es ist dringend notwendig, dafür
ebenso leidenschaftlich zu streiten wie für unsere anderen Alternativen.
|
|