| André
Brie am 13. September 2003, Kolumne für den Disput 09/2003
Berlin,
Kundus, Washington
Lebenslänglich
ohne Prozess. So stellte sich Pentagon-Chef Donald Rumsfeld dieser Tage
das weitere Schicksal der US-Gefangenen auf Guantanamo vor. Fast 700
„illegale Kämpfer“ vor allem aus Afghanistan, darunter auch Kinder,
werden auf dem Stützpunkt wie Tiere in Käfigen gehalten. Völkerrecht
gilt nicht, wenn es die US-Politik behindert. Menschenrechte werden
missachtet, wenn sie nicht ins Konzept des „Kampfes gegen den
Terrorismus“ passen.
Dabei ist gerade in Afghanistan dieser Kampf gründlich gescheitert
– nicht zuletzt, weil es den USA in Afghanistan primär um ganz andere
Ziele, insbesondere eine imperiale und militärische Hegemonie, geht. Kaum
ein Tag, ohne dass aus dem Land am Hindukusch neue Angriffe und Überfälle,
weitere Verletzte und Todesopfer gemeldet werden. Vor wenigen Wochen habe
ich mir selbst ein Bild von der Lage vor Ort gemacht: Hoch explosiv,
instabil und bedrohlich ist die Situation; die Handlungsfähigkeit der
zerstrittenen Interimsregierung unter Hamid Karsai gerade einmal auf die
Hauptstadt Kabul beschränkt, die Macht regionaler Warlords ungebrochen.
Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch berichtete kürzlich von
einem „Klima der Angst“ in Afghanistan. Erpressungen, willkürliche
Verhaftungen und Gewalt gegen Frauen seien an der Tagesordnung. Nicht
selten seien sogar Sicherheitskräfte und Politiker direkt und indirekt an
Menschenrechtsverstößen beteiligt.
Die Gründe für diese Entwicklung sind offensichtlich. Zum einen
fehlte von Beginn an ein schlüssiges Konzept für die Demokratisierung
und den wirtschaftlichen Aufbau des Landes. Der Krieg gegen das
Taliban-Regime wurde im Oktober 2001 trotzdem begonnen. Mit Bomben lassen
sich jedoch weder Armut noch Unterentwicklung überwinden und damit die
eigentlichen Wurzeln des Terrorismus beseitigen. Dazu bedarf es wirklicher
Hilfe und finanzieller Unterstützung. Die Regierung Karsai und auch die
UNO hatten den Finanzbedarf Afghanistans in den nächsten zehn Jahren auf
mindestens 15 bis 20 Milliarden Dollar geschätzt; die Geberkonferenz im März
hat für die kommenden zwölf Monate aber gerade einmal 1,8 Milliarden
Dollar zugesagt. Und selbst diese Hilfe wird dem Land zum großen Teil
vorenthalten: Erst zu Monatsbeginn kürzte der Ministerrat der EU –
gegen den Widerstand des Europaparlaments übrigens – die
vorgeschlagenen Gelder im laufenden Jahr von 184 auf 175 Millionen Euro
und kündigte auch für die kommenden Jahre Einschnitte an.
Zum anderen war es der Westen selbst, der die Herrschaft der
Warlords über weite Teile Afghanistans festigte. Die Nordallianz lieferte
mit ihren Soldaten das Kanonenfutter für den US-geführten Krieg gegen
die Taliban. Das wohl schrecklichste Beispiel für den Schulterschluss von
Amerikanern und Nordallianz war das Massaker von Mazar-i-Sharif. Hunderte
gefangene Taliban wurden unter den Augen und unter der Verantwortung von
US-Militärs niedergemetzelt. Natürlich erwarteten die lokalen
Kriegsherren für ihre Kooperation Gegenleistung, die sie auch bekamen.
Unbehelligt konnten sie ihre Macht in den Provinzen ausbauen, praktisch
ihr eigenes Rechtssystem installieren, sogar mit einer Rekordproduktion
von Opium die eigenen Kassen füllen. Daneben häufen sich Berichte,
wonach große Teile der internationalen Finanzhilfe direkt in die Taschen
der Machthaber in den Provinzen fließen. Keine Spur auch von einer
Entwaffnung der früheren Nordallianz und anderer Milizen sowie der
Reintegration ihrer Kämpfer – was für die Herstellung von tatsächlichen
Sicherheit aber unumgänglich ist. Ob Gulbuddin Hekmatyar oder Ismail
Khan, ob Rashid Dostum oder Mohammed Fahim – sie alle unterhalten in
„ihren“ Provinzen heute schlagkräftige Privatarmeen und kümmern sich
wenig um das, was in Kabul beschlossen wird.
Die Kastanien sollen nun andere für die Bush-Administration aus
dem Feuer holen. Und einige geben sich bereitwillig dafür her. So wie die
rot-grüne Bundesregierung, die demnächst ein „regionales
Wiederaufbauteam“ nach Kundus in Nordafghanistan entsenden will. Dass
dabei der UN-Beschluß, der den Militäreinsatz der Stabilisierungstruppe
ISAF auf Kabul beschränkt, gebrochen wird, spielt offensichtlich keine
Rolle. Dass damit die Tätigkeit der humanitären Hilfsorganisationen
einen militärischen Anstrich erhält, ihre Arbeit diskreditiert und die
Helfer der verstärkten Gefahr von Überfällen ausgesetzt werden, wird übergangen.
Dass sich gerade in jenen Gebieten, in denen bereits US-Wiederaufbautrupps
agieren, die Sicherheitslage deutlich verschlechtert hat, wird ignoriert.
Auch die „Ruhe und Sicherheit“, die Bundeswehr-„Erkunder“
Generalleutnant Riechmann plötzlich vor der Entscheidung des
Bundes-Sicherheitskabinetts (wochenlang war von dem Bericht nichts zu
sehen oder zu hören) konstatierte, ist trügerisch: Der über die Provinz
herrschende Nordallianz-Führer und Verteidigungsminister Mohammed Fahim
hat ein Regime errichtet, das jenem der Taliban ähnelt und in dem alle
„mißliebigen Tendenzen“ brutal unterdrückt werden.
Worum also geht es Berlin mit dem geplanten Bundeswehreinsatz in
Kundus? Zum einen wollte Schröder sich offensichtlich das ersehnte
Treffen Bush erkaufen, zum anderen wohl will man sich in Washington wieder
als Partner für weltweite Militäraktionen empfehlen. Denn das vom Weißen
Haus ursprünglich verlangte Engagement im besetzten Irak ist nicht zu
machen – zu deutlich sind Schröder und Fischer die Proteste und die
Massendemonstration gegen den Irak-Krieg noch in Erinnerung. „Schröder
bleibe standhaft“, hieß es auf einem Plakat während des
Millionen-Marsches in Berlin. Gemeint hatten die Demonstranten damit aber
sicher nicht nur Irak, sondern weltweite militärische Abenteuer.
Nach der Peitsche für die Position im Irak-Krieg gibt es für das
Angebot der Deutschen zum verstärkten Einsatz in Afghanistan nun
Zuckerbrot aus Washington: Schröder darf am Rande der UNO-Vollversammlung
tatsächlich zur Audienz bei dem Kriegsverbrecher aus Washington
erscheinen.
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