|
André
Brie, 23. September 2003, Kolumne für die Septemberausgabe von
"Disput"'
"Aus
Verlust kann etwas Neues entstehen"
Das
Erscheinungsdatum von "Disput" wurde wegen der Bundestagswahl um
eine Woche verschoben. Nun sitze ich am Montag Vormittag und soll die
monatliche Kolumne abliefern. Gestern Abend war ich noch auf der
Wahl"fete" der Partei. Morgens ging es mit dem Flugzeug nach
Straßburg. Zu erzählen wäre der Schock nach den ersten Prognosen, die
zahllosen Gespräche mit PDS-Mitgliedern, Sympathisanten, Journalisten,
meinen Töchtern, die pausenlosen Anrufe, die Diskussionen "Was wäre
wenn...", Jetzt-Erst-Recht-Stimmung, Traurigkeit, die späte Nacht,
in der die Gedanken sich im Kreise bewegten. Ich denke an einen alten
Genossen in meinem Parchimer Kreisverband, der in diesem Sommer 700
Plakate geklebt, Hunderte Flyer verteilt, mehr als 120 Euro gesammelt hat,
an Bundestagsabgeordnete und Mitarbeiterinnen, Mitarbeiter, die arbeitslos
werden und deren hohe Kompetenz uns fehlen wird. Nach Straßburg bin ich
mit drei sozialdemokratischen Abgeordneten geflogen. Sie waren freundlich
zu mir, aber ihre eigene Freude tat mir weh.
Ich schreibe darüber, weil es mir schwer fällt, unmittelbar nach
einer solchen Niederlage nur rational zu analysieren und weil eine reine
Trotz-Haltung keinen Ausweg ermöglichen wird. Ich plädiere für eine
schonungslose Analyse, deren Schwerpunkt nicht bei den äußeren Problemen
dieses Wahlkampfes und seiner Zuspitzung auf Stoiber kontra Schröder,
sondern bei unseren Fehlern und Defiziten liegen muss. Denn nur die können
wir überwinden. Ich plädiere für weitreichende Veränderungen unserer
politischen Strategie, unseres öffentlichen Auftritts, unserer
Arbeitsweise und Organisation. Ich plädiere dafür, sich nicht
unterkriegen zu lassen, den Kopf hoch zu nehmen, Zuversicht zu haben.
Nicht blind, nicht trotzig, sondern aus der Erkenntnis heraus, dass
hausgemachte Fehler auch selbst korrigiert werden können, aus der
Erkenntnis, dass der in allen anderen Parteien dominierende
Neoliberalismus durch eine zukunftsorientierte soziale Alternative
herausgefordert werden muss und kann, aus der Erkenntnis, dass die
sozialistische PDS in Deutschland daher dringend gebraucht wird und ein
stabiles Wählerpotenzial von deutlich mehr als sechs Prozent für sie
nachweisbar existiert, aus der Erkenntnis, dass diese Partei den Reichtum
von Zehntausenden engagierten Mitglieder hat. Wofür ich ganz und gar
nicht plädiere, sind persönliche Auseinandersetzungen und
Schuldzuweisungen. Inhaltlicher Streit kann produktiv sein, persönliche
Querelen sind immer abstoßend, und sie verdecken fast immer die
wirklichen, die inhaltlichen Differenzen und Erfordernisse.
Unsere Niederlage und unsere Situation waren 1990 viel schlimmer.
Damals haben wir uns dennoch entschlossen, eine neue sozialistische Partei
zu entwickeln. Wir hatten Mut zu und Lust auf Veränderungen. Ich hatte in
den vergangenen fünf, sechs Jahren oft den Eindruck, dass beides uns
abhanden gekommen ist. Müssen Menschen nicht spüren können, dass eine
sozialistische Partei, die einzige Partei, die nicht in die neoliberale
Mitte drängelt, eine faszinierendes Projekt ist? Müssen sie nicht
Leidenschaft, Emotionalität und Zuversicht von Menschen erleben können,
die sich dafür einsetzen? Und muss nicht gerade eine solche Partei den
Mut zur Wahrheit haben, auch über ihre eigenen Schwierigkeiten? Und das
in der Öffentlichkeit, weil die Menschen nicht zu dumm für schwierige
Tatsachen sind und weil unsere eigene Klugheit ohnehin nicht ausreicht
ohne die unserer Mitglieder, unserer Wählerinnen und Wähler und der
kritischen Intellektuellen!
Ich meine, dass wir erstens aufhören müssen, uns und anderen in
die Tasche zu lügen. Wahrheiten und Tatsachen muss man annehmen, wenn man
etwas ändern will. Beschönigungen, Zweckoptimismus und Ignoranz gegenüber
Realitäten und Kritiken müssen aufhören. Lange vor Gysis Rücktritt
(der allerdings einiges verschärft hat) wurden die Probleme
offensichtlich. Aber sie wurden geleugnet und kritische Diskussionen
teilweise sogar diffamiert. So wollten wir vielleicht ein optimistisches
Bild verbreiten, aber wir haben uns der Möglichkeit von rechtzeitigen
(sicherlich schwierigen) Veränderungen und der Einbeziehung der
Parteibasis beraubt.
Zweitens muss die PDS wieder bereit sein zur Selbstveränderung.
Ich meine damit keine Anpassung an den gesellschaftlichen Mainstream. Aber
wenn die PDS wirklich zur Veränderung von Politik und Gesellschaft
beitragen will, dann natürlich nicht rückwärts gewandt, nicht durch
Verweigerung und Selbstisolierung, aber auch nicht dadurch, dass sie sich
selbst zur arithmetischen Manövriermasse der Sozialdemokratie machen lässt,
auch nicht unter dem Gesichtspunkt, Stoiber verhindern zu wollen.
Alternative politische Inhalte, eine gesellschaftspolitische Rolle als
demokratische, reformorientierte sozialistische Partei (nicht als
ostdeutsche Regionalpartei oder als zweite Sozialdemokratie) und eine
soziale Erlebbarkeit der PDS, die sie deutlich von den anderen Parteien
unterscheidet, sind erforderlich! Es geht nicht um Opposition oder
Regierung. Das sind in beiden Richtungen selbstverliebte, arrogante
Fragestellungen. Es geht um die Inhalte von Opposition und von Regierung.
Nur so finden wir auch einen Ausweg aus der Falle jenseits der beiden
Lager, nur so finden wir zu uns, nur so werden wir bei unseren Wählerinnen
und Wählern wieder ankommen!
Drittens: Wenn Menschen nicht erleben, dass wir ihre Hoffnungen,
Freuden, Sorgen, Fragen wirklich ernst nehmen, und zwar nicht primär mit
unseren vielen mehr oder minder klugen Papieren, sondern dadurch, dass sie
uns mit dieser Aufmerksamkeit für sie - nicht für uns! - erleben können,
werden wir auch mit den besten Konzepten nichts erreichen. Das verlangt
kreative und hochprofessionelle Öffentlichkeitsarbeit, enormes außerparlamentarisches
Engagement und vor allem ein persönliches Leben unter den Menschen, mit
denen nur gemeinsam Politik verändert werden kann.
Vieles ist offen. Aber so wie ich überzeugt bin, dass es vor allem
unsere eigenen Fehler waren, so halte ich es auch für möglich, dass die
PDS bei den Landtags- und Europawahlen 2004 ein erfolgreiches Comeback
erlebt. Eben bekomme ich einen Brief von einer Sozialdemokratin: "Ich
habe gestern sehr an Sie gedacht und die tiefe Enttäuschung nachgefühlt...
Aber vielleicht wird ja aus der 'Raupe' PDS ein Schmetterling, und die
Partei ist im Umbruch, an einer Art Wendepunkt. Aus Verlust kann etwas
Neues entstehen." Genau das wollte ich sagen.
|
|