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André Brie, Kolumne für Disput, September 2001
Rassismus
hat viele Gesichter
Der
11. September 2001 ist ein grausiger Tag in der Geschichte. Tausende
Unschuldige wurden verbrannt, erstickt, unter Trümmern begraben. Das
wichtigste Menschenrecht, das Recht auf Leben, wurde mit Füßen getreten.
Viel und lange wird über die Ursachen und Schlussfolgerungen nachgedacht,
sehr viel in dieser Welt verändert werden müssen, um Widerholungen
auszuschließen.
Um
Menschenrechte ging es zwei Wochen zuvor auch in der südafrikanischen
Hafenstadt Durban. Eine Woche lang waren die Blicke der Weltöffentlichkeit
auf die UNO-Konferenz gegen Rassismus gerichtet. Fast 12.000 Abgesandte
aus 126 Staaten, darunter über ein Dutzend Staats- und Regierungschefs,
sowie Vertreter von etwa 70 Nichtregierungsorganisationen (NGO’s) hatten
sich zu der zum dritten mal von der Weltorganisation veranstalteten Tagung
eingefunden.
Eines
wurde in Durban überdeutlich: Rassismus hat heute viele Gesichter. Zur
Debatte standen nicht nur Sklaverei und der jahrhundertelange
Kolonialismus, sondern auch die Unterdrückung von Frauen, die
Diskriminierung von Minderheiten, Menschenrechtsverletzungen und Völkermord.
Wer sich in der Welt umschaut, stößt wohl überall auf die Fakten: Die
„ethnischen Säuberungen“ auf dem Balkan, die Rückweisung von Bootsflüchtlingen
durch Australien, die Angriffe auf katholische Schulmädchen in
Nordirland, die Kinderarbeit in Taiwan, die brutalen Polizeiübergriffe
auf Schwarze in den USA – die Liste ließe sich beliebig fortsetzen.
All
dies gehört auf die Tagesordnung, will man sich dem Thema Rassismus und
Diskriminierung in der heutigen Zeit nähern. Für bedenklich halte ich
jedoch die Instrumentalisierung der Menschenrechte für durchsichtige
Ziele. Natürlich musste sich Durban mit dem Konflikt im Nahen Osten beschäftigen.
Eine Diskussion aber, die darauf angelegt ist, einseitige
Schuldzuweisungen durchzusetzen, um die Verurteilung eines Staates dann
politisch zu nutzen, widerspricht dem Anliegen der Konferenz. Andererseits
haben sich die USA und Israel mit dem vollzogenen – und die Europäische
Union mit dem angedrohten – Auszug aus Durban keinen Gefallen getan.
Gerade die Vertreter aus der sogenannten Dritten Welt fühlten sich durch
dieses Vorgehen offensichtlich an das Kolonialgehabe des „weißen
Mannes“ erinnert.
Dabei
haben die Staaten des Nordens keinerlei Anlass, sich als Hüter der
Menschenrechte zu gebärden. Der ohne UN-Mandat gegen Jugoslawien geführte
Krieg mit Hunderten Opfern unter der Zivilbevölkerung, als „Kollateralschaden“
abgetan, spricht eine ebenso deutliche Sprache wie das Embargo gegen Irak,
dem vor allem Frauen und Kinder zum Opfer fallen. Und in der Europäischen
Union, die sich so gern auf die Werte der französischen Revolution
bezieht, sind Rassismus und Diskriminierung keine Fremdworte. Wie groß
der Handlungsbedarf ist, zeigte die Tatsache, dass die EU das Jahr 1997
zum „Europäischen Jahr gegen den Rassismus“ erklärte. Zu diesem
Zeitpunkt gaben in einer EUROBAROMETER-Meinungsumfrage 33 Prozent der
Befragten in der Gemeinschaft offen zu "einigermaßen
rassistisch" oder "sehr rassistisch" zu sein. Als
Konsequenz startete Brüssel ein Aktionsprogramm: Neue Rechtsvorschriften
gegen Diskriminierung und Rassismus sollten geschaffen, das Thema in die
Gemeinschaftsprogramme und –politiken (z.B. zur Beschäftigungsförderung)
eingebracht, Projekte zur Förderung der Gleichheit finanziell unterstützt
werden. Zudem nahm 1997 die Europäische Beobachtungsstelle für Rassismus
und Fremdenfeindlichkeit ihre Arbeit auf. Liest man jedoch die Nachrichten
über ständig neue Übergriffe auf Asylbewerber oder Angehörige von
Minderheiten, dürfte sich trotz aller Aktivitäten am Meinungsbild von
1997 kaum etwas geändert haben.
Brutale
Angriffe auf Asylbewerber, auf Linke, oder einfach nur auf Menschen, die
anders als die Masse sind, werden in Deutschland nahezu täglich in den
Zeitungen vermeldet. Sie sind allerdings nur die Spitze des Eisbergs. Für
ebenso bedenklicher halte ich den „schleichenden Rassismus“, der nicht
nur an den Stammtischen, sondern in großen Teilen der Bevölkerung um
sich greift. Fast hat man sich an die „Ausländer-raus-Losungen“, an
Hakenkreuz-Schmierereien oder rechte Aufmärsche mit tumben Parolen gewöhnt.
Fast nimmt man gar nicht mehr wahr, dass Farbige auch bei uns von der
Polizei oftmals als potenzielle Drogenhändler betrachtet werden. Fast
will man Verständnis für die Bewohner schmucker Dörfer haben, die ein
Asylbewerberheim als Schandfleck in der Landschaft betrachten.
Leider
leistet auch die „offizielle Politik“ dem unterschwelligen Rassismus
Vorschub. Ein Blick auf das von Bundesinnenminister Otto Schily vorgelegte
neue Einwanderungsgesetz spricht Bände: Ist es nicht ein Verstoß gegen
das deutsche Grundgesetz, wenn Asylbewerbern, die sich in der
Bundesrepublik politisch betätigen, der Entzug der Aufenthaltserlaubnis
droht? Widerspricht es nicht den Menschenrechten, wenn Opfer von
nichtstaatlicher und geschlechtsspezifischer Verfolgung nicht als Flüchtlinge
anerkannt werden? Zeugt es nicht von Ignoranz gegenüber der Menschenwürde,
wenn die Frage von Asylsuchenden, die trotz politischer Verfolgung nicht
anerkannt wurden, im Schily-Gesetz unberücksichtigt bleibt? Und ist es
nicht diskriminierend, dass das sogenannte Flughafenverfahren für
Immigranten nicht generell abgeschafft wird?
Die
PDS hat sich folgerichtig gegen den Schily-Vorschlag ausgesprochen. Es
geht aber nicht nur um Opposition im Bundestag, sondern vor allem um die
Bekämpfung von Rassismus durch viele Menschen im täglichen Leben. Dafür
bedarf es eines wachen Auges, um die Diskriminierung zu erkennen – und
des Mutes, sie anzusprechen.
Bei allen
Rufen nach Zivilcourage darf aber eines nicht vergessen werden: Eine der
Hauptursachen für den „modernen Rassismus“ liegt in der desolaten
sozialen Situation, vor allem in den neuen Bundesländern. Wer dieses
Problem nicht konsequent angeht, wird sich immer wieder mit Ablehnung des
Fremden und der Angst vor dem vermeintlichen Konkurrenten konfrontiert
sehen.
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