ANDRÉ BRIE    
DIE LINKE | DISPUT-KOLUMNE
 

André Brie, 13. August 2008, Kolumne für „Disput“, August 2008 

Megatonnen – megaout?

 

Natürlich wurde an den Jahrestagen der Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki der Toten dieser Kriegsverbrechen gedacht, und in fast allen Zeitungen erschienen Meldungen und Artikel dazu. Doch das Thema nuklearer Aufrüstung und Abrüstung ist ansonsten aus den Medien und der Öffentlichkeit weitgehend verschwunden. Die Massenbewegungen der siebziger und achtziger Jahre gegen das atomare Wettrüsten sind Vergangenheit. Die Ängste vor dem Wettrüsten mit Massenvernichtungswaffen, die die Zivilisation auslöschen können, scheinen ebenso verschwunden zu sein wie der Zorn über diese unverantwortliche Politik.

  Warum eigentlich? Die Superpowerkonfrontation mit ihren Overkill-Kapazitäten und dem Gleichgewicht des Schreckens ist Geschichte. Die USA und Russland haben ihre atomaren Arsenale quantitativ verringert. Südafrika und Brasilien haben ihre atomaren Waffenprogramme eingestellt. Dennoch ist die öffentliche Beruhigung für mich völlig unverständlich und absolut unangebracht. Allein Russland und die USA besitzen noch immer Kernwaffen mit einer Explosionskraft von 2700 Megatonnen des herkömmlichen Sprengstoffs TNT. Das ist die 900fache Menge der im Zweiten Weltkrieg eingesetzten Explosivstoffe, es entspricht 180.000 Hiroshimabomben und ist vielfach ausreichend die menschliche Zivilisation zu vernichten und eine Klimakatastrophe auszulösen, die für die meisten anderen Lebensformen auf der Erde ebenfalls tödlich wäre. Vor allem aber hält – insbesondere durch die USA – die „Modernisierung“ der Kernwaffen mit dem Ziel an, sie militärisch einsetzbar zu machen – durch sogenannte Mini-Nucs und tief in den Boden eindringende und bunkerbrechende Sprengköpfe. Zugleich sind die Nuklearstrategien aggressiver geworden. Die USA und Russland unterhalten mehr als ein Drittel ihrer Kernwaffen im Alarmzustand, so dass sie innerhalb von drei Minuten gestartet werden können. Die USA und die NATO (seit Ottawa 1999) drohen sogar Nichtkernwaffenstaaten den Ersteinsatz von Nuklearwaffen gegen angebliche oder tatsächliche Bestrebungen an, eigene Massenvernichtungswaffen zu entwickeln. Es ist in höchstem Maße zu fürchten, dass Israel noch in diesem Jahr genau diese Strategie, wahrscheinlich allerdings mit konventionellen Mitteln, gegen den Iran anwenden wird. Vielleicht haben wir dann auch wieder Massenbewegungen gegen den Krieg. Aber zu spät.

  Das Gerichtsurteil des Internationalen Gerichtshofes, der Kernwaffen und die Androhung ihres Einsatzes 1996 als völkerrechtswidrig bezeichnete, wird von den Kernwaffenmächten ignoriert. Die USA haben in den vergangenen Jahren einen großen Teil des bestehenden Rüstungskontrollsystems zerstört – den Vertrag über die Begrenzung der Raketenabwehrwaffen gekündigt (und sie sind gerade dabei, in Europa neue solche Systeme zu stationieren, angeblich gegen den Iran, in Wahrheit gegen Russland), der Vertrag über das vollständige Verbot von Kernwaffenversuchen wurde nicht ratifiziert, die Verhandlungen über die Einstellung der Produktion von spaltbarem Material oder zur Reduzierung der strategischen Kernwaffen werden von ihnen blockiert. Zynisch sind angesichts dieser Tatsachen die amerikanischen und EU-europäischen Forderungen nach Nichtweiterverbreitung von Kernwaffen. Der dazu bestehende, älteste nukleare Rüstungskontrollvertrag legte auch die Verpflichtung der Kernwaffenstaaten fest, über die vollständige Beseitigung ihrer Waffen zu verhandeln. Es ist nur zu logisch, dass die Zahl der Kernwaffenmächte sich inzwischen fast verdoppelt hat: Israel, Indien, Pakistan und Nordkorea sind hinzugekommen: Gegen die Bedrohung durch Kernwaffen gibt es keinen anderen Schutz als selbst mit ihnen drohen zu können.

  Das jedenfalls ist die Logik der USA, die sie mit imperialer Macht global durchsetzen, aber unfähig sind zu verhindern, dass andere Staaten ihr folgen. Der einzige wirkliche Schutz gegen die Weiterverbreitung von Kernwaffen und ihren vernichtenden Einsatz, das eben ist die Quintessenz von Artikel 6 des Nichtweiterverbreitungsvertrages, sind ihr uneingeschränktes Verbot und ihre vollständige, wirksam kontrollierte Abrüstung. Diese Einsicht ist weit verbreitet aber politisch wirkungslos, und die erforderliche Massenbewegung zu ihrer Durchsetzung fehlt derzeit praktisch in der ganzen Welt. In der ganzen Welt? Nein, in einem kleinen Ort im östlichen Kanada, in Pugwash, kommen auch heutzutage Hunderte Einwohnerinnen und Einwohner, wohl die Hälfte der Bevölkerung, zu Debatten über nukleare Abrüstung und fordern das weltweite Verbot dieser Waffen. Dort hatten sich vor mehr als fünfzig Jahren Kernphysiker und andere Wissenschaftler getroffen, die das Einstein-Russell-Manifest zum totalen Bann nuklearer Waffen verwirklichen wollten. Dort ist diese Idee lebendig und von dort gewinnt sie neue Kraft. Costa Rica und Malaysia legten 1997 der Un-Vollversammlung den Entwurf eines solchen Vertrages vor. Viele internationale Organisationen und eine Mehrheit der Staaten unterstützen ihn. Die Verträge über das Verbot von Landminen in den neunziger Jahren und von Clustermunition 2008 haben gezeigt, dass zivilgesellschaftlicher Druck die Regierungen zum Handeln zwingen kann. Das ist auch die Überzeugung, die ich im Juli aus Pugwash mitgenommen habe. Ein erster schneller Schritt muss der Abzug der US-Kernwaffen aus Europa, darunter aus Deutschland sein. Es ist höchste Zeit für neue Massenbewegungen und politische Kämpfe gegen die Atombombe.

 
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