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André Brie, 9. August 2006, Kolumne für „Disput“
Die Ernte der
bösen Saat
Albert Camus fand
nicht seinen Platz im algerischen Befreiungskampf. Er konnte und wollte
sich weder auf die eine noch auf die andere Seite stellen und träumte von
der Freiheit der Algerierinnen und Algerier in einer
französisch-algerischen Föderation. Er war nicht fähig, das ganze und das
verbrecherische Wesen des Kolonialismus zu erkennen. Seine Analyse der
Gewaltspirale und ihrer Konsequenzen jedoch ist klug und hochaktuell:
„Wenn wir zum Beispiel den praktischen Fall der Leute in Algerien nehmen,
die nicht davor zurückschrecken, die Unschuldigen niederzumetzeln oder
andernorts zu foltern oder ihre Folterung zu entschuldigen, so ist ihr
Vorgehen auch die Quelle unberechenbarer Fehler, da es gerade die
Verbrechen zu rechtfertigen droht, die man bekämpfen will... die Folter
(der französischen Kolonialarmee; A.B:) hat vielleicht um den Preis einer
gewissen Ehre erlaubt, dreißig Bomben aufzufinden, aber sie hat
gleichzeitig fünfzig neue Terroristen auf den Plan gerufen, die auf andere
Art und anderswo noch mehr Unschuldige in den Tod schicken werden.“
Im neuen, dem
fünften gezählten Nahost-Krieg seit 1948, der in Wirklichkeit aber die
Fortsetzung eines permanenten Krieges ist, zeigt die Gewaltspirale ihre
blutige Konsequenz. Was Ursache, was Reaktion ist, wird von den
feindlichen Akteuren unterschiedlich beurteilt und im Konkreten ist es
tatsächlich oft nicht mehr unterscheidbar. Aber wenn Angela Merkel
behauptet, die Ursache dieses Krieges sei eindeutig die Entführung zweier
israelischer Soldaten durch die Hisbollah, so wird bewusst die historische
Dimension dieses Krieges auf den Kopf gestellt. Es ist Israels
Unterdrückungs- und Aggressionspolitik, die nicht die Sicherheit seiner
Menschen gewährleistet, sondern die Gewaltursache im Nahen Osten und das
Umsichgreifen extremistischer Überzeugungen bedeutet. Urteile und
politische Schlussfolgerungen müssen äußerst verantwortungsvoll ausfallen.
Das Existenzrecht und die Sicherheit Israels müssen auch für die Linke ein
politisches Axiom sein. Und Terrorismus ist durch nichts zu rechtfertigen.
Aber sein Vormarsch ist erklärbar. Es sind vor allem Israel selbst und die
ganze kapitalistische Welt, die den Terrorismus und den ideologischen
Fundamentalismus rekrutieren. Israel gilt noch immer als der einzige
demokratische Staat der Region. Aber was ist das für eine Demokratie, die
seit fast sechzig Jahren ein anderes Volk vertreibt, brutal unterdrückt
und auf entsetzliche Weise täglich demütigt?! Terrorismus muss in seinen
Ursachen bekämpft werden. Doch wer wie Bush und Olmert, Merkel und Blair
darunter die „vollständige Vernichtung terroristischer Strukturen“ einen
„Krieg gegen den Terrorismus“ versteht, bekämpft eben nicht diese
Ursachen, sondern er hat andere, imperiale Vorherrschaftsziele und
erneuert und erweitert die Ursachen: Die ökonomische Ausplünderung der in
Unterentwicklung gehaltenen Länder und Völker, ihre politische
Unterdrückung und kulturelle Demütigung, die zudem eine geleugnete, aber
offenkundige rassistische Dimension hat. Wer einmal gesehen, mit offenen
Augen, mit offenem Herzen und Verstand erlebt hat, wie das
palästinensische Volk, aber auch die arabischen Staatsbürger Israels,
durch die israelische Gewalt- und Vertreibungspolitik zu leiden haben,
unerträglich zu leiden haben, der wird eine Überzeugung nicht mehr los
werden: Israels Existenz und Sicherheit sind ebenso untrennbar an die
Freiheit und Unabhängigkeit der Palästinenser geknüpft, wie die Bekämpfung
des Terrorismus nur gelingen wird, wenn es ökonomische, politische und
kulturelle Freiheit und Gleichberechtigung für den Süden der Erde geben
wird.
Israel führt einen
weiteren Aggressionskrieg, missachtet Völkerrecht und jedes humanitäre
Recht, bombardiert selbst die Flüchtlingslager jener Menschen, die es in
früheren Kriegen vertrieben hat. Und es ist der gesamte Westen, der diesen
Krieg gemeinsam mit Israel führt. Es ist Zeit eindeutig Partei zu
ergreifen. Nicht für die Hisbollah, sondern auch gegen sie, ihre
terroristischen Methoden, ihr reaktionäres Frauenbild, ihre
rückwärtsgewandten gesellschaftspolitischen Visionen. Nicht gegen Israel,
aber gegen die menschen- und rechtsverachtende Politik seiner Regierung.
Für ein freies Palästina, den Rückzug Israels aus den besetzten
palästinensischen, libanesischen und syrischen Gebieten, und so auch für
ein sicheres und demokratisches Israel.
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