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André
Brie, 13. August 2003, Kolumne für Disput
Wie
brav darf eine sozialistische Partei sein ?
Manchmal
werde ich in programmatischen Diskussionen gefragt, ob uns ein klares
sozialistisches Profil der PDS nicht den Vorwurf der Verfassungswidrigkeit
einbringen könne. Ich sehe eine solche Gefahr in keiner Weise. Ich bin im
Gegenteil überzeugt, dass eine Republik, in der die Verfassungsrealität
dem Verfassungsanspruch des Grundgesetzes angenähert würde, eine
demokratisch-sozialistische Tendenz hätte. Ich möchte heute jedoch nicht
darüber schreiben, wie radikal, wie sozialistisch die PDS sein darf,
sondern im Gegenteil wie brav, lahm, introvertiert und bieder sie sein
will, sein darf, bis sie sich selbst erledigt hat.
Es
ist für mich seit langem ein Phänomen: In unseren Veranstaltungen und
Presseerklärungen überbieten wir uns in der Empörung über sozialen
Kahlschlag, Arbeitslosigkeit, imperiale Machtpolitik, Bildungsmisere,
Demokratieab- und Rüstungsaufbau. Aber das Bestreben, dagegen und für
unsere Alternativen in die Öffentlichkeit und auf die Straße zu gehen,
scheint geradezu umgekehrt proportional zu unserem Zorn zu stehen. Immer
wieder höre ich auch den Ärger über die „bürgerlichen Medien“, die
uns ignorieren würden. Natürlich gibt es nicht selten eine Blockade
gegen die PDS. Aber erstens gibt es auch genügend Gegenbeispiele,
zweitens muss hinsichtlich der überregionalen Medien nüchtern berücksichtigt
werden, dass eine Partei, die nicht mehr als Fraktion im Bundestag
vertreten ist, real ein wesentlich geringeres politisches Gewicht
aufweist, drittens, und das vor allem möchte ich diskutieren, sollten wir
uns selbst vielleicht mal die Frage stellen, ob Berichte über unsere
edlen Reden in unseren schönen Mitglieder- und Kreisversammlungen für
Zehntausende Leserinnen und Leser von Tageszeitungen tatsächlich so
attraktiv wären, wie uns selbst das vorkommen mag. Und das gleiche gilt für
die meisten unserer zahllosen Presseerklärungen.
Wenn
ich mich richtig erinnere, liegt die letzte große soziale
Protestkundgebung der Bundes-PDS ungefähr acht oder gar zehn Jahre zurück
und fand vor der damaligen Außenstelle des Bundesbauministeriums in
Berlin statt. Günstiger (ich rede zunächst nur über die Bundespartei)
sieht es allein bei unserem Widerstand gegen die Kriege der jüngsten
Vergangenheit aus. Aber allein in den vergangenen acht Wochen sind vom
Parteivorstand drei verschiedene Flugblätter zur Gesundheitspolitik
produziert worden. Im alten Vorstand hat es ja auch nicht an Positionen
zur Agenda 2010 gefehlt. Das ganze Internet der PDS war mit Presseerklärungen
einzelner PDS-Politikerinnen und –Politiker überfüllt. Woran es
wochenlang gemangelt hatte, war eine gemeinsame Erklärung, und woran es
bis heute mangelt, sind die Konzeption und Organisation, unseren
Widerstand und unsere Alternativen – unter gewiss nicht einfachen
Bedingungen – in die Öffentlichkeit, in die geistigen und politischen
Diskussionen außerhalb der PDS zu bringen, oder gar soziale und
politische Bewegung mit ihnen zu befördern.
Ich
möchte eine demokratische und kulturvolle linkssozialistische Partei.
Verbalradikalismus oder gar Krawallpolitik sind mir zuwider; ich halte sie
für grundsätzlich falsch, politisch gefährlich und kontraproduktiv.
Aber ich möchte erstens eine Partei, die nicht nur in Veranstaltungsräumen
und Papieren, sondern in den realen gesellschaftlichen
Auseinandersetzungen und Bewegungen für ihre Überzeugungen und Ziele
brennt. Zweitens sind meiner Meinung nach die besten politischen
Positionen wenig wert, wenn die Betroffenen, wenn Hunderttausende (!)
Betroffene nichts von ihnen erfahren.
Im
Wahlkampf 2002 haben uns viele Wählerinnen und Wähler als eine Partei
erlebt, für die die Regierungsfrage (Schröder oder Stoiber) entscheidend
war. Hunderttausende unserer eigenen Wähler hatten jedoch völlig andere
Probleme und blieben folgerichtig zu Hause. Hunderttausende andere meinten
offensichtlich: Ja, die PDS hat Recht. Und sie wählten Regierung. Warum
man dazu den Umweg über eine Stimme für die PDS gehen sollte, konnten
wir ihnen nicht vermitteln. Wie auch! Nach der Wahlniederlage brach dann
ein halbes Jahr an, in dem wir der Öffentlichkeit mit beispielhafter
Wirksamkeit demonstrierten, dass uns unsere inneren und persönlichen
Differenzen hundertmal wichtiger als die Menschen sind, von denen wir gewählt
werden möchten.
Und
jetzt? Ich glaube, dass seit dem Sonderparteitag sich Manches zum Besseren
gewendet hat. Aber es lässt sich wahrlich nicht behaupten, dass uns die
Menschen in intensiver und breiter Öffentlichkeit als eine
sozialistische, eine widerständige, eine selbstbewusste, eine
konstruktive und alternative Partei erleben könnten, als eine Partei,
deren politische Kultur sich definieren lässt als Partei im Alltag der
Menschen. Mit einer positiven Ausnahme (Biskys Kommunaltour) konzentriert
sich unsere Arbeit auf Presseerklärungen und –konferenzen und
Papierproduktion. Vorschläge für kreative Aktionen bleiben im
Parteivorstand und im übrigen auch in einigen Kreisorganisationen
unbeantwortet oder werden abgelehnt. Vor allem wird eine solche
Notwendigkeit gar nicht (mehr???) gesehen. Dabei könnten vielen Menschen
auf diesem Wege unsere Stellung in der Gesellschaft und unsere politischen
Positionen nicht abstrakt und in unserem linken Papierdeutsch nahe
gebracht werden, sondern sinnlich und medienwirksam (ich habe nicht ein
einziges Mal in 13 Jahren erlebt, dass die Medien politisch und sozial
genaue, intelligente und originäre Aktionen der PDS ignoriert hätten –
ganz im Gegenteil haben wir dafür in den Medien Sympathie erfahren). Wir
waren mal eine Partei, die Clara Zetkins Namen auf den von Christo verhüllten
Reichstag projiziert, die in einer spektakulären und abenteuerlichen
Aktion mit Gysi und einem 100 qm großen Transparent den Palast der
Republik besetzt, die Frankfurter Börse blockiert und lange vor
Greenpeace (die kamen 2002) am Brandenburger Tor ein Transparent
angebracht hatte („Auch die Grenze zwischen oben und unten muss
weg!“). Und immer haben die Medien umfangreich berichtet. Vor allem aber
hatten wir auch durch die Form unserer Politik vermittelt: Das ist eine
andere Partei! Demokratisch, kulturvoll, aber mit deutlich sichtbaren
Unterschieden zu den anderen.
Solche,
professionelle, moderne, subversive sowie politisch und kulturell
oppositionelle Öffentlichkeitsarbeit löst bei weitem nicht alle Probleme
der PDS. Brav, bieder und selbstgenügsam zu sein (nicht mehr den Willen
zu haben, Millionen Menschen zu erreichen), das allerdings verschärft die
Probleme und macht eine sozialistische Partei – außer in Versammlungen
und Papieren, für die sich sehr, sehr wenige Menschen interessieren –
unkenntlich. Partei: parteiisch. Das müssen Menschen erleben können.
PDS: Partei des Demokratischen Sozialismus kann spannend sein. PDS:
Papiere des Demokratischen Sozialismus, das bewegt nur uns selbst.
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