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André
Brie, 7. August 2002, Kolumne für die Mitgliederzeitschrift der PDS
„Disput“, August 2002
Einmal
muss es sein
Seit
fast zwei Jahren schreibe ich Monat für Monat die Kolumne für
„Disput“. Nie habe ich sie für persönliche Auseinandersetzungen
benutzt, gar missbraucht. Diesmal mache ich eine Ausnahme.
Am 6. August 2002 behauptete das „Neue Deutschland“, Brie wolle
eine neue Linkspartei. Einen Tag später begann die Zeitung damit, die
dazu gehörigen Leserbriefe zu veröffentlichen. Andere empörten sich in
einer Sitzung der Bundestagsfraktion oder auf den Seiten von SPIEGEL
ONLINE. Mit den Vorwürfen werde ich mich hier nicht auseinander setzen.
Erstens würde das langweilig werden, zweitens sind ihre Grundlagen nicht
existent. Was mich an diesem Beispiel jedoch nachhaltig bewegt, ist die
Frage nach unserer politischen Kultur, ihren Wurzeln und ihren möglichen
Defiziten.
Zunächst sei einfach festgestellt, dass in dem Interview mit der
„Mitteldeutschen Zeitung“ meinerseits mit keinem Wort von einer neuen
Partei die Rede ist. Ich halte Parteien natürlich nicht für heilig. Ich
werde niemals wieder bereit sein, die „Sache“, „die Partei“ etc.
über Menschliches zu stellen. Allerdings verbindet mich mit der PDS
dennoch viel Emotionalität. Es waren die 12 am intensivsten gelebten
Jahre meines Lebens, die ganz wesentlich mit dem Zusammenbruch der DDR und
der SED, der schwierigen und erfolgreichen Herausbildung der PDS verbunden
waren. Ich hatte faszinierende Aufgaben, und unvorstellbar glückliche
Momente in dieser Arbeit. Ich habe vor allem Freundinnen und Freunde fürs
Leben gefunden, wunderbare Menschen kennen gelernt und sie an meiner Seite
behalten: in Dresden, in Beckendorf, Hamburg, Schwerin, Trusetal, Bad
Salzungen, Duisburg...
Aber Parteien sind natürlich kein Selbstzweck. Ihre Rolle ist
immer wieder neu zu definieren und zu überprüfen.
Es gab tatsächliche eine Situation, in der ich eine neue
Linkspartei gefordert habe. 1989 und Anfang 1990 gehörte ich zu jenen,
die die Auflösung der SED bzw. SED/PDS und die Neugründung einer
sozialistischen Partei wollten. (Darüber habe ich mich schriftlich und mündlich
schon oft geäußert.) In meiner Arbeit als Wahlkampfleiter begriff ich später
in „hautnahem“ Erleben, dass ein solches Unterfangen illusorisch
gewesen wäre und der Weg zu einer modernen Linkspartei in Deutschland nur
aus der SED heraus möglich sein wäre – wie schwer das auch immer würde.
Auch diesen Wandlungsprozess meiner Überlegungen habe ich mehrfach veröffentlicht
und begründet.
Zu meinen Vorstellungen über die Entwicklung einer politisch
wirkungsvollen und starken Linken im Deutschland des 21. Jahrhunderts habe
ich viel publiziert. Ganz kurz: Ich halte die Entwicklung einer neuen
Linken für bei weitem nicht abgeschlossen. Ich bin im Gegenteil überzeugt,
dass sie gerade erst beginnt. Erstens wird die PDS selbst ihren Veränderungsprozess
fortsetzen. Zweitens ist die Linke parteipolitisch eh viel breiter und
steht in einer veränderten Welt vor z.T. völlig neuen Herausforderungen.
Die anhaltenden Mitgliederverluste und die Überalterung aller Parteien,
insbesondere auch der linken, zeigen z.B., wie schwer die Antwort auf die
kulturelle und soziale Veränderung der Gesellschaft fällt. Ohne eine
SPD, die sich auf ihre emanzipatorische und kapitalismuskritische
Tradition besinnt, wird es zudem kaum etwas mit einer neuen Politik in
Deutschland werden. Drittens: Ich halte die Zeit der großen linken
Klassenparteien für überholt. Die kulturelle und soziale Heterogenität
moderner Gesellschaften wird auch eine organisatorische Differenz befördern.
Umso mehr geht es um die Fähigkeit der Linken zur produktiven Kooperation
in der Unterschiedlichkeit, beispielsweise darum, dass die deutsche Linke
nach jahrzehntelangem gegenseitigen Zerstörungskampf lernt und bereit
ist, strategisch zusammenzuarbeiten, ohne sich gegenseitig missionieren zu
wollen. Viertens wird die Öffnung linker Parteien zu den neuen
internationalen sozialen Bewegungen immer mehr zu der Schlüsselfrage
linker Perspektiven (ATTAC, Porto Alegre, viele spezifische und außerordentlich
wirkungsvolle internationale Bewegungen/Organisationen). Von dieser Öffnung
sind wir in fast jeder Hinsicht, und insbesondere kulturell, noch weit
entfernt.
Meine Auffassungen müssen niemanden unbedingt interessieren. Ich
gebe auch zu, dass man sie für völlig falsch und völlig unwichtig
halten kann. Was ich nicht verstehe und nicht akzeptiere, ist jedoch, dass
jene Genossinnen und Genossen, die sich über meine (angeblichen)
Auffassungen äußern (nicht in einem einzigen Fall mir gegenüber), sich
nicht sachkundig machen. Der Zweck heiligt eben immer noch die Mittel.
Wahrheit und Authentizität sind sekundär, wenn es darum geht, einen
andersdenkenden Menschen politisch zu erledigen oder die eigene Überzeugung
als einzig mögliche Position zu verkaufen.
Ich war sicherlich oft selbst nicht zimperlich in
Auseinandersetzungen, aber ich habe versucht, mich mit Menschen auf der
Grundlage ihrer wirklichen Aussagen auseinander zu setzen, nicht auf der
Grundlage von Unwahrheiten. Und ich reklamiere für mich, auch politische
Kontrahenten gegen Diffamierungen und Unterstellungen verteidigt zu haben,
Ellen Brombacher beispielsweise in der damals noch existierenden
„Berliner Linke“ (1992) oder Michael Benjamin 1999 im „Disput“.
Ich war und bin überzeugt, dass die Linke die Diffamierungsmentalität
der SED überwinden muss, die Andersdenkende in der Partei mit dem
Vokabular aus der Schädlingsbekämpfung attackierte („Parteischädling“,
„Reinigung“, „Säuberung“, „Vernichtung der innerparteilichen
Opposition“ usw.). So direkt wird das heute niemand mehr sagen, aber die
alten kulturellen und politischen Muster der SED, aus der wir kommen und
die uns (die Älteren in der PDS) so sehr geprägt haben, wirken teilweise
weiter: „Einheit, Reinheit und Geschlossenheit“, das Wahrheitsmonopol
(„Unsere Lehre ist allmächtig, weil sie wahr ist.“), ein tiefes
Misstrauen gegen Abweichler, die Furcht vor Verrat und
Sozialdemokratismus...
Für mich ist die Überwindung dieser politischen Kultur eine neben
dem politischen Wandel gleichrangige Aufgabe der PDS, ohne die das
Bekenntnis zur Demokratie, zum Pluralismus und zur Freiheit ihre
kulturelle Grundlage verlieren würden.
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