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André Brie, 9. Juli 2007, Kolumne für "Disput"
Lizenz zum Sozialabbau
Liebe Leserinnen,
liebe Leser,
haben Sie genau
hingehört? Als Angela Merkel die Ergebnisse des Brüsseler "Reformgipfels"
Ende Juni verkündete, strotzte es nur so von Erfolgen. Vom Ausgleich, den
die Bundeskanzlerin und sechs Monate amtierende EU-Ratspräsidentin im
Streit mit Polen über die Stimmenanteile im EU-Ministerrat gefunden hatte.
Von der Einigung mit den Briten, die keine Sympathie für einen
vorgesehenen EU-"Außenminister" zeigten. Vom Abbau der Bürokratie durch
die Verkleinerung der Europäischen Kommission. Und natürlich von der
Einberufung einer Regierungskonferenz, die den "Grundlagenvertrag"
ausarbeiten soll, der die ursprünglich geplante EU-Verfassung ersetzt.
Bei so vielen
Erfolgen ist es schon verständlich, dass selbst ansonsten kritische Medien
nicht nachgefragt haben, wo die Passagen zur Demilitarisierung der EU, zu
ihrer Demokratisierung und vor allem zur Umgestaltung in eine Sozialunion
"versteckt" sind. Bei näherem Hinsehen zeigt sich nämlich ein ganz anderes
Bild als jenes, das von der Kanzlerin so stolz präsentiert wurde. So
heftig der Gipfel an einigen administrativen Fragen (die allerdings
durchaus politische Konsequenzen haben) herumdokterte, so wenig änderte er
etwas an der strategischen Ausrichtung des Vertrags, der die Zukunft
Europas bestimmen soll. Das ist der eigentliche Erfolg Merkels: Die
"Grundsubstanz" der EU-Verfassung - sprich die Orientierung auf
Neoliberalismus, Abbau der staatlichen Sozialpolitik und Militarisierung -
kann, vielleicht mit einigen kosmetischen Korrekturen, in das neue
Abkommen überführt werden. Nichts anderes hatte die Bundesregierung vor
gut einem halben Jahr zum Hauptanliegen der deutschen EU-Präsidentschaft
erklärt. Positive Seiten, wie die verbindlichen Grundrechte ausgehöhlt.
Gerade auf
sozialem Gebiet ist diese Weichenstellung verheerend. Im Mandat für die
Änderung des EU-Vertrags liest sich das so: "Die Union ... wirkt auf die
nachhaltige Entwicklung Europas auf der Grundlage eines ausgewogenen
Wirtschaftswachstums und von Preisstabilität, eine in hohem Maße
wettbewerbsfähige soziale Marktwirtschaft, die auf Vollbeschäftigung und
sozialen Fortschritt abzielt ... hin". Im ersten Augenblick klingt das gar
nicht so schlecht. Es bedeutet aber, dass die "Zielbestimmung"
Vollbeschäftigung (übrigens in der EU-Diktion eine Beschäftigungsquote von
gerade einmal 70 Prozent) ebenso vage bleibt wie der nicht näher
definierte "soziale Fortschritt". Was darunter zu verstehen ist, findet
sich an einer anderen Stelle des Gipfeldokuments: Die "Koordinierung der
Systeme der sozialen Sicherheit" müsse "energisch vorangebracht" werden.
Koordinierung, nicht Ausbau, nicht EU-weite soziale Mindest- und
Lohnstadards und deren schrittweise Anhebung, das sind in der Realität der
Abbau der staatlichen sozialen Vorsorge, deren Privatisierung und
Kapitalmarktorientierung, Deregulierung der Arbeitsmärkte, die
Denunzierung des Sozialstaates als Wirtschafts- und Wettbewerbshindernis
insgesamt. Folgerichtig ist von Veränderungen am berüchtigten Teil III der
EU-Verfassung, der konkrete politische Handlungsvorgaben macht und dabei
die freie Marktwirtschaft zum Nonplusultra erklärt, im Abschlussdokument
des Brüsseler Treffens keine Rede.
Da passt es eben
auch ins Bild, dass die Grundrechtecharta ganz aus dem künftigen
EU-Grundlagenvertrag ausgegliedert wurde. Zwar soll dem Papier
Rechtsverbindlichkeit verliehen werden. Die Gültigkeit für Großbritannien
aber wurde bereits ausgesetzt. Es braucht nicht viel Phantasie, sich
vorzustellen, dass andere Staaten mit Verweis auf London dem Beispiel
folgen könnten. Die Blair-Regierung begründete ihr Unbehagen gegenüber der
Grundrechtecharta damit, dass man sich nicht gern in die nationale
Sozialpolitik hineinreden lasse - wohl wissend, dass in der Charta nur
minimale soziale Rechte vereinbart sind. Vorsorglich beschloss der Gipfel
denn auch gleich eine generelle Austrittsmöglichkeit der
EU-Mitgliedsstaaten aus gemeinschaftlichen sozialpolitischen Vorgaben.
Klarer konnte die Absage an eine EU-Sozialpolitik wohl nicht ausfallen.
Weitere Regierungen haben bereits Vorbehalte angekündigt, die polnische
sogar gegenüber politischen Freiheits- und Gleichheitsrechten.
Ignoriert werden
einmal mehr die Interessen, Sorgen und Wünsche der Menschen in Europa.
Denn wie die jüngste Eurobarometer-Umfrage vom Frühjahr belegt, stehen
soziale Fragen ganz oben auf der Prioritätenliste der Bevölkerung.
Anhaltende Arbeitslosigkeit, Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage
der Haushalte oder der Zustand der Gesundheitsversorgung sind nur einige
Sorgenpunkte. Das Geld für solche Untersuchungen kann man sich bei
derartigen Regierungen in Zukunft sparen. |
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