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André Brie, Kolumne für Disput, Juli 2005
Erinnerung an die USPD
“Die revolutionären,
mit der antinationalen Politik der Regierungssozialisten unzufriedenen
Arbeiter, die massenweise aus der SPD ausgeschlossen worden waren, sahen
in der USPD eine neue, revolutionäre Partei. In Wirklichkeit hatte sie die
Aufgabe, den Übergang großer Teile der organisierten Arbeiter auf die
Positionen der Spartakusgruppe zu verhindern. Von Anfang an bestand in der
USPD ein tiefer Gegensatz zwischen den zentristischen Führern und den
revolutionären Mitgliedermassen.” So einfach lösten DDR-Wörterbücher das
Problem der USPD. So einfach machten wir es uns fast alle.
Hier ist nicht der
Platz, und ich bin nicht der geeignete Autor, eine differenzierte und
realistische Analyse der USP vorzunehmen. Aber einige Fragen bewegen mich
seit langem und die aktuellen Bezüge könnten Anlass sein, über die
letztlich kurze Episode dieser Parteientwicklung nachzudenken. „Ist das
die historische Chance zur Gründung einer neuen USPD?“, fragte Anfang Juni
die Süddeutsche Zeitung. Gemeint war natürlich die Vereinigung von PDS und
WASG.
Vor fast 90 Jahren, im April 1917,
gründeten 15 Reichtagsabgeordnete und Delegierte aus 91
sozialdemokratischen Wahlkreisorganisationen in Gotha die Abspaltung von
der SPD. Vorausgegangen war der Bruch des so genannten Burgfriedens im
Reichstag (Kaiser Wilhelm II.: "Ich kenne keine Parteien mehr, kenne nur
noch Deutsche") durch Karl Liebknecht, der im Dezember 1914 gegen einen
neuen Kriegskredit stimmte. Als es ihm ein Jahr später weitere
SPD-Abgeordnete gleich taten, folgte für die „Dissidenten“ erst der
Fraktions-, dann der Parteiausschluss.
Obgleich die Forderung nach Kriegsende
im Mittelpunkt stand, hatte sich der Konflikt innerhalb der
Sozialdemokratie bereits an der sozialen Frage entzündet. War die
Sozialdemokratische Partei Deutschlands noch zu Beginn des 20.
Jahrhunderts im Bündnis mit den Gewerkschaften die wichtigste Vertreterin
proletarischer Interessen, zählte über eine Million Mitglieder und stellte
die größte Fraktion im Reichtag, setzten sich in der Parteiführung mehr
und mehr reformistische Ideen durch. Eine Politik zugunsten der „kleinen
Leute“ fand praktisch nicht mehr statt.
In breiten Teilen der Bevölkerung stieß
dieser Kurs auf Ablehnung. Die USPD dagegen fand schnell ihre politische
Basis in den Industriezentren und in Großbetrieben; das Bündnis mit den
Gewerkschaften war eng. „Wir fordern den unverzüglichen Beginn der
Sozialisierung, damit die kapitalistischen Herrschaftsverhältnisse
gebrochen, die Produktion auf das höchste Maß gesteigert, die Verteilung
zugunsten der Gesamtheit der Volksgenossen umgestaltet werden“, hieß es im
Aufruf der USPD-Parteiführung vom 9. Dezember 1918. Nach Gründung der
Weimarer Republik 1919 und der Niederschlagung des Kapp/Lüttwitz-Putsches
ein Jahr später wurde die USPD bei den Reichstagswahlen von Juni 1920 mit
17,9 nach der SPD mit 21,7 Prozent die zweitstärkste Fraktion.
Die ursprüngliche Mitgliederliste der
USPD liest sich wie ein großartiges, niemals wieder auch nur annähernd
erreichtes Who is who? der politischen und intellektuellen
Widersprüchlichkeit des deutschen Linkssozialismus: Rosa Luxemburg, Karl
Liebknecht, Franz Mehring, Clara Zetkin, Paul Levy, Kurt Eisner, Max Hoelz,
Ernst Reuter, August Thalheimer, Leo Jogiches, Wilhelm Pieck, Ernst
Thälmann, Wilhelm Dittmann, Hugo Haase, Karl Kautsky, Eduard Bernstein, um
nur einige zu nennen.
Solche Unterschiedlichkeit wurde damals
nicht ausgehalten. Ideologische Gegensätze waren den meisten wichtiger als
politische Gemeinsamkeiten und Möglichkeiten. Der Kampf gegen den Krieg
und für eine sozialere Politik war der kleinste gemeinsame Nenner, auf den
sich hätte aufbauen lassen. Zu einer klaren Zielbestimmung und
Programmatik, die in konkrete Politik mündet, kam es allerdings nicht. Als
endgültig zerstörerisch erwiesen sich meiner Meinung nach die durch Lenin
mit Blick auf die USPD verschärften 21 Aufnahmebedingungen der
Kommunistischen Internationale, darunter die faktische Aufgabe der
Selbständigkeit der Mitgliedsparteien und die Bindung an die Weisungen des
Exekutivkomitees der Komintern, die keinen Platz für eine pluralistische
und demokratische linke Parteientwicklung ließen. Im Oktober 1920 spaltete
sich die Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands.
Eine Kritik Rosa Luxemburgs an der USPD
hat jedoch an Aktualität nichts verloren: „Namen, Programme, Parteiungen
müssen sich am Prüfstein der Taten erweisen. Nichts Halbes und
Zweideutiges hat Bestand.“
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