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André Brie,
Kolumne für Disput, Juli 2004
Fünf Tage im Juni
Am 28. Juni – zwei Tage eher als ursprünglich
vorgesehen – haben die USA die Macht an die irakische Übergangsregierung
abgegeben. Eine Woche zuvor habe ich fünf Tage lang den Irak bereist, war
mit dem Auto von Amman nach Bagdad unterwegs, auf jener Route, auf der
Anfang April zwei deutsche Sicherheitsbeamte ums Leben kamen, und bin in
die Provinz Diala im Nordosten und im Süden des Landes gefahren. Ich
wollte mir ein authentisches Bild machen. Angst kann man nicht abstrakt
haben. Ohnehin sollten wir nicht vergessen, dass Millionen Irakerinnen und
Iraker unter diesen Bedingungen leben.
70 Kilometer vor der jordanischen Grenze bin ich zwei
Stunden lang von US-Truppen aufgehalten worden. Als ich nachfragte,
weshalb die Straße blockiert sei, hieß es, man habe zwei Bomben gefunden –
daher sei alles gesperrt. Ich hörte in Bagdad mehrfach Explosionen und sah
die Folgen. Dennoch waren das für mich sehr widerspruchsvolle
Beobachtungen. Einerseits konnte ich alles, was jetzt im Irak geschieht,
mit einer ungeheuren Direktheit zur Kenntnis nehmen und begreifen, wie nah
die Gefahr sein kann. Auf der anderen Seite habe ich immer wieder gesehen,
wie die Iraker mit dieser Situation leben – dass es einen normalen Alltag
gibt, mit Familie, Arbeit, Geschäften und dem intensiven öffentlichen
Leben, das wohl alle südlichen Länder kennzeichnet. Mein Eindruck
insgesamt war trotzdem, dass sich die Sicherheitslage so kurz vor der
Machtübergabe extrem verschlechtert hatte. Von geregelten Verhältnissen
ist der Irak weit entfernt.
Hinter der Gewalt stehen fundamentalistische und
terroristische Kräfte. Aber für die Opfer der vergangenen Tage und vor
allem für den Nährboden der Gewalt sind natürlich wesentlich die
US-Truppen verantwortlich. Ich bin an Falludscha vorbeigefahren, das nach
wie vor von hunderten US-Panzern und Posten eingekreist ist. Es gibt
parallel dazu ein ungemein dramatisches Problem, das von den Medien völlig
ausgeblendet wird. Ich habe darüber mit Scheichs, Geistlichen und
Stammesältesten aus dem Süden gesprochen – einer Region, von der es immer
heißt, dort sei vieles entspannter, weil die hier stationierten Briten
eine sensiblere Politik betrieben als die Amerikaner. Gerade im Süden
greift der Fundamentalismus mit einer alltäglichen Gewalt – vor allem
gegen Frauen – um sich. Es gibt ständig Drohungen und Anschläge auf
örtliche Autoritäten, die sich dem islamistischen Diktat verweigern. Sie
fühlen sich allein gelassen. Ich habe das nicht nur von Leuten gehört, die
in ihrer Stadt Kommunalpolitik machen wollen, sondern auch von Geistlichen
mit einer differenzierten, antifundamentalistischen Position, die ein
Gefühl zunehmender Bedrohung verspüren.
Die Gewalt richtet sich vor allem gegen Frauen und
hat die katastrophale Verschlechterung ihrer Lebensverhältnisse zur Folge.
Sie werden gedrängt, völlig verschleiert zu sein. Wer sich dem verweigert,
kann auf offener Straße verhaftet werden, ohne dass irgendjemand
einschreitet. Ladeninhaber, die Alkohol verkaufen oder Kosmetika für
Frauen, werden massiv bedroht und gezwungen, ihre Geschäfte zu schließen.
Das ist für mich ein Alarmsignal, das deutlich über den Zeitpunkt der
Machtübergabe hinausweist.
Verantwortlich dafür ist in erster Linie ein
radikales Schiitentum, das offenbar durch das iranische Regime gefördert
wird, aber seinen Einfluss nicht minder der Inkonsequenz und dem
Desinteresse der Besatzungsmächte verdankt, die sich mit diesen Tendenzen
überhaupt nicht befassen. Man darf zudem nicht übersehen, wie gravierend
und überall sichtbar inzwischen die soziale Spaltung der irakischen
Nachkriegsgesellschaft geworden ist. Weit mehr als die Hälfte der
Menschen hat keinen Arbeitsplatz.
Der Irak braucht die volle Souveränität. Außerdem
muss man dem Land helfen, sich wirtschaftlich aus eigenen Kräften wieder
aufzurichten. In dieser Hinsicht bestehen die krassesten Defizite, weil
alle diesbezüglichen Versprechen der USA nicht eingehalten wurden. Und man
muss auf die demokratischen Kräfte setzen, da bin ich sehr ermutigt, weil
es die tatsächlich gibt. Ich rechne dazu auch die Stammeskräfte, die einen
stabilen und demokratischen Staat wollen. Dazu gehört ein nicht
unbeträchtlicher Teil der Geistlichkeit, nicht nur des sunnitischen,
durchaus auch des schiitischen Klerus. Es gibt starke
Frauenorganisationen, ein sich herausbildendes Parteiensystem mit
liberalen, linken oder demokratisch-monarchistischen Gruppierungen. Gerade
die demokratischen politischen Organisationen sind in der
Übergangsregierung unterrepräsentiert und werden nicht gefördert.
Dennoch haben mir eigentlich alle gesagt, dass sie
diese Regierung als Fortschritt gegenüber dem bisherigen Provisorischen
Regierungsrat betrachten. Zugleich wurden die Defizite genannt: Es gibt
keine wirkliche Souveränität. Die USA haben weiter das Sagen, was die neue
Regierung nicht nur schwächt, sondern schnell diskreditieren wird. Auch
die Zusammensetzung der Regierung sei besser, mehr Kräfte kämen aus dem
Land selbst. Der Regierungschef Allawi allerdings ist ein Mann der CIA und
des britischen Geheimdienstes MI 6. Positiv sehen alle – auch schiitische
Geistliche, die ich traf –, dass der Anteil von Frauen in der kommenden
Regierung höher ist.
Es waren auch Politiker aus sehr unterschiedlichen
Lagern, die mir gegenüber Skepsis daran äußerten, ob allgemeine Wahlen die
Probleme des Landes lösen können. Und sie fügten hinzu: Der
Fundamentalismus ist eindeutig auf dem Vormarsch. Er könnte aus möglichen
Wahlen deutlich gestärkt hervorgehen. Das ist keine Absage an Wahlen, aber
man braucht dafür ein anderes Klima und demokratische Verhältnisse, die
erst einmal geschaffen werden müssen. Das ist eine völlig ungelöste Frage,
deren Beantwortung derzeit weder von der internationalen Gemeinschaft noch
von der Regierung angestrebt wird.
Es gibt sehr viel Unzufriedenheit mit der Besatzung,
aber niemand, mit dem ich sprach, begegnete dem Terrorismus mit
Verständnis oder rechtfertigte ihn gar. In Ahsraf, nordöstlich von Bagdad,
habe ich vor fast 50.000 Menschen gesprochen. Und die Betonung von
Menschenrechten, Demokratie und Zivilität in meiner Rede fand ein großes,
positives Echo. |
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