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André
Brie, Disput-Kolumne Juli 2001
Ex
oriente lux, ex oxidente luxus?
Aus den Osten kommt das Licht, aus dem Westen der
Luxus – das (ohne Fragezeichen) ist einer der scharfzüngigen und spöttischen
Aphorismen, mit denen der große polnische Aphoristiker Stanislaw Lec in
den 60er und 70er Jahren die Gesellschaft seines Landes befragte. Die
Erweiterung der Europäischen Union – etwas kolonialistisch
„Osterweiterung“ genannt – stellt diese Frage auf neue Weise. Der
Beitritt von zwölf mittel- und osteuropäischen Ländern soll Frieden und
Stabilität auf diesem so oft und so tödlich verwundeten Kontinent stärken,
gemeinsame wirtschaftliche Entwicklung fördern und den kulturellen
Reichtum Osteuropas für das europäische Integrationsprojekt erschließen.
So ließe sich eine große positive Vision dieses Erweiterungsprozesses
beschreiben. Dass die Regierenden und viele Bürgerinnen und Bürger in
Osteuropa von der Mitgliedschaft in der Europäischen Union finanzielle
und wirtschaftliche Unterstützung und Wohlfahrt erwarten, ist bekannt. So
weit die Theorie.
In
einer der Reaktionen auf den Programmentwurf, den mein Bruder, Professor
Dieter Klein und ich vorgelegt haben, wird behauptet, wir hätten die
Europäische Union stiefmütterlich behandelt und uns nahezu ausschließlich
auf ihre Probleme und Gefahren beschränkt. Ich sehe einmal davon ab, dass
Professor Putensen, mein alter Freund, Genosse und scharfer Kritiker aus
Greifswald, das genau entgegengesetzt sieht, und davon, dass diese
Behauptung unserem Text tatsächlich nicht entspricht, aber von der
Positivität aktueller Realität der Europäischen Union könnte ich
wirklich kaum überzeugt werden.
Es
steht für mich außer Frage, dass der Beitritt der mittel- und osteuropäischen
Staaten zur EU eine historische Chance sein könnte, und das die Linke um
diese Chance kämpfen muss. Die gerade in Ostdeutschland weit verbreiteten
Befürchtungen nehme ich auch dort, wo sie irrational sind, sehr ernst,
versuche ihnen aber mit Argumenten über die Notwendigkeit und die großen
Möglichkeiten der „EU-Osterweiterung“, nicht zuletzt für die
ostdeutschen Bundesländer, entgegenzutreten. Von ihnen bin ich überzeugt.
Wenn da nur nicht wieder die Realität und Verlogenheit herrschender
Politik wären.
Regierungen
und EU-Kommission werden nicht müde, den Beitritt der ersten mittel- und
osteuropäischen Staaten für das Jahr 2004 zu versprechen. Im nächsten
Jahr sollen die „Verhandlungen“, in denen es lediglich um das Wie der
Übernahme des EU-Rechts durch die Kandidatenländer geht, mit den ersten
Staaten und 2003/2004 der Ratifikationsprozess abgeschlossen sein. (Jeder
Beitrittsvertrag muss in allen nationalen Parlamenten gebilligt werden.)
An den nächsten Wahlen zum Europäischen Parlament im Frühsommer 2004
sollen einige der 12 Beitrittsländer bereits teilnehmen. Ich kann mir
diesen ersten Erweiterungsschritt ohne Polen und die Tschechische Republik
nicht vorstellen und halte den raschen Beitritt dieser Staaten für
richtig. Aber die sozialen, wirtschaftlichen und anderen Probleme werden
riesig sein. Um nur wenige zu erwähnen: In Polen sind derzeit 26 Prozent
aller Menschen in der Landwirtschaft beschäftigt, im EU-Durchschnitt 3
bis 4. Und es wird, wie gesagt, für den Beitritt nur die Maßstäbe der
EU geben. Die Banken der Beitrittsländer sind zum aller größten Teil
schon in den Besitz britischer, deutscher und französischer Geldhäuser
gegangen. Trotz der bereits weit voran geschrittenen wirtschaftlichen
Transformation werden die erneuten Anpassungszwänge auch in vielen
Industriebereichen größtes Ausmaß haben. Ungeheure Investitionen werden
in der Infrastruktur und im Umweltschutz erforderlich sein, und jetzt
schon wird dieses Geld in der Sozial- und Beschäftigungspolitik
weggespart. Groß und kaum unberechtigt sind die Sorgen, dass nach dem
Beitritt vor allem Deutsche polnischen, tschechischen und slowakischen
Boden billig aufkaufen werden. Noch weniger reale Berücksichtigung in der
herrschenden Politik finden die strategischen Konsequenzen der
EU-Erweiterung für das Verhältnis zu Russland.
Verantwortungsvollste
Vorbereitung des Beitritts wäre erforderlich, umfassende politische und
finanzielle Unterstützung der tiefen Umbrüche, ehrliche Berücksichtigung
polnischer, tschechischer, ungarischer ... Interessen, Transparenz der
Verhandlungen, demokratische Beteiligung der Bevölkerungen.
Wenig
davon ist zu erleben. Die Finanzplanung der EU (die von der
Bundesregierung als ihren Erfolg gefeierte „Agenda 2000“) geht davon
aus, dass die Bäuerinnen und Bauern in den Beitrittsländern nicht die
gleichen Unterstützungen erhalten sollen wie jene in der bisherigen EU.
Diskriminierung droht nicht nur in dieser Hinsicht kennzeichnend für die
neue EU zu werden. Die viel propagierten vier Freiheiten der EU für
Waren, Dienstleistungen, Arbeitskräfte und Kapital werden auf deutschen
Druck für sieben Jahre auf jene Freiheiten reduziert, die im Interesse
der Konzerne und Banken liegen, während für die Arbeitnehmerinnen und
Arbeitnehmer aus den neuen Mitgliedsländern Grenzen errichtet werden.
Fünf
bis zehn Jahre Vorbereitungsmöglichkeit sind von den Regierungen
verschlafen worden. Gegenwärtig sind weder die Kandidatenländer, noch
die EU selbst beitrittsfähig, doch eine entschiedene Vorbereitungspolitik
wird weiterhin verweigert. Niemand, außer den Rechtsextremen und
Nationalisten jeden nationalen Couleurs, die längst in den Startlöchern
sitzen, kann ein Interesse am Fehlschlagen der EU-„Osterweiterung“
haben. Aber die historische Aufgabe steht einer erbärmlichen aktuellen
Politik gegenüber.
Man
kann das besichtigen. Im östlichsten Vorpommern zum Beispiel. Hintersee und Blankensee heißen dort zwei bestehende bzw.
kurz vor der Öffnung stehende Grenzübergänge. Bundespolitik und die örtliche
Landratspolitik der CDU hat für Hunderttausende DM Straßen an die Grenze
gebaut. Dort enden sie in anderthalb Meter breiten Wegen für Fußgänger.
Die polnische Seite wurde von der deutschen Politik nicht einbezogen. Als
ich neugierig und im übrigen ganz zukunftsreal ohne jede Kontrolle den
einsamen Weg nach Polen
passierte, sah ich dort einen Mann mit zwei Fahrrädern aus einem Gebüsch
kommen. Er winkte mir zu, aber meine Neugier war gestillt, und ich kehrte
um, stieg wieder ins Auto ein, fuhr los. Nach einer Minute stoppte mich
der deutsche Zoll. Kontrolle, aber da war ja nichts, nicht einmal
Zigaretten. Noch einmal fünf Minuten später kam uns ein Auto entgegen
(in diesem östlichsten Vorpommern sind nicht nur die Grenzübergänge
einsam). Mein aus der Region stammender Mitarbeiter: „Mensch, das ist
doch Peter, der Fahrradhändler aus Ueckermünde!“ Auf ihn hatten der
Mann mit den Fahrrädern auf polnischer Seite und der deutsche Zoll
gewartet. Und worauf wartet die Politik der Bundesregierung und EU?
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