|
André Brie,
Kolumne für Disput, Juni 2004
STOP AND GO
Sonntag, 13. Juni, 11 Uhr.
Nur noch wenige Stunden bis zur Entscheidung. Ein
monatelanger, intensiver Wahlkampf ist beendet. Ich bin schon etwas
nervös. Aber auch zuversichtlich. Für mich als Wahlkampfleiter, für alle
Genossinnen und Genossen war diesmal die Verantwortung besonders groß,
denn für die Partei hängt zwar nicht alles, aber doch sehr, sehr viel vom
Ausgang dieser Europawahl ab. Er wird die Weichen stellen für die
Bundestagswahl 2006. Wenn wir den Wiedereinzug in das Europäische
Parlament nicht schaffen, wird das den Bundestagswahlkampf erheblich
erschweren. Die PDS muss wieder an Einfluss gewinnen, muss eine relevante
politische Kraft in diesem Land, in Europa bleiben. Ich habe immer auch
öffentlich über die Defizite unserer Partei gesprochen und mir damit
wahrlich nicht nur Freunde gemacht. Aber ich bleibe dabei: Der beste
Grund, PDS zu wählen, ist die PDS, sind wir selbst. Wer sich bei uns
engagiert, der will die Dinge nicht laufen lassen. Wir sagen klar: Europa
heute ist nicht gut und tut den Menschen nicht gut. Europa ohne
demokratische Verfassung, Europa ohne soziale Grundrechte für alle, ohne
Solidarität, Europa in Waffen, Europa der Märkte und der Bürokraten – das
ist kein Europa der Zukunft. Wir wollen das andere Europa, gehen den
anderen Weg. Europa friedlich, sozial und demokratisch. Viele Menschen
gehen heute diesen Weg. Ich sehe nur eine Partei, die eine so
grundsätzliche Richtungsänderung will. Und dabei wird es bleiben, egal,
welches Ergebnis wir heute Abend bekommen.
Eines jedenfalls steht jetzt schon fest: In diesem
Wahlkampf ist Tolles geleistet worden. Gestern hatte ich die
Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des zentralen EuropaWahlQuartiers
eingeladen, um mich bei ihnen für ihre Arbeit zu bedanken. Wir waren
diesmal im Wahlquartier weit weniger als bei anderen Wahlkämpfen, umso
härter musste gearbeitet werden. Was den Kandidatinnen und Kandidaten
abverlangt wurde, ging oft an die körperliche Schmerzgrenze. Weit über
1.000 Veranstaltungen galt es insgesamt im Wahlkampf zu absolvieren. Alle
haben sich großartig geschlagen und tapfer gekämpft. Ebenso wie die vielen
ehrenamtlichen Wahlkämpferinnen und Wahlkämpfer. Wir alle wissen, dass
PDS-Wahlkämpfe nicht einfacher geworden sind. Viele unserer Genossinnen
und Genossen sind in einem Alter, in dem das Plakatieren, das Stecken von
Zeitungen, das Verteilen von Flyern schwer fällt. Dennoch hatten wir viele
fleißige Helferinnen und Helfer. Ihnen allen, den Bewerberinnen und
Bewerbern, den Ehrenamtlichen, den Sympathisantinnen und Sympathisanten an
dieser Stelle ebenfalls ein ganz herzliches Dankeschön.
Wie in jedem Wahlkampf gab es schöne und weniger
angenehme Momente und Begebenheiten. Unangenehm, aber nicht verwunderlich,
dass die Medien mitten im Wahlkampf wieder mal auf Vorwürfe gegen
EU-Parlamentarier als „Abzocker“ zurückkamen. Unangenehm deshalb, weil das
Klischees und Vorurteile bediente und die ohnehin geringe Neigung der
Menschen, zur Europawahl zu gehen, nicht befördern würde. Ganz klar: Die
Reisekosten- und Tagegeld-Regelung muss transparent und den realen Kosten
entsprechend verändert werden. Das fordert die linke Fraktion im
EU-Parlament schon lange, und dabei werden wir auch bleiben. Die
Verantwortung liegt beim Parlament und vor allem beim Europäischen Rat,
der gegenwärtig eine umfassende Regelung blockiert. Nicht akzeptabel ist
aber auch die Tatsache, dass wir ein Mehrklassenparlament haben, mit
Diäten von 11.000 Euro für die italienischen und von rund 800 Euro für die
ungarischen Abgeordneten. Die EU-Parlamentarier pauschal als raffgierig
und faul hinzustellen, ist unberechtigt und auch gefährlich, weil damit
eine antiparlamentarische Stimmung geschürt werden kann.
Ein besonders wichtiges Datum wird der 8. und 9. Mai
2004 bleiben, als sich in Rom 15 sehr unterschiedliche europäische
Parteien zur Europäischen Linkspartei zusammenschlossen. Und nie vergessen
werde ich den 30. April und den 1. Mai, vor malerischer Kulisse startete
die PDS, gemeinsam mit jeweils etwa 10.000 Menschen, mit der legendären
polnischen Gruppe „Rote Gitarren“, mit Lothar Bisky, mit Gregor Gysi,
ihren Europawahlkampf auf dem Dresdener Schlossplatz. Auch den 8. Mai
werde ich wohl noch lange in Erinnerung behalten, da schwebte ich auf
einem Hochseil in 30 Metern Höhe und musste zudem in dieser lichten Höhe
Fragen des Moderators beantworten. Das für mich wichtigste und sicherlich
auch nachhaltigste Ereignis fand aber am 7. Mai statt. Da habe ich
geheiratet.
Heute aber geht es um das Abschneiden der PDS bei der
Europawahl, bei der Landtagswahl in Thüringen, bei den Kommunalwahlen in
Sachsen, Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern, Rheinland-Pfalz,
Baden-Württemberg und im Saarland. Jetzt fahre ich nach Berlin zu unserer
zentralen Wahlparty und harre der Dinge, die da kommen werden.
Montag, 14. Juni, 11 Uhr.
Riesenfreude. Riesenerleichterung. Ein Ergebnis bei
der Europawahl, das niemand in der PDS zu hoffen wagte. Die PDS wird in
den nächsten fünf Jahren sieben Abgeordnete – einen mehr als bisher – im
Europäischen Parlament haben. Traumnoten in Thüringen. Zugewinne im
Westen. In Brandenburg hat die PDS das beste Ergebnis aller Parteien, in
vier Ostländern – darunter Mecklenburg-Vorpommern – das zweitbeste. In
Nordrhein-Westfalen konnten wir den Stimmenanteil fast verdoppeln.
Diese Ergebnisse und die Freude darüber dürfen jedoch
nicht darüber hinwegtäuschen, dass im Wahlkampf auch Fehler gemacht
wurden. Es hat organisatorische Pannen gegeben und durchaus nicht alles so
geklappt, wie wir uns das vorgestellt hatten. Das muss ehrlich und
kritisch analysiert werden. Wir bekommen unsere Erfolge nicht geschenkt,
müssen sie uns auch weiterhin hart erarbeiten. Eine Erkenntnis unserer
ersten Europawahlkampfauswertung war, dass wir arg spät angefangen haben.
2006 sind Bundestagswahlen, vielleicht – wenn sich die Niederlagen der SPD
bei kommenden Kommunal- und Landtagswahlen fortsetzen – auch früher.
Darauf müssen wir vorbereitet sein. Es ist die Stunde zu feiern, aber
keine Zeit auszuruhen. Deshalb heißt es jetzt, gestärkt und mit vereinten
Kräften alles dafür zu tun, dass die PDS wieder in den Bundestag einzieht.
Ich weiß, es wird schwer, aber ich bin auch da voller Zuversicht. Los
geht’s. |
|