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Das
Gesetz des Schweigens
„Ich
habe gesehen, wie ein amerikanischer Soldat einem Gefangenen das Genick
gebrochen und andere mit Säure übergossen hat.“ “Sie haben ihnen
Finger und Zungen abgeschnitten, die Haare und Bärte geschoren. Manchmal
haben sie das nur so aus Spaß gemacht.“ Nein, nicht aus dem
Vietnamkrieg vor gut 30 Jahren oder den zahllosen US-Interventionen in
Lateinamerika stammen diese Augenzeugenberichte. Sie sind enthalten in
einer Filmdokumentation über das Vorgehen der US-Truppen und ihrer Verbündeten
in Afghanistan, gedreht in den letzten Monaten. Der irische Dokufilmer
Jamie Doran hatte die Aufnahmen unter größter Geheimhaltung und Gefahr für
sein eigenes Leben gemacht. Vor wenigen Tagen wurde der Streifen in den Räumen
der PDS-Bundestagsfraktion Journalisten vorgestellt.
Seit
acht Monaten stehe ich mit Doran in Kontakt. Als wir Anfang Juni gemeinsam
seinen Film in London sahen, war unsere Entscheidung klar: Dieses Material
muss an die Öffentlichkeit. Denn es belegt, wie Washingtons angeblicher
Kampf gegen den internationalen Terrorismus barbarische Verrohung hervorbringt.
Da passt es ins Bild, dass die USA in einem jetzt verabschiedeten
Gesetzentwurf sogar ihren Verbündeten mit militärischen Aktionen drohen,
sollten diese US-Bürger wegen Verstößen gegen die Menschenrechte an den
Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag ausliefern.
Obgleich
es schon mehrfach glaubhafte Berichte über Verbrechen in Afghanistan,
begangen unter Duldung oder gar Beteiligung von amerikanischen Soldaten,
gab, hält sich die offizielle Politik hierzulande mit Kritik vornehm zurück.
Auch die Empörung über die unmenschlichen Haftbedingungen im
US-Internierungslager Guantánamo für Taliban- und El-Kaida-Kämpfer
(„hinter den Minimalstandards menschlicher Behandlung“–Amnesty
International) war nur kurz und eher symbolisch. Das nach den Anschlägen
vom 11. September erklärte Prinzip der „uneingeschränkten Solidarität“mit
den USA ist offenbar nichts anderes als ein Gesetz des Schweigens. Dabei
sind es nicht nur die Mißhandlung und Ermordung von Gefangenen in
Afghanistan oder die „Tigerkäfige“auf Guantánamo, die Protest
hervorrufen müssten:
Erstens
haben die USA nach wie vor keine eindeutigen Belege dafür vorgelegt, dass
tatsächlich El Kaida die Terroranschläge in New York und Washington
geplant, finanziert und durchgeführt hat. Medienwirksam vorgebrachte
Beschuldigungen aus dem Weißen Haus oder Selbstbezichtigungen islamischer
Extremisten können Beweise nicht ersetzen. Der Krieg gegen Afghanistan
basierte letztlich allein auf Beschuldigungen und dem angemaßten Monopol
der USA, weltweit zu entscheiden, was Recht oder Unrecht ist.
Zweitens
verstößt
die fortgesetzte Jagd amerikanischer Truppen auf mutmaßliche Terroristen
in Afghanistan –und in anderen Ländern –gegen das Völkerrecht. Die
UNO-Charta gibt jedem Land das Recht auf Selbstverteidigung bei einem
unmittelbaren Angriff. Ein Freibrief für über Monate anhaltende Militäraktionen
in verschiedenen Teilen der Welt ist dies jedoch nicht. (Nebenbei: Selbst
wenn ein Staat Rebellengruppen, die gegen ein anderes Land vorgehen,
finanziell, logistisch und militärisch unterstützt, gilt dies nicht als
Angriff im Sinne des Völkerrechts. Das wurde vom internationalen
Gerichtshof in Den Haag in seiner Nicaragua-Entscheidung von 1986 ausdrücklich
bekräftigt.) Vor allem aber zeigt sich immer klarer, dass Krieg nicht
Terrorismus bekämpft, sondern selbst Terrorismus fördert und ihn als
Mittel einsetzt.
Drittens
wurden
Parlament und Öffentlichkeit in Deutschland durch die Bundesregierung getäuscht.
„Es geht weder um eine deutsche Beteiligung an Luftangriffen noch um die
Bereitstellung von Kampftruppen am Boden“, tönte der Gerhard Schröder
noch im November vergangenen Jahres im Bundestag. Nur drei Monate später
musste das Kanzleramt zugeben, dass deutsche Spezialeinheiten an Kämpfen
gegen Taliban- und El-Kaida-Einheiten beteiligt sind –ohne Zustimmung
der Volksvertretung, ohne jede Möglichkeit der öffentlichen Kontrolle
und Diskussion.
Obwohl
diese Fakten auf der Hand liegen, ist Widerspruch kaum zu vernehmen. Liegt
es daran, dass man die Entwicklung in Afghanistan nicht nach einem
Schwarz-Weiß-Schema betrachten kann? Ja, die Taliban hatten ein
menschenverachtendes System errichtet. Das nun aber vom Westen erdachte
und von den USA gegen jede innerafghanische Kritik durchgesetzte
Gesellschaftsmodell für Afghanistan wird keinen stabilen Frieden bringen
–zu stark ist es von den Interessen der „Aufbauhelfer“ bestimmt, zu
wenig ist die Spezifik des Landes berücksichtigt. Ja, der in Afghanistan
restriktiv praktizierte Islam macht Frauen zu Menschen zweiter Klasse. Es
bleibt jedoch die Religion der großen Bevölkerungsmehrheit und auch die
Traditionen werden nicht über Nacht zu brechen sein. Ja, es ist richtig,
Terroristen auch international zu verfolgen und vor Gericht zu bringen.
Das rechtfertigt allerdings keinen Krieg, Menschenrechtsverletzungen und
die Aushebelung der Souveränität eines Staates.
Auch
die PDS hat nach meiner Meinung zu spät und zu „zahm“ auf die
Afghanistan-Politik des Westens, Deutschland eingeschlossen, reagiert. Natürlich
gab es Protest gegen den US-Krieg am Hindukusch. Natürlich wird die
deutsche Beteiligung daran abgelehnt. Natürlich hat die Partei unmissverständlich
zum Ausdruck gebracht, dass das Problem des internationalen Terrorismus
nicht militärisch zu lösen ist. Von der einzigen wirklichen
Antikriegspartei im Bundestag hätte ich mir jedoch eine noch deutlichere
und kraftvoller vertretene Position gewünscht, zumal sich die Politik der
Buschadmistration immer umfassender, immer gefährlicher über
internationales Recht hinwegsetzt.
Es
ist gut und richtig, dass sich die PDS-Bundestagsfraktion für die Veröffentlichung
des Films von Jamie Doran stark macht. Vielleicht hilft er, die Augen für
die Vorgänge in Afghanistan zu öffnen, Bundesregierung, EU-Kommission
und Europaparlament zum Handeln zu zwingen. Nur so können der Kriegskurs
der USA gestoppt und weitere Menschenrechtsverletzungen ausgeschlossen
werden. Denn wie sagte ein Zeuge in Dorans Film: „Die Amerikaner machen,
was sie wollen. Wir haben nicht die Macht und die Mittel, die Verbrechen
zu verhindern“.
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