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André
Brie, Kolumne für Disput, Juni 2001
Nachrichten
aus der tiefen Provinz
Politisch,
sozial und kulturell ist die von der CDU und der "großen"
CDU-SPD-Koalition verursachte Krise in Berlin ein Desaster für die Stadt
und vor allem ihre Bürgerinnen und Bürger. Berliner Politik war im
letzten Jahrzehnt ohnehin in der gegenseitigen christ- und
sozialdemokratischen Blockade und Verfilzung erstarrt. Mit sozialer Kälte
und kaltem Krieg möchten Landes- und Bundes-CDU einen Ausweg finden. Nun,
eifrig assistiert von der FDP, die im Mief der Berliner Christdemokraten
Morgenluft wittert, werden Berliner Korruption, Vetternwirtschaft und Unfähigkeit
genutzt, um - statt die Untauglichkeit der Politik und politischen Kultur
der Berliner CDU festzustellen - die Untauglichkeit öffentlichen
Eigentums zu behaupten und den neoliberalen
Privatisierungsfundamentalismus als Zukunftskonzept auszugeben.
Das
Berliner CDU-Gemisch aus Korruption, Größenwahn, biederem
Provinzialismus, persönlicher Machtgier und Realitätsverlust ist
explosiv. Aber nicht nur Orden und Bomben treffen immer die Unschuldigen.
Betroffen ist, wie gesagt, in erster Linie die Berliner Bevölkerung. Doch
auch der nächste Senat kann einem leid tun. Die CDU dagegen wird sich
nach Neuwahlen in der Opposition wieder finden und - wie bereits auf
Bundesebene erlebbar - mit sozialem Populismus all das fordern, was sie
bisher nicht nur verweigert, sondern mit ihrer Politik fast unmöglich
gemacht hat.
Was
soll in dieser Lage die PDS tun? Einem Minderheits- und Übergangssenat
von SPD und Bündnisgrünen die erforderlichen Stimmen zu gewähren, ist
kein Gegenstand von großen Kontroversen. Die eigentlichen Probleme werden
jedoch erst mit der Neuwahl des Abgeordnetenhauses offensichtlich und real
werden, vorausgesetzt, dass ein rot-rot-grüner Senat durch das
Wahlergebnis möglich und die von der SPD-Führung ersehnte Flucht in eine
Ampelkoalition unmöglich wird. Ich glaube nicht, wie ich in einem
PDS-Papier gelesen habe, dass "Spielräume für Gestaltungsabsichten
kaum vorhanden" sind. Obwohl ich nicht zu jenen in der PDS gehöre,
die jedes Großprojekt nur deshalb ablehnen, weil es nicht klein ist, wäre
für mich der Ausstieg aus dem Bau eines Berliner Großflughafens nicht
nur eine vernünftige Sparmaßnahme, sondern auch eine strategische und
wahrhaft gestaltende Veränderung Berliner Politik zugunsten
intelligenter, umweltgerechter und zukunftsorientierter Verkehrspolitik.
Dennoch würde die finanzielle Situation
Berlins und der Berliner Politik dramatisch sein. Ebenso zu berücksichtigen
ist die Tatsache, dass die SPD - vorsichtig gesagt - nicht den Eindruck
erweckt, zu wirklich alternativer Politik in Berlin bereit zu sein. Deren
unverzichtbare Grundsätze müssten auch unter schwierigen finanziellen
Bedingungen meiner Meinung nach soziale Orientierung und Gerechtigkeit,
eine lebendige, vielgestaltige und weltoffene Kulturpolitik und die
Entwicklung Berlins als eine Metropole internationalen geistigen Lebens,
der Bildung und Wissenschaft sein.
Dennoch
bin ich überzeugt, dass die PDS die Regierungsbeteiligung in Berlin
anstreben sollte, anstreben muss. Erstens hielte ich eine
sozialdemokratisch-sozialistische Zusammenarbeit in Berlin für einen
prinzipiellen bundespolitischen Durchbruch, auch für die PDS, viel
mehr aber - und in einer geradezu historischen Dimension - für die
politische Kultur Deutschlands. In dieser Stadt,
mit dieser so sehr von Spaltung und Konfrontation geprägten Geschichte, wäre
eine solche Kooperation ein entscheidender Beitrag zur Normalisierung des
Verhältnisses der deutschen politischen Parteien und vor allem der
westdeutschen Bevölkerung zur sozialistischen Linken. Seine Bedeutung für
die politische Verfasstheit und demokratische Perspektive dieser deutschen
Republik kann kaum überschätzt werden.
Zweitens:
Geschichte lebt. Das dürfen wir nicht nur für uns selbst geltend machen.
Und wir müssen begreifen, dass viele Westberlinerinnen und Westberliner
die Politik der Sowjetunion und der SED als repressiv erlebt und empfunden
haben. Ihre Vorbehalte, ihr Misstrauen und ihre Skepsis gegenüber der PDS
haben reale Gründe. Wir mögen über die Komplexität und erforderliche
Differenziertheit eines realistischen Geschichtsbildes streiten, dies
nicht zu berücksichtigen, hieße der Einseitigkeit etablierter Politik in
Deutschland wieder eine ebenso zerstörerische Einseitigkeit linker
Politik entgegen zu stellen. Ein Wahlergebnis und eine Bereitschaft der
SPD, die die Regierungsbeteiligung der PDS in Berlin ermöglichen, können
nicht ausgeschlagen, sondern müssen genutzt werden, um den unumkehrbaren
Lernprozess und die demokratische Verlässlichkeit der PDS nachzuweisen.
Kompromisse sind eben nicht nur etwas zähneknirschend zu Schluckendes,
sie müssen nicht, aber sie können auch eine große demokratische Form
von Politik sein.
Drittens
kann und muss es natürlich darum gehen, diese geschichtliche Dimension
mit der Wiedergewinnung alternativer politischer Möglichkeiten in Berlin
zu verbinden. Die bereits erwähnte Abkehr von Projekten, die allein einer
maßlosen Prestigesucht und vor allem den Profitaussichten einiger Großkonzerne
dienen, wäre eines der Erfordernisse. Soziale Gerechtigkeit und die
Entwicklung des kulturellen und geistigen Reichtums der Stadt, und zwar für
alle Menschen, wäre eine zweite Richtung, die ich auch unter den
derzeitigen Bedingungen für realisierbar halte. Die dritte besteht darin,
die Voraussetzungen gesellschaftspolitischer Alternativen zum herrschenden
Neoliberalismus (den sozialdemokratischen Kurs der neuen Mitte
eingeschlossen) zu schaffen. Die SPD für eine Politik der sozialen
Gerechtigkeit, der gesellschaftlichen Demokratisierung und der Begrenzung
von Finanz- und Wirtschaftsmacht zurückzugewinnen, würde dazu gehören.
Die
Kräfte der PDS sind begrenzt. Aber diese Verantwortung hat sie, denn
allein wird sie kaum etwas davon realisieren, was ihr und nicht wenigen
Menschen so wichtig ist. Dafür aber, und für nichts anderes, ist sie da.
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