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André Brie, Kolumne für Disput, Mai 2008
Bedrückendes Wiedersehen
"Der afghanische Staatschef Hamid Karsai ist am
Sonntag knapp einem schweren Granaten-Angriff in Kabul entkommen. Während
des Aufmarschs von rund 3000 Soldaten zu einer Militärparade in der
Hauptstadt explodierten mehrere Sprengsätze, 15 Minuten lang fielen
unaufhörlich Schüsse. Der Präsident wurde von seinen Leibwächtern in
Sicherheit gebracht. Drei Menschen starben, rund ein Dutzend weitere
wurden verletzt."
Diese Eilmeldung lief am 27. April über die
Nachrichtenagenturen. Zu dieser Zeit weilte ich wieder einmal in
Afghanistan. Stundenlang waren die Straßen blockiert. Ich saß in einer der
vielen Festungen, mit denen sich internationale Organisationen,
Botschaften und afghanische Regierungsstellen gegen die Einwohnerinnen und
Einwohner Kabuls verbarrikadiert haben, in der
UN-Entwicklungsorganisation, fest. Nie zuvor hatte ich bei meinen Besuchen
so massive Gewalt selbst in der afghanischen Hauptstadt erlebt. Allein in
der einen Woche, die ich mich in Afghanistan aufhielt, starben mindesten
42 Menschen bei Gefechten und Anschlägen in Kabul und den Provinzen. Das
meiste wird international gar nicht zur Kenntnis genommen - die täglichen
Morde an Lehrerrinnen und Lehrern, das Abbrennen von Schulen, gesprengte
Straßenbrücken. Die ohnehin schon dramatische Sicherheitslage hat sich
noch weiter verschlechtert.
Natürlich waren nach dem Attentatsversuch auf
Karsai die Proteste laut. Bundesaußenminister Steinmeier brachte seine
"Abscheu von dem Anschlag" zum Ausdruck, UN-Generalsekretär Ban Ki Moon
verurteilte ihn "auf das Schärfste". Zugleich rief der höchste
UNO-Diplomat dazu auf, die internationale Unterstützung für den
Wiederaufbau Afghanistans fortzusetzen.
Diese Unterstützung allerdings ist sehr halbherzig,
ihre Grundlagen sind ebenso falsch wie die gesetzten Prioritäten. Ein
Großteil des Geldes fließt zudem sofort wieder an internationale,
insbesondere US-amerikanische, Unternehmen, Vertragspartner, Experten
zurück. Dass der Anschlag in einer Hochsicherheitszone ohnehin nur möglich
war, weil die afghanischen Sicherheitsorgane von Widerstandsgruppen
unterwandert sind und Regierungskreise mit ihnen gegen den Präsidenten
zusammenarbeiten, wurde in den Berichten ebenfalls verschwiegen. Zwar
reden fast alle Regierungen seit geraumer Zeit davon, dass in Afghanistan
eine neue Strategie notwendig ist, aber vor allem unter dem Druck der USA
wird die längst gescheiterte Militärpolitik unter der perversen und
verlogenen Losung des "Krieges gegen den Terror" fortgesetzt. Zwar gibt es
durchaus sehr wichtige positive Entwicklungen in Afghanistan, vor allem im
Gesundheits- und Bildungsbereich. Die grauenhaft hohe Kindersterblichkeit
wurde um ein Fünftel gesenkt. Sechs Millionen afghanische Kinder, auch die
Mehrheit der Mädchen, können jetzt eine Schule besuchen. Aber neben der
Unsicherheit bleiben das unverändert hohe Niveau des Opiumanbaus und des
Drogenhandels sowie die umfassende Korruption eine immense Bedrohung. Eine
wirksame internationale Unterstützung zur Umstellung dieser im wahrsten
Sinne des Wortes mörderischen Produktion gibt es nicht, obwohl Konzepte
dazu auf dem Tisch liegen. Für Millionen Afghaninnen und Afghanen sind die
Lebensverhältnisse von Armut, Arbeitslosigkeit, drohendem Hunger und
Unsicherheit geprägt. Seit Jahresbeginn haben sich die Lebensmittelpreise
verdoppelt. Der Opiumanbau und die Arbeit auf den Mohnfeldern sind für
Hunderttausende das Hartz IV Afghanistans.
Der Stillstand ist nicht zuletzt auch der
afghanischen Regierung selbst geschuldet. Die Demokratisierung des Landes
ist stecken geblieben, von einer Gewährleistung der Grund- und
Menschenrechte kann keine Rede sein, es ist eine erneute Verschlechterung
zu erkennen. Nicht zuletzt sind es noch immer Frauen und Mädchen, die
entrechtet und diskriminiert werden. Auch die grassierende Korruption im
Land geht wesentlich von der Staatsführung in Kabul aus. Der Präsident und
seine Minister sind heute in weitesten Teilen der Bevölkerung
diskreditiert. Es sind allein die Schwäche, Bestechlichkeit und
Zersplitterung seiner zahlreichen Opponenten, die die "Stärke" Karsais
ausmachen. Und natürlich dessen Unterstützung durch die USA, die mit ihrer
ausschließlich militärisch angelegten Strategie die Situation in
Afghanistan herbeiführten und die Realitäten nun ignorieren. Anfang des
Monats beantragte US-Präsident Bush weitere 45 Milliarden Dollar allein
für die Militäreinsätze in Irak und Afghanistan. Zugleich will Washington
7.000 zusätzliche Soldaten an den Hindukusch entsenden, damit wären die
US-amerikanischen Einheiten über 40.000 Mann stark.
Realistische Alternativen für die Entwicklung des
Hindukusch-Staates sind offenkundig und werden seit langem konkret
benannt, von den Regierungen der USA, der NATO- und EU-Staaten und auch
von jener in Kabul jedoch ignoriert. Dazu gehören die Umorientierung der
Hilfe auf den gesellschaftlichen, den zivilen, wirtschaftlichen und
sozialen Wiederaufbau ebenso wie die Stärkung der afghanischer
Entscheidungskompetenzen und die Verfügung des Landes über den Einsatz der
internationalen Mittel bei gleichzeitigem Kampf gegen die
Regierungskorruption. Notwendig sind die konsequente Beachtung von
Menschenrechten, eine wirksame Koordinierung der internationalen Hilfe
durch die afghanischen Institutionen und durch die UNO und die
Zurückdrängung nationaler Konzepte, vor allem Washingtons, die sich allein
an der Geopolitik der USA orientieren. Und als vielleicht dringendste und
schnell umsetzbare Aufgaben: Die sofortige Beendigung der US-Operation "Enduring
Freedom" sowie eine klare Trennung der zivilen und humanitären Hilfe von
allen militärischen Strukturen. |
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