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André Brie, 9. Mai 2007, Kolumne für Disput, Mai 2007
Politik des Schweigens
Angela Merkel wird sich ihren jüngsten Besuch in
Washington sicher auf die "Positiv-Seite" der deutschen
EU-Ratspräsidentschaft schreiben. Und die Bilder vermittelten ja auch
durchaus den Eindruck eines erfolgreichen EU-USA-Gipfels: Die
Bundeskanzlerin mit dem US-Präsidenten im freundlichen Gespräch, beim
shake hands, vor der Presse, beim Unterzeichnen von – durchaus wichtigen –
Wirtschaftsvereinbarungen.
Natürlich weiß jeder, der sich ein wenig für
Politik interessiert, dass solche Auftritte von einer ganzen Heerschar
PR-Experten inszeniert werden. Und gerade George Bush und Angela Merkel
haben sie nötig. Während die Popularität des US-Präsidenten inzwischen
nach dem Desaster in Irak und Afghanistan zu Hause auf einen neuen
Tiefststand gesunken ist, kann auch die Bundeskanzlerin nur eine eher
magere Ausbeute der Berliner EU-Präsidentschaft vorweisen.
Trotz der pompösen Auftritte in Washington dürfte
sich diese Bilanz mit dem amerikanisch-europäischen Gipfeltreffen noch
verschlechtern. Bestes - oder schlechtestes - Beispiel dafür ist die
Klimapolitik. Die USA und die EU sind mit insgesamt 38 Prozent des
Gesamtaufkommens nicht nur die größten Energieverbraucher der Welt, auf
sie entfallen zugleich etwa 39 Prozent des weltweiten Ausstoßes von
Treibhausgasen. Geschichtlich sind sie sogar für mehr als 90 Prozent der
bisherigen Kohlendioxydanreicherung in der Atmosphäre durch den Menschen
verantwortlich. Während sich die EU freiwillig zur Reduzierung der
Emission bis 2012 um acht Prozent – fast drei Prozent mehr, als im
Kyoto-Protokoll von 1997 vorgesehen – verpflichtete (wenngleich dies
angesichts der gegenwärtigen Politik kaum erreichbar scheint), erteilte
die US-Regierung dem "fehlerhaften" Protokoll 2001 eine Absage. Merkel und
ihre Begleitung hatten sich auf die Fahne geschrieben, die USA in Sachen
Klimaschutz zurück ins Boot zu holen. Doch die Ergebnisse des Treffens
sind dürftig: Mehr als die Aussage des US-Präsidenten, "dass wir ein
Problem mit den Treibhausgasen haben", war offensichtlich nicht möglich.
Noch schlechter sah es bei Außenpolitik und
Menschenrechten aus. Gerade für diese Themen aber hatte das EU-Parlament
noch kurz vor dem Gipfel praktisch ein Verhandlungsmandat erteilt. In
einer Resolution werden die USA vor Verletzungen der Menschenrechte im
"Kampf gegen den Terror" gewarnt und die Schließung des Gefangenenlagers
Guantanamo gefordert. Zur Sprache kamen diese Punkte aber offensichtlich
ebenso wenig wie die amerikanische Besatzungspolitik im Irak oder der
Kurs in Afghanistan, der die wiederholt versprochene Wiederaufbauhilfe
inzwischen fast komplett ausblendet und nur noch auf militärische Aspekte
setzt.
Schweigen herrschte auch zu den illegalen
CIA-Praktiken in Europa. Bisher gab es keinerlei Reaktion Washingtons auf
die scharfe Kritik des entsprechenden Sonderausschusses des
Europaparlaments. Zwischen 2001 und 2005 haben mindestens 1.245 Flüge der
CIA in Europa stattgefunden, heißt es in dem im Februar vorgelegten
Report. Außerordentliche Überstellungen, rechtswidrige Verhaftungen und
systematische Folterungen vieler Menschen dauerten weiterhin an. Die
EU-Abgeordneten verlangen daher ein Gipfeltreffen der EU und der USA zur
Terrorismusbekämpfung.
Nicht weiter kam man in Washington im Falle der
von den USA in Osteuropa geplanten Raketenabwehr. Mit dem Verzicht auf
eine klare Ablehnung in dieser Frage hat sich die EU-Spitze für den Mitte
dieses Monats stattfindenden EU-Russland-Gipfel eine schwere Bürde
aufbinden lassen. Moskau ist deutlich verstimmt über die derzeitige
"Ostpolitik" Brüssels. Dass die EU-Zentrale im estnisch-russischen Streit
um die Verlegung eines sowjetischen Weltkriegsdenkmals in Tallin einseitig
und unverantwortlich Position gegen Moskau bezogen und den Konflikt damit
noch zugespitzt hat, mag dabei noch das kleinere Problem sein. Der
Raketenschild in osteuropäischen EU-Staaten, die zugleich auch der NATO
angehören, wiegt da weit schwerer. Die von Russlands Präsident Wladimir
Putin angekündigte Aufkündigung von Verträgen zur Rüstungsbegrenzung zeigt
den Ernst der Situation.
Dass die US-Regierung bewusst und ihre Partner in
Europa zumindest leichtfertig eine neue Runde des Wettrüstens provozieren
und Putin nicht zuletzt aus innenpolitischen Gründen darauf einsteigt,
demonstriert erneut die außenpolitische Schwäche der EU. Gefordert ist
eben nicht die Aufstellung von schnellen Eingreiftruppen und das weltweite
militärische Agieren, sondern die Entwicklung und Umsetzung einer
tatsächlichen, kritischen und konstruktiven Partnerschaft zu Washington
und Moskau. Und das steht bei Angela Merkel nicht auf der Haben-Seite.
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