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André Brie,
Disput-Kolumne, Mai 2005
Fit, erfahren,
arbeitslos
Lieber Leserin, lieber
Leser,
Sind Sie über 50 Jahre
alt? Sind Sie gesundheitlich fit, haben eine gute Bildung
und gute Ausbildung? Sind Sie noch im Beruf aktiv oder
haben Sie von Übergangsregelungen profitiert, die einen
früheren Renteneintritt ohne materielle Einbußen
ermöglichen? Schützen Sie „nichtmonetäre Ressourcen“, wie
Immobilieneigentum, und der Zusammenhalt in der Familie
vor Armut? Können Sie Ihren Kindern ab und an finanziell
unter die Arme greifen? Wenn dies alles zutrifft, haben
Sie die wichtigsten positiven Aspekte auf sich vereinigt,
die eine EU-weite Studie jetzt bei älteren Menschen
ausgemacht hat.
Oder gehören Sie zu
jenen 68 Prozent der Älteren in den neuen Bundesländern
und den vielen in Westdeutschland und anderen EU-Ländern,
die keine soziale Gerechtigkeit spüren? Stehen Sie
vielleicht, wie fast jeder zweite Ostdeutsche in dieser
Altersgruppe, in keinem Arbeitsverhältnis mehr? Mussten
Sie, wie 70 Prozent der weiblichen und zwei Drittel der
männlichen „Neuzugänge“ vorzeitig und mit erheblichen
Einkommensverlusten in Rente gehen? Dann sind Ihre
Lebensbedingungen wohl im kürzlich vorlegten, aktuellsten
„Sozialreport 50+“ der Volkssolidarität widergespiegelt,
die seit 1990 regelmäßig die soziale Situation älterer
Menschen im Osten Deutschlands untersucht.
Natürlich sind die
Lebensumstände der Frauen und Männer „im besten Alter“ in
Europa sehr unterschiedlich. Die europäische SHARE-Studie
zu Gesundheit, Alter und Ruhestand, die zum großen Teil
von der EU-Kommission finanziert wurde, belegt das erneut.
Ich will keinesfalls den Wert soziologischer
Untersuchungen in Frage stellen, schließlich komme ich
selbst aus der Wissenschaft und weiß um den Wert
fundierten Datenmaterials. Aber: Wenn die Erhebungen die
zentralen Probleme von Menschen in ganz Europa,
nämlich Verdrängung aus dem Arbeitsleben, Zerschlagung der
staatlichen Rentensysteme und Altersarmut nicht in den
Mittelpunkt stellen, unterstützen sie nur noch die
Apologetik der Regierenden und der Unternehmerverbände.
Ohnehin haben die
Älteren, vor allem aber Rentnerinnen und Rentner, in
EU-Europa keine Lobby. Diese Bevölkerungsgruppe wird noch
immer vor allem als demographisches, wirtschafts- und
sozialpolitisches „Problem“ behandelt. Und das, obwohl die
Alterung der Gesellschaft rasch zunimmt. Bereits heute
leben in Westeuropa über 70 Millionen Menschen mit einem
Lebensalter von 60 und mehr Jahren – etwa ein Fünftel der
Gesamtbevölkerung. Schätzungen zufolge wird es im Jahr
2020 allein in Gebiet der alten „EU der 15“ – also etwa im
Dreieck Deutschland-Großbritannien-Portugal – gut 20
Millionen Menschen über 80 Jahren geben; die Gruppe der
über 65jährigen wird um 17 Millionen wachsen. Zugleich
nimmt die Altersgruppe der 20 bis 29jährigen um elf
Millionen ab.
Dabei sind diese Zahlen
der Brüsseler EU-Kommission ebenso bekannt wie den
Regierungen der einzelnen Mitgliedsstaaten. Auf eine
gemeinsame, nachhaltige und vor allem umfassende Strategie
zugunsten der Senioren und der gesellschaftlichen Nutzung
ihres unvergleichlichen Lebensreichtums konnte – oder
besser wollte – man sich auf europäischer Ebene trotzdem
nicht einigen. Auch die Charta der Grundrechte, die
integraler Bestandteil des EU-Verfassungsvertrags ist,
bleibt unverbindlich: „Die Union anerkennt und achtet das
Recht älterer Menschen auf ein würdiges und unabhängiges
Leben und auf Teilnahme am sozialen und kulturellen
Leben“, heißt es darin lediglich.
Die Gesetze und
Regelungen in diesem Bereich legen die Mitgliedsstaaten
auf staatlicher Ebene fest. Was aber nicht heißt, dass die
Weichenstellungen nicht doch durch die EU-Spitzen auf
ihren Gipfeltreffen vorgenommen werden. So findet sich
seit Jahren in den Dokumenten die Forderung nach
„Modernisierung“ der Renten- und Sozialsysteme. Was jedoch
mit „Modernisierung“ gemeint ist, brauche ich an dieser
Stelle nicht näher zu erläutern. Hartz IV und
Arbeitslosengeld 2, Nullrunde bei Rentenanpassungen,
Aushöhlung der solidarischen Sicherungssysteme und
„private Vorsorge“, "Gesundheitsreform" sind nur einige
Stichworte dafür.
Ich will nicht falsch
verstanden werden: Reformen der Sozial-, und auch der
Rentensysteme, sind tatsächlich dringend notwendig. Nicht
zuletzt, weil die Altersentwicklung, in erster Linie aber
die anhaltende Massenarbeitslosigkeit, schon sehr bald zum
finanziellen Kollaps staatlicher Vorsorge führen könnte.
Den Rotstift bei Renten und Sozialleistungen anzusetzen,
führt aber nicht nur zu weiteren Belastungen der Senioren,
zu Armut und Ausgrenzung. Es ist zugleich für die
dauerhafte Sicherung der Renten völlig untauglich. Nicht
die Beschneidung von Leistungen sichert die
Zahlungsfähigkeit der Rentenkassen, sondern höhere
Einzahlungen. Und die leisten gegenwärtig bekanntlich
direkt und indirekt die abhängig Beschäftigten (auch den
sog. Arbeitgeberanteil erwirtschaften schließlich die
"Arbeitnehmer"). Allerdings erreicht die Arbeitslosenzahl
nahezu jeden Monat eine neue Rekordmarke. Im April waren
4,968 Millionen Menschen in der Bundesrepublik offiziell
arbeitslos gemeldet - 524.000 mehr als im Vorjahresmonat.
In erster Linie betroffen waren Jugendliche und ältere
Menschen.
Besonders dramatisch
stellt sich die Situation in den neuen Bundesländern dar.
41 Prozent der dortigen Betriebe beschäftigen keine
Menschen mehr, die das 50. Lebensjahr erreicht haben. Laut
„Sozialreport 50+“ fehlen im Osten Deutschlands eine
Million Arbeitsplätze allein für die 50 bis 65-Jährigen.
Bereits heute sind in dieser Altersgruppe 15 Prozent von
Armut betroffen – Tendenz steigend.
Die wirtschaftlichen
und sozialen Probleme der reiferen Menschen können nicht
separat von der gesamtgesellschaftlichen Entwicklung, und
schon gar nicht mit den makabren „Rezepten“ einigen
Jungpolitiker vor allem aus der konservativen und
liberalen Ecke gelöst werden. Aber angesichts der
beschriebenen Fakten ist es unabdingbar, die gesetzlichen
Rentensysteme zu erhalten und an die aktuellen Bedingungen
anzupassen; die Beschäftigungsquote unter Älteren, damit
verbunden auch die Bereitstellung von
Qualifizierungsangeboten, zu erhöhen und vor allem die
Massenarbeitslosigkeit nachhaltig zu bekämpfen und, wie
von PDS und anderen Organisationen vorgeschlagen, die
Finanzierungsgrundlagen der Rentenversicherung zu
erweitern, um die Zahlungsfähigkeit der Rentenkassen zu
gewährleisten. Und nicht nur für die heutige ältere
Generation. |
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