|
André Brie, Kolumne für Disput,
Mai
2004
Europa gestalten!
„Fragen Sie die Wahlkandidaten,
wie man in Europa Politik macht!“ Die Aufforderung, dieser Tage in einer
Glosse des Berliner „Tagesspiegel“ erschienen, spricht für zweierlei:
Erstens für das Desinteresse und den Zweifel, die sich immer noch mit dem
Thema Europa verbinden. Und zweitens für die nicht weniger verbreitete
Unkenntnis, wie Entscheidungen auf europäischer Ebene fallen und wie das
Europaparlament daran mitwirkt.
Also: Wie „funktioniert“ Europa? In vielen Fragen ähnlich
wie die Nationalstaaten. Die Brüsseler EU-Kommission arbeitet auf der
Grundlage der Verträge Gesetzesvorschläge aus, über die dann die
Fachminister der Mitgliedsstaaten (als „Rat“ oder „Ministerrat“
bezeichnet) sowie das Europaparlament beraten und, bei Differenzen nach
einem Vermittlungsprozess, entscheiden. Allerdings – und hier gibt es
wichtige Unterschiede zu den nationalen Parlamenten – dürfen die
Europaabgeordneten noch nicht in allen Politikbereichen, sondern nur in
rund 80 Prozent, gleichberechtigt mit entscheiden. Die Umsetzung der
gemeinsam von Parlament und Rat getroffenen Beschlüsse liegt dann
wiederum bei der Europäischen Kommission. Soweit die
„technischen“ Fakten.
Wichtiger als das „Wie“ ist aber, welche Politik gemacht
wird. Tatsache ist, dass die EU und ihre Mitgliedsländer heute an
vorderster Stelle steht, wenn es um Sozialabbau und die Zerschlagung der
staatlichen Rentensysteme, um Privatisierung und wirtschaftliche
Liberalisierung („freier Wettbewerb“), um die Umverteilung von Unten
nach Oben, um die Einschränkung des Asylrechts und die Militarisierung
der Außenpolitik geht. So werden alljährlich 160 Milliarden Euro in der
Europäischen Union für die „Verteidigung“, einschließlich des
Aufbaus von Interventionseinheiten, ausgegeben. Zugleich bleibt die in
allen Gipfeldokumenten angekündigte Bekämpfung der
Massenarbeitslosigkeit in Europa ein Worthülse: 14 Millionen Menschen
waren bereits vor der EU-Erweiterung zum 1. Mai in der Gemeinschaft
offiziell ohne Arbeitsplatz. Dass diese Zahl durch die den Neumitgliedern
abverlangten „Reformen“ noch dramatisch steigen wird, ist abzusehen.
Zunehmen wird auch die Armut im reichen Europa. Nach den Kriterien der
Statistikbehörde Eurostat (weniger als 60 Prozent des
Durchschnittseinkommens) gelten allein 61 Millionen Menschen – fast 20
Prozent! – in Westeuropa als arm. Inzwischen entwickelt sich die EU auch
global zum Protagonisten des Neoliberalismus. So legte die Brüsseler
Kommission in den Verhandlungen über das internationale
Dienstleistungsabkommen GATS Papiere vor, mit denen eine möglichst
schnelle und umfassende Privatisierung
sochen Bereiche wie Bildung, Energie- und Wasserversorgung oder öffentlicher
Nahverkehr ermöglicht werden soll.
Widerstand gegen eine solche Politik ist nötig – aber ist
er für sechs PDS-Abgeordnete im Europäischen Parlament auch möglich?
Meine Erfahrung ist eindeutig: Ja! Natürlich fällt es im Europaparlament
mitunter leichter als auf nationaler Ebene, Koalitionen selbst über
Parteiengrenzen hinweg zu bilden. Schließlich gibt es keine
„Europaregierung“ und keine Regierungsfraktionen. So kann ich als
Sozialist durchaus gemeinsam mit einem italienischen Christdemokraten aus
dem Mezzogiorno für den Erhalt der Förderung benachteiligter Regionen kämpfen.
Trotzdem mussten – und müssen – auch in Straßburg die meisten
Erfolge der europäischen Linken hart erkämpft werden.
Die weitere Liberalisierung der Hafendienstleistungen, sprich die
Aushebelung gewerkschaftlicher Rechte und Tarife, oder die europaweite
Ausschreibung von Nahverkehrsleistungen, die Großunternehmen bevorzugt hätte,
konnten maßgeblich durch die Fraktion der Vereinten Europäischen Linken
verhindert werden. Die PDS-Vertreter haben eine Überprüfung der
Abholzungen in südbrandenburgischen Naturschutzgebieten und verbesserte
Sozialvorschriften für Berufskraftfahrer durchgesetzt. Die Aufnahme des
Rechts auf Wehrdienstverweigerung in die EU-Grundrechtecharta geht ebenso
auf die Initiative der Linksfraktion zurück wie die weltweite Veröffentlichung
eines Films über US-Verbrechen in Afghanistan. Und nicht zuletzt waren es
die PDS-Parlamentarier, die den Anachronismus des Bombodroms in der
Ruppiner Heide zu einem Thema in Europa gemacht und juristische Schritte
gegen den Luftwaffenschießplatz unterstützt haben.
Mit solchen Schwerpunkten liegt die PDS-Politik in Brüssel
und Straßburg gar nicht soweit weg von jener in Neuruppin, Herne, Berlin
oder Schwerin. Nur sind dort die Zwänge, vor allem die materiellen, viel
unmittelbarer und offensichtlicher. Wer möchte wohl dem Berliner Kultur-
und Bildungssenator Thomas Flierl die Entscheidung abnehmen, ob er einem
Jugendtheater oder den Hochschulen die Gelder streicht, um mit seinem Etat
auszukommen?
Ich will nichts schön reden: Eine kritische
Auseinandersetzung mit der PDS-Arbeit in Parlamenten, Landesregierungen
und Bürgermeisterämtern ist richtig und notwendig. Einerseits, weil auch
Sozialisten Fehler machen und vielleicht nicht immer intensiv genug nach
Alternativen zu gängigen Politikmodellen suchen. Andererseits, weil
oftmals eigenes Profil in politischen Entscheidungen, die zumeist
Kompromisscharakter tragen, nicht mehr zu erkennen ist. Und doch ist es
auch in der „Realpolitk“ vorhanden, man muss nur genau hinschauen: Die
Förderung der Militärkonversion durch die Landesregierung
Mecklenburg-Vorpommerns gehört ebenso dazu wie Fortführung der „civitas-Projekte“
im Kampf gegen den Rechtsextremismus. Die Berliner Innovationspolitik, mit
der rund 40 000 Arbeitsplätze gesichert werden, trägt genauso die
PDS-Handschrift wie der Schutz
der Sozialhilferegelsätze vor weiteren Absenkungen. Nicht zuletzt ist mit
den Sozialisten auch mehr Realismus und politische Sauberkeit in Rathäuser
und Regierungen eingezogen. Gerade in Bundeshauptstadt, die mit den
Finanzaffären der Bankgesellschaft Berlin traurige Berühmtheit erlangte,
wurde der CDU-Vetternwirtschaft ein Riegel vorgeschoben.
Wenn in das neue Europaparlament wieder PDS-Abgeordnete
einziehen – und davon gehe ich fest aus – werden sie auf die
verschiedenen Erfahrungen auf außerparlamentarischer, lokaler, nationaler
und europäischer Ebene zurückgreifen können. Denn unser vielleicht
wichtigster und praktischster Erfolg im Europäischen Parlament ist die
wirkungsvolle Zusammenarbeit mit europäischen Gewerkschaften und
Betriebsräten, globalisierungskritischen Bewegungen, Kommunalverbänden
und Bürgerinitiativen.
|
|