| André Brie, Disput-Kolumne Mai 2002
Verweigerte Partnerschaft
„Zaungast Russland“
– diese Beschreibung trifft wohl am ehesten zu, wollte man das Verhältnis
der EU zu der einstigen Supermacht im Osten beschreiben. Tatsächlich
spielt die „östliche Dimension“ in der Brüsseler Politik bislang nur
eine Nebenrolle. Vielen verantwortlichen Politikern scheint nicht einmal
bewusst zu sein, dass Russland ein europäisches Land ist. Und das,
obgleich die politische und militärische Bedeutung Russlands, seine
immensen Ressourcen und sein Potenzial an Wissen und Kultur die europäische
– und globale – Entwicklung auch in Zukunft wesentlich beeinflussen
werden. Auf der anderen Seite können ökonomische und gesellschaftliche
Krisen in dem Land Gesamteuropa und das internationale Umfeld
destabilisieren. Eine verlässliche, für beide Seiten berechenbare und
kooperative Politik ist vor diesem Hintergrund unverzichtbar.
Den Wunsch nach einem
solchen Kurs habe ich oft gehört, als ich vor wenigen Tagen in Russland
und ehemaligen Sowjetrepubliken unterwegs war und Gespräche mit
Politikern, Wissenschaftlern und Wirtschaftsvertretern führte. Dass es
aber der Europäischen Union keineswegs um eine Politik zum beiderseitigen
Nutzen geht, hat Italiens rechtskonservativer Ministerpräsident Silivio
Berlusconi Mitte April vor Wirtschaftskreisen seines Landes deutlich
gemacht: „Das nächste Ziel ist es, Russland in die Europäische Union
zu bringen“, meinte der Premier. Nicht jedoch, um das Land
gleichberechtigt in Europa zu integrieren, wie man nun annehmen könnte.
Sondern, „um damit die EU zu einer politischen und militärischen Macht
ebenso wie zu einer Wirtschaftsmacht zu machen“, wie der Premier unverblümt
erklärte. Im Klartext: Im Mittelpunkt stehen die Interessen des Westens,
die Bedürfnisse Russlands bleiben außen vor.
Tatsächlich sind die (West-)Europäer
trotz vollmundiger Erklärungen von einer wirklichen Partnerschaft mit
Moskau weit entfernt. Mit einiger Sicherheit werden auf dem noch im Mai
anstehenden EU-Russland-Gipfel die Vertreter der Europäischen Union
abermals ein „gutes Verhältnis“ und die „vertrauensvolle
Zusammenarbeit“ beschwören. Die Realität in der EU aber sieht anders
aus. Die EU hat gegenüber Russland eine politische Strategie beschlossen,
doch die steht bestenfalls auf dem Papier. Sie ist keine Strategie, sie
ist nicht gemeinsame Politik und das Beschlossene wird nicht einmal
realisiert. Weder sichert das bereits 1994 geschlossene „Partnerschafts-
und Kooperationsabkommen“ die Gleichberechtigung zwischen beiden Seiten,
noch bietet es eine stabile Basis für die Entwicklung der Beziehungen.
Beispiel
Partnerschaftsabkommen: Erst 1997,
vergleichsweise spät, trat der drei Jahre zuvor geschlossene Vertrag in
Kraft. Schon diese Zeitspanne deutet auf ernste Probleme hin. In der Tat
war es so, dass Moskau – übrigens ähnlich wie heute die
EU-Beitrittskandidaten – die Vorgaben Brüssels zur wirtschaftlichen und
politischen Reform faktisch übergestülpt bekam, sich gegängelt fühlte
und auf Distanz ging. Zudem war die EU-Zentrale mit den neuen Aufgaben in
Osteuropa völlig überfordert und stürzte von einer Notlösung zur nächsten
– der Effekt der aufgelegten Unterstützungsprogramme wurde erheblich
gemindert.
Beispiel
Handel: Auf den ersten Blick nehmen
sich die Zahlen zum Güterverkehr beeindruckend aus. Im Jahre 2000 führte
die EU Waren im Wert von 20 Milliarden Euro nach Russland aus, die Importe
hatten sogar einen Umfang von 45 Milliarden Euro. Mit einem Anteil von 35
Prozent nimmt Westeuropa den ersten Platz im russischen Außenhandel ein.
Die Struktur der Warenströme spricht jedoch Bände: Während aus der EU
vor allem Maschinen und Fertigerzeugnisse kommen, liefert Russland fast
ausschließlich Rohstoffe – eine moderne Form des Kolonialismus.
Beispiel
Tschetschenien: Ausdrücklich in
der „Demokratieklausel“ des Partnerschaftsabkommen fest geschrieben
wurde die Pflicht zur Achtung der Menschenrechte. Deren Missachtung kann
sogar zur Aussetzung des Vertrags führen. Im Falle des russischen
Vorgehens in der seit 1999 militärisch besetzten drücken die
EU-Entscheidungsremien aber offensichtlich beide Augen zu. Und dies,
obwohl das Europaparlament noch Anfang April auf die Situation hingewiesen
und eine Verfolgung von Straftaten – gleich ob von russischen Soldaten
oder tschetschenischen Rebellen begangen – gefordert hatte.
Nach dem 11. September
hat sich die Bereitschaft des Westens, und insbesondere der USA, mutmaßliche
Menschenrechtsverletzungen in Tschetschenien zu tolerieren, sogar noch erhöht.
Der Grund dafür ist einfach – Moskau sollte in den von Washington geführten
und von NATO wie EU vorbehaltlos unterstützten „Feldzug gegen den
internationalen Terrorismus“ einbezogen werden. Wie meine Gesprächspartner
in Russland berichteten, habe man sehr schnell erkannt, dass es dabei
keineswegs um die Bekämpfung von Terroristen geht. Ganz im Gegenteil:
Faktisch sollte Russland die westliche Tolerierung der
Menschenrechtsverletzungen in Tschetschenien oder der von Putin akut
bedrohten Medienfreiheit mit der Zustimmung zur Umkreisung seines eigenen
Territoriums durch die USA bezahlen.
Die Anschläge in New
York und Washington waren ein willkommener Anlass, diese Ziele der USA
beschleunigt umzusetzen. So eröffnete Washington im Februar nach
Afghanistan und den Philippinen die „dritte Front gegen den
Terrorismus“ in Georgien. Die US-Militärberater werden aber wohl vor
allem die kaspischen Ölvorkommen im Auge behalten und die Einbeziehung
der Kaukasusrepublik in die NATO vorbereiten. Mit der angestrebten
Aufnahme der baltischen und einiger südosteuropäischer Staaten in die
nordatlantische Allianz im November wird der Ring um Russland noch weiter
ausgebaut. In den zentralasiatischen Republiken haben sich die US-Militärs
offenkundig ohnehin auf Dauer eingerichtet. Und auch bei der nuklearen Abrüstung
mauert Washington. Waren die Verhandlungen schon durch die einseitige Kündigung
des ABM-Vertrags erschwert, sollten nun sogar demontierte Atomsprengköpfe
in den USA eingelagert statt zerstört werden. Ob das Abrüstungsabkommen
wie geplant beim Gipfeltreffen USA-Russland in wenigen Tagen
unterschrieben werden kann, ist noch offen.
Die EU – und natürlich
auch Deutschland, das über gute Kontakte zu Moskau verfügt – könnten
nach meiner Ansicht durchaus ein Korrektiv zu diesem gefährlichen Kurs
bilden. Das verlangt eine tatsächlich gemeinsame Politik der Europäischen
Union und den Willen, sich endlich von Washington abzunabeln. Denn ein
friedliches und prosperierendes Europa wird auf Dauer mit einem schwachen
und bedrohten Russland nicht zu haben sein.
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