| André
Brie, Kolumne für Disput, Mai 2001
Kürzlich
sind die USA aus zwei UNO-Gremien herausgewählt worden. Angesichts der
zentralen Rolle der „Antidrogenpolitik“ für die Bush-Administration dürfte
das Scheitern ihres Vertreters im Drogenausschuss eine recht ernsthafte
Schlappe gewesen sein. Die „Antidrogenpolitik“ der USA, das habe ich
unlängst auf der IV. Interparlamentarischen Konferenz zur Bekämpfung des
Drogenhandels in Santa Cruz (Bolivien) hautnah erlebt, ist primär Politik
zur Sicherung globaler Vorherrschaft (meine Tagebuchnotizen, darunter vom
Besuch im bolivianischen Koka-Anbaugebiet, sind unter meiner Homepage www.andrebrie.de
nachzulesen).
Noch schmerzlicher dürfte das Ausscheiden aus dem
UNO-Menschenrechtsausschuss für die neue Administration gewesen sein. Die
USA hatten ihm seit 1947 ununterbrochen angehört. Amerikanische Macht,
aber auch der Mythos, die USA seien ein Ursprungsland der Freiheitsrechte
(und in der Tat ist der Menschenrechtszusatz, der der Unabhängigkeitserklärung
bewusst angefügt wurde, ein großartiges und bleibendes Dokument) hatten
es über Jahrzehnte als selbstverständlich scheinen lassen, dass die USA
in diesem Komitee vertreten waren. Im Kalten Krieg war es für sie sowohl
ein effektives Mittel gegen die Sowjetunion und die anderen
sozialistischen Länder, als auch zur Durchsetzung des „American way of
life“ in den abhängigen lateinamerikanischen, asiatischen und
afrikanischen Staaten. In jüngster Zeit versuchten die USA den Ausschuss
insbesondere für ihre antikubanische und antichinesische Strategie zu
instrumentalisieren. Die Politik der USA ist auf kaum einem Gebiet
zynischer. Das beginnt mit deren Missachtung in den USA selbst und der
Ignorierung der sozialen und kulturellen Menschenrechte und führt bis zur
Doppelzüngigkeit, mit der Menschenrechtsverletzungen in Staaten
attackiert werden, die von den USA als Gegner angesehen werden, während
sie sich im eigenen Lager jeden noch so widerlichen Diktator leisten und
selbst den Massenmörder Pol Pot in der UNO unterstützten, als es ihnen
politisch in das Konzept passte. Damit wird aber zugleich auch das
grundlegende Defizit der Menschenrechtspolitik der damaligen
sozialistischen Länder offensichtlich. Letztlich handelten sie mit
entgegengesetzten Vorzeichen ähnlich. Pol Pot z.B., der sich Kommunist
nannte, galt fast bis zu seinem Sturz durch den Einmarsch vietnamesischer
Streitkräfte als Bündnispartner, obwohl er in einem archaischen
Bauernkommunismus Millionen Menschen umbringen ließ.
Die Menschenrechtspolitik der kapitalistischen Metropolenstaaten
hat sich nicht geändert und wird sich nicht ändern. Die Auffassung von
Sozialistinnen und Sozialisten aber muss nach allen Erfahrungen der
Vergangenheit grundlegend verändert sein. Die Alternative zur einseitigen
und nicht selten verlogenen Betonung der individuellen Freiheitsrechte
durch die USA und die NATO kann weder die Vereinseitigung der kollektiven
sozialen Rechte, noch die Kritiklosigkeit gegenüber
Menschenrechtsverletzungen in Ländern sein, denen man sich aus dem einen
oder anderen Grund politisch verbunden fühlt. Die Unteilbarkeit der
Menschenrechte, unteilbar hinsichtlich der politischen wie der sozialen
Rechte und unteilbar hinsichtlich ihrer Wahrung in jedem Staat, unabhängig
von dessen politischer Orientierung, muss unser Credo sein. Nur so können
wir uns auch – anders als die Sowjetunion und die DDR – wirklich von
kapitalistischer Politik auf diesem Gebiet unterscheiden. Nur am Rande möchte
ich jedoch darauf hinweisen, dass mit einem solchen Grundsatz sehr
komplizierte Probleme praktischer Politik noch nicht gelöst sind.
Menschenrechte müssen universal sein. Aber ihre Durchsetzung ist auch ein
historischer und politisch komplexer Prozess, der zudem an kulturelle
Voraussetzungen gebunden ist.
Scharpings und Fischers Menschenrechtslyrik gegenüber Jugoslawien
hatte nichts mit der Verteidigung der Menschen-, Bürger- und
Minderheitenrechte der Kosovoalbanerinnen und -albaner zu tun, sondern mit
der Begründung und Entfesselung eines Angriffskrieges, der selbst die
massivste Verletzung von Menschenrechten ist und in der Folge eine
massenhafte Vertreibung, umfassende Diskriminierung und akute Gefährdung
der Serbinnen und Serben, Sinti und Roma sowie anderer Minderheiten im
Kosovo herbeiführte. Ebenso aber bin ich überzeugt, dass die Politik
Milosovics durch nichts gerechtfertigt werden kann.
Die Niederlagen der USA in der UNO werden die Politik der
Bush-Administration nicht beeinflussen. Sie sind aber – ähnlich wie das
Scheitern des Investitionsschutzabkommens MAI und des WTO-Gipfels in
Seattle – Zeichen dafür, dass auch nach dem Zusammenbruch der
Sowjetunion die USA international nicht uneingeschränkt schalten und
walten können. Es formiert sich ein vielschichtiger, sehr heterogener
Widerstand. Die USA werden umso entschiedener ihr Konzept eines
„hegemonialen Unilateralismus“ verfolgen. Internationale Bindungen
werden sie nur dort eingehen, wo sie ihrer Vorherrschaftspolitik nicht im
Wege sind. Ansonsten blockieren die USA zunehmend alle internationalen
Vereinbarungen, die ihren eigenen imperialen Handlungsspielraum einengen können.
Während sie von China im jüngsten Konflikt um das Spionageflugzeug die
Einhaltung der UNO-Seerechtskonvention fordern, lehnen sie das für sich
ab. Das Klimaprotokoll von Kyoto und das Abkommen zum Schutz der
Artenvielfalt werden von ihnen ebenso ignoriert wie der Vertrag zum Verbot
von Antipersonenminen. In die gleiche Richtung weisen der Krieg gegen
Jugoslawien, die Bombenangriffe auf den Irak, die Veränderung der
NATO-Militärstrategie vom April 1999 und das völkerrechtswidrige
Handelsembargo gegen Kuba, das sogar gegen die NATO-Partner durchgesetzt
werden soll. Den sowjetisch-amerikanischen Vertrag über die Begrenzung
der Raketenabwehrsysteme, der das Kernstück des gesamten bisherigen Rüstungskontrollsystems
ist, hat Bush im April zum Relikt der Vergangenheit erklärt, das dem
neuen Hochtechnologierüstungsprogramm NMD (National Missile Defense)
weichen müsse.
Prinzipielle Weichenstellungen werden derzeit in den
internationalen Beziehungen vorgenommen. Es gibt nicht viel Grund, auf
zivilere, kooperativere, demokratischere internationale Beziehungen zu
hoffen. Aber es gäbe Dutzende Gründe für die PDS, den Widerstand zu stärken
– gegen den globalen Freihandelskapitalismus, gegen eine bedrohliche
neue Rüstungsrunde, gegen imperialen und unilateralen Machtanspruch der
USA, gegen die törichte und gefährliche westeuropäische
„Alternative“ eines „europäischen“ Militärblocks, gegen die
Zerstörung der UNO und ihrer Charta. Da diese Themen in der deutschen Öffentlichkeit
leider nur eine geringe Rolle spielen, wären nicht Presseerklärungen und
Vorstandsbeschlüsse, sondern größte politische Anstrengungen
erforderlich. Ich erwarte sie von meiner Partei. Es wird keine andere
Bundestagspartei tun.
|
|