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André Brie, Kolumne für "Disput", April 2008
Altes Denken
Die
Meldungen kamen im Stundentakt: Erst warnte die Weltbank angesichts der
hohen Lebensmittelpreise vor der Verarmung ganzer Landstriche. Selbst in
Ländern, die ihre Bevölkerung ernähren könnten, würden inzwischen viele
Menschen Hunger leiden, weil die Gier der Industrienationen die Preise
hochtreibt. Kurz darauf meldete sich die Welternährungsorganisation zu
Wort, die gerade die Ärmsten der Armen von Hungerkatastrophen bedroht
sieht. In 37 Ländern mache sich die Nahrungsmittelkrise bemerkbar, so die
FAO. In vielen Entwicklungsländern seien die Preise für Brot, Reis, Milch
und andere Grundnahrungsmittel in den vergangenen Monaten drastisch
gestiegen. Als Gründe dafür nannte die UN-Organisation eine ständig
zunehmende Nachfrage, Versorgungsengpässe und neue Exportrestriktionen. Am
Wochenende schließlich zeichnete der Chef des Internationalen
Währungsfonds, Dominique Strauss-Kahn, ein dramatisches Bild angesichts
der weltweit steigenden Lebensmittelpreise: "Wenn die Preise sich weiter
so entwickeln wie zur Zeit, werden die Auswirkungen schrecklich sein",
meinte er in Washington.
Das
sind eben die Folgen der Globalisierung, hört man jetzt einige sagen. Und
es klingt, als hätte diese verhindert werden sollen. Natürlich ist dies
Unsinn. Die Globalisierung ist nicht zu stoppen, sie ist, wie viele von
uns noch gelernt haben, ein objektiver Prozess. Tatsächlich ist sie auch
notwendig: Um die Versorgung nicht nur der reichen Länder des Nordens mit
Energie zu sichern. Um die weltweite Umweltverschmutzung und den mit ihr
einhergehenden Klimawandel zu bremsen. Um die Unterentwicklung in den
großen Teilen der Erde zu überwinden, um Armut, Seuchen und heilbare
Krankheiten sowie den Hunger endlich auszumerzen.
Denn
auch das ist Fakt: Die Globalisierung muss - und kann - gesteuert werden.
Dazu allerdings ist der Wille von Wirtschaft und Politik notwendig. Die
Realität jedoch sieht anders aus. Beispiel Haiti: In dem Land, einem der
ärmsten Länder der Welt, wurde nach tagelangen Unruhen wegen zu hoher
Lebensmittelpreise die Regierung gestürzt. Beispiel Tunesien: Auch in dem
nordafrikanischem Staat protestierten Demonstranten gewaltsam gegen die
hohen Teuerungsraten bei Lebensmitteln. Beispiel Indonesien: Gewaltsame
Auseinandersetzungen sind dort ebenso an der Tagesordnung wie in einem
halben Dutzend afrikanischer Staaten. In mehreren asiatischen Ländern
haben die Regierungen inzwischen den Reis-Export gedrosselt, weil die
einheimische Bevölkerung sich das massiv verteuerte Grundnahrungsmittel
nicht mehr leisten konnte. Bereits vor einem Jahr kam es in Mexiko zur so
genannten Tortilla-Krise: Der Maispreis war, vor allem wegen der
Verarbeitung des Getreides zu Biosprit für die Länder des Nordens,
drastisch gestiegen.
Es
ist eine traurige Wahrheit, dass die entwickelten Staaten noch immer auf
Kosten des anderen Teils der Welt leben. Nicht nur bei Biotreibstoffen,
für die immer mehr wertvolle Nahrungsmittel verbraucht oder Tropenwälder
als Anbaufläche abgeholzt werden. Dazu gehören ebenso Lohndumping und
Kinderarbeit, gerade im Westen unisono angeprangert werden, die aber, aus
ganz simplen Profitgründen, in Kauf genommen oder durch
"Produktionsverlagerungen" und die Nutzung billiger Zuliefererprodukte
sogar gefördert werden. Auch die EU, die sich gern die Überwindung der
Nord-Süd-Kluft auf die Fahnen schreibt schreibt, verhält sich in ihrer
Politik ganz anders: Die "Partnerschaftsabkommen" mit Staaten der dritten
Welt verfolgen vor allem die Absicht, ungehindert auf die Märkte der
Entwicklungsländer vorzudringen und nach wie vor günstige Rohstoffe von
dort zu beziehen. Auch wenn dies mit klangvollen Erklärungen und einigen
Brosamen verbrämt wird. Nicht zuletzt werden auch die Folgen
imperialistischer Großmachtpolitik globalisiert. Die Folgen der Kriege in
Afghanistan und Irak, die Aufrüstung, und das Säbelrasseln insbesondere
Washingtons tragen einen erheblichen Teil zur globalen Energie- und
Finanzkrise bei.
So
einfach es klingt: Die Globalisierung zu steuern heißt, die Interessen der
gesamtem Menschheit im Blick zu haben. Und dies kommt auch bei einigen
Organisationen, die jetzt warnen, zu kurz. Schlimmer noch sind jene
Stimmen aus den Industriestaaten, die zwar durchaus eine schnelle Lösung
für die gegenwärtige Krisen fordern - aber zugleich nur Stabilität und
Prosperität ihrer eigenen Länder im Blick haben. Das alte Denken hält sich
noch hartnäckig. |
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