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André Brie, Kolumne für Disput, April
2006
Papier und Realität
Es klingt immer wieder gut, was in den
Dokumenten der EU zur Gleichberechtigung von Frauen und Männern
festgeschrieben ist. Die Gemeinschaft unterstützt die Chancengleichheit
von Männern und Frauen auf dem Arbeitsmarkt und die Gleichbehandlung am
Arbeitsplatz, heißt es etwa im Abkommen über die Sozialpolitik. Und an
gleicher Stelle: "Jeder Mitgliedstaat stellt die Anwendung des Grundsatzes
des gleichen Entgelts für Männer und Frauen bei gleicher Arbeit sicher."
Auch Artikel 23 der im Dezember 2000 in Nizza proklamierten
EU-Grundrechtecharta ist eindeutig: "Die Gleichheit von Männern und Frauen
ist in allen Bereichen, einschließlich der Beschäftigung, der Arbeit und
des Arbeitsentgelts, sicherzustellen." Auf dem Gipfeltreffen der
europäischen Staats- und Regierungschefs Ende März wurden diese
Zielsetzungen wieder einmal bekräftigt.
Wenn da nur die Realität nicht wäre. Es
ist - ohnehin mit dieser Frage eng verknüpft - wie mit der
westeuropäischen Freiheit, von der Albert Camus sagte: "Bei uns in
Westeuropa, zum Beispiel, steht die Freiheit offiziell hoch im Kurs. Nur
gemahnt sie mich unwillkürlich an jene arme Verwandte, der wir in gewissen
bürgerlichen Familien begegnen. Die Verwandte ist verwitwet, sie hat ihren
naturgegebenen Beschützer verloren. Also hat man sie aufgenommen, ihr ein
Dachstübchen zugewiesen und ihr Zutritt zur Küche gewährt. Zuweilen zeigt
man sie sonntags in Gesellschaft vor, um zu beweisen, dass man der
Tugendhaftigkeit nicht entbehrt und kein Unmensch ist. Aber im übrigen und
insbesondere bei feierlichen Gelegenheiten, ist sie gebeten, die Klappe zu
halten."
Frauen verdienen in der EU immer noch
15 Prozent weniger als männliche Beschäftigte. Ihre Beschäftigungsquote
liegt bei 55,7 Prozent – und damit um 15 Prozent unter jener der Männer.
Auch die Berufswahl von Frauen ist auf einige wenige Sektoren
konzentriert: Mehr als 40 Prozent von ihnen sind im Bildungs- und
Gesundheitswesen oder in der öffentlichen Verwaltung tätig, während
weniger als ein Fünftel der dort Beschäftigten Männer sind. Und über ein
Drittel der weiblichen Arbeitnehmer arbeiten – oft gezwungenermaßen – auf
Teilzeitbasis. Bei den Männern sind es gerade einmal sieben Prozent.
Und Deutschland ist alles andere als
ein positives Beispiel. Der Lohnabstand zwischen den Geschlechtern in der
Bundesrepublik in den vergangenen Jahren weiter gewachsen ist. So
erhielten Männer im Jahr 2004 pro Arbeitsstunde etwa 23 Prozent mehr
Gehalt als ihre Kolleginnen. Noch fünf Jahre zuvor lag der Abstand bei
"nur" 19 Prozent. Unter den 25 EU-Ländern gibt
es nur zwei, in denen die Kluft zwischen Männer- und Frauenlöhnen noch
größer ist als in Deutschland: Estland und Slowenien. Auch bei der
Beschäftigungsquote sieht es dramatisch aus: Trotz leichten Wachstums
liegt der Anteil von Frauen, die hierzulande
eine bezahlte Arbeit haben, bei noch nicht einmal 60 Prozent, das sind gut
zwölf Prozent weniger als bei den Männern. Für die Bundesregierung gilt
das aber sogar als Erfolg. Schließlich, so meint man in Berlin, sehe die
so genannte Lissabonner Wachstumsstrategie der EU ja nur vor,
bis 2010 eine Quote von über 60 Prozent zu erreichen.
Doch auch diese Realität
sieht ganz anders aus. Abgesehen davon, dass Deutschland mit dieser Zahl
nur auf Platz zehn in der EU liegt, erklärt sich der Anstieg nur durch den
Abstieg von immer mehr Frauen in prekäre Beschäftigungsverhältnisse. So
sank die Zahl der vollzeitbeschäftigten Frauen seit 1991 um 1,6 Millionen,
während die Zahl der Frauen in Teilzeitjobs um 1,8 Millionen stieg.
Im eigentlichen Machtzentrum der
deutschen Gesellschaft, in den Vorständen der 30 größten deutschen
Konzerne, gibt es eine einzige Frau.
Es ist unbestreitbar, dass eine
Gleichstellungspolitik, die diesen Namen auch verdient, komplex sein muss.
Dazu gehört die gerechte Verteilung von
Familienarbeit, Arbeit in der Kindererziehung und im Haushalt. Das ist
auch individuelle Verantwortung, gleichzeitig aber eine Forderung nach
Veränderung geschlechterspezifischer, gesellschaftlicher
Machtverhältnisse. Es geht um die gezielte Verbesserung der Aus-
und Weiterbildungschancen für Mädchen und Frauen ebenso wie die
Bereitstellung guter – und bezahlbarer –
Möglichkeiten der Kinderbetreuung, die Organisation familienfreundlicher
Arbeitsbedingungen und nicht zuletzt die gleiche Bezahlung für gleiche
Arbeit.
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