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André
Brie, 13. April 2003, Kolumne für den „Disput“, April 2003
Hat
die PDS 2004 eine Chance?
Es
sind nicht einmal mehr 14 Monate bis zur Europawahl 2004. In den aktuellen
Umfragen liegt die PDS bei etwa 3,5 Prozent. Von den ohnehin nur 4 Prozent
der Wählerinnen und Wähler, die am 22. September des vergangen Jahres
die PDS gewählt hatten, erklärt gegenwärtig gerade einmal die Hälfte
die Absicht, die Partei des demokratischen Sozialismus erneut wählen zu
wollen. Eine andere Tatsache: In den überregionalen Medien ist die PDS
kaum noch präsent; selbst der außerordentliche Parteitag am 5. April hat
nur eine geringe Resonanz gefunden. Schlimmer ist jedoch, dass auch viele
Menschen fragen, ob es uns überhaupt noch gibt, ob wir aus diesem Tief je
wieder herauskommen werden, ob man, ob sie uns noch benötigen. Die
Presseerklärungen, die wir alle in den vergangenen Monaten fleißig
produziert haben, füllen unsere Internetseiten, eine breite Öffentlichkeit
haben sie nicht erreicht, von den Millionen Menschen, die für mehr als 5
Prozent der Stimmen erforderlich sind, ganz zu schweigen.
Eine gemeinsame und für so viele Menschen erfahrbare und überzeugende
politische Strategie ist bislang nicht zu erkennen. Waren wir uns nach der
Bundestagswahl einig, dass es nicht gelungen war, den Wählerinnen und Wählern
die Notwendigkeit, den „Gebrauchswert“, die eigenständige und
unverzichtbare Funktion einer sozialistischen Partei ausreichend zu
vermitteln, müssen wir derzeit wohl feststellen, dass solches zwar in
zahllosen Papieren versucht und behauptet wird – nur: Wer von den
Adressatinnen und Adressaten hat davon auch nur erfahren? Und wenn: Wer
glaubt denn noch, dass so viele und so unterschiedliche Menschen Wert auf
Papiere, Analysen, Beschlüsse legen? Die Notwendigkeit, die Funktion, die
Faszination der PDS muss man praktisch und möglichst sinnlich erleben können.
Auch optimistischere Einschätzungen als meine werden nicht behaupten können,
das sei nach der Wahlniederlage gelungen. Ich möchte meine kritischen
Bemerkungen aber noch zuspitzen: Meiner Meinung nach ist das nicht einmal
ernsthaft versucht worden.
Pessimismus? Meiner Meinung nach sind das unleugbare Tatsachen.
Weitere, nicht positivere, könnten ergänzt werden. Dennoch möchte ich
das Gegenteil erreichen: Mut, Energie, Zuversicht, Aktivität. Aber das
kann kein Pfeifen um dunklen Wald sein.
Erstens ist schonungsloser Realismus für mich die Voraussetzung,
um positive Veränderungen überhaupt möglich zu machen. Zweckoptimismus
und Wunschdenken sind für die Entwicklung von Strategie und Politik tödlich,
zumal viele der eigenen Genossinnen und Genossen und Wählerinnen und Wähler
von Schönfärberei nicht motiviert, sondern abgestoßen werden. Das
eigentlich hätte man (zum wiederholten Male) auch aus dem Wahlkampf 2002
lernen können.
Zweitens halte ich Zuversicht für möglich und eben auch für
realistisch. Das setzt aber weitreichende Veränderungen in unserer Arbeit
voraus. Optimismus ohne diese Veränderungen ist für mich eine Lüge oder
der Versuch, diese Veränderungen für unnötig zu erklären oder zu
blockieren. Wenn es seitens des Parteivorstandes nicht endlich und sehr
rasch zur Entwicklung und vor allem Realisierung einer gemeinsamen und
wirkungsvollen politischen Strategie kommt, wird es schwer. Die PDS
braucht zudem eine professionelle und strategisch konzentrierte Öffentlichkeitsarbeit
(lange vor dem eigentlichen Wahlkampf). Es bringt uns nichts über die
Medien zu jammern. Stattdessen ist es erforderlich, den Medien attraktive
Informationen und Bilder über die PDS anzubieten und mit überzeugenden
Inhalten, Kreativität, sympathischer (populärer) Regelverletzung etc.
wenigstens zu versuchen, in die Medien zu kommen (als Gregor Gysi auf dem
Palast der Republik protestierte, war es der positive Aufmacher auch auf
S. 1 der Bild-Zeitung). Die PDS benötigt eine aktive Kommunikation nach
Innen und Außen, die sich nicht an Presseerklärungen, sondern an der
Wirkung misst, die von Nachdenklichkeit und größter Ernsthaftigkeit dafür
gekennzeichnet ist, dass sich die Mitglieder und die möglichen Wählerinnen
und Wähler der PDS nicht als Objekte der (PDS-) Politik oder unserer
Papiere empfinden, sondern selbstbewusste Menschen sind, die eigene
Meinungen haben, sich oft (und oft zu Recht) für die Flut unserer
Verlautbarungen und Konferenzen nicht oder wenig interessieren, nicht
selten andere Auffassungen haben als wir. Unsere Parteitags- und
Vorstandsbeschlüsse sind ihnen gleichgültig. Sie wollen und müssen
(nicht opportunistisch!) mit ihren Erfahrungen, Interessen, Hoffnungen,
Freuden und Sorgen ernstgenommen werden und eben das millionenfach spüren
können. Im übrigen gehört zu den Voraussetzungen meines Optimismus noch
eine eigentlich banale, aber angesichts der derzeitigen Art und Weise, wie
wir arbeiten, sehr große Veränderung: ein Mindestmaß an Organisation,
Organisation, Organisation.
Drittens: Meiner Meinung nach schreien Politik und Gesellschaft in
Deutschland geradezu nach einer linkssozialistischen Partei. Sozial und
kulturell ist gegenwärtig ein Platz mit ca. 10 Prozent der Wählerinnen
und Wähler für eine solche Partei frei. Politisch macht der Kurs der
„rot-grünen“ Bundesregierung eine solche Partei immer dringlicher.
Das sind abstrakte Möglichkeiten und Erfordernisse; sie konkret und real
wenigstens teilweise zu erschließen, ist die lösbare Aufgabe der PDS.
Die Europawahl und der Wahlerfolg 2004 werden für die PDS von
nicht zu überschätzender Bedeutung sein. Es geht um fast alles. Mir ist
nicht bange, dass sich viele Mitglieder für diesen Erfolg, für die „Rückkehr
der PDS“ leidenschaftlich engagieren werden. Denn bei diesen Wahlen geht
es wirklich nur um „fast alles“, aber sie sind die Voraussetzung für
alles, was die PDS bedeuten kann und muss, was sie unverzichtbar macht,
was unsere eigentliche Verantwortung ist, eine Verantwortung, vor der wir
kein Recht auf Scheitern haben: Dieses Land hat Parteien der Wirtschaft
(von deren Wohlergehen gegebenenfalls aller anderer Fortschritt abhänge).
Es braucht eine wirkungsvolle Partei, deren Maßstab die Menschen sind.
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