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André Brie, Disput-Kolumne April 2002
Atomare Planspiele
„Wir sollten uns die Option offen halten, Atomwaffen
einzusetzen." Die Drohung des britischen Verteidigungsministers Geoff
Hoon, „im Falle eines Angriffs “einen Nuklearschlag gegen Irak zu führen,
ging am 24. März über den Londoner Fernsehsender ITV. Die Reaktionen auf
diesen Vorstoß hierzulande waren bemerkenswert: Der bürgerlichen Presse
waren die atomaren Ambitionen des Ministers nur kurze Meldungen wert, die
„offizielle Politik“ hielt sich mit Meinungsäußerungen dezent zurück.
Auch die dringende parlamentarische Anfrage an den EU-Ministerrat, mit der
ich Anfang April eine Stellungnahme zu den Atomdrohungen gefordert habe,
fand gerade einmal im „Neuen Deutschland“ Erwähnung. Die Ignoranz von
Medien und Politik ist nicht verwunderlich. Schließlich sieht selbst die
Bundesregierung, die sich mit ihrer „solidarischen Haltung“ gegenüber
den USA die Hände gebunden hat, die Vorgänge um Irak mit einigem
Unbehagen.
Tatsächlich scheint es nicht leicht, sich im Falle Iraks zu
positionieren. Dies betrifft auch die PDS, die sich mit Stellungnahmen zu
dem Konflikt schwer tut. Um es deutlich zu sagen: Ich persönlich hege
keinerlei Sympathie für Saddam Hussein und dessen Regime. Dafür gibt es
meiner Meinung nach wichtige Gründe. Die Verfolgung der Kurden gehört
ebenso dazu wie die Unterdrückung einer tatsächlichen Opposition.
Bekanntlich wurden zahlreiche Kritiker Saddams ins Exil getrieben. Auch
von der Gewährleistung demokratischer Rechte, von Meinungs- und
Pressefreiheit kann in Irak wohl keine Rede sein. In Erinnerung sind
sicher ebenfalls noch der Einmarsch in Iran 1980 und der übrigens von Ost
und West tolerierte Einsatz von Chemiewaffen gegen das Nachbarland, die
Besetzung Kuwaits im Jahre 1990 und die faktische Liquidierung der
Kommunistischen Partei.
Eine Ablösung des Herrschers in Bagdad von der Macht kann
aber nur im Land selbst geschehen. Natürlich ist es notwendig, die
Politik Saddam Husseins anzuprangern – auch im Ausland. Ausgeschlossen
werden muss jedoch eine Einmischung in die inneren Angelegenheiten des
Landes – und selbstverständlich der Einsatz militärischer Mittel –,
die allein die Durchsetzung politischer und wirtschaftlicher Interessen
anderer Staaten im Irak zum Ziel hat. Dies verbietet schon die UN-Charta,
die in ihrem Artikel 2 alle Mitgliedsstaaten verpflichtet, jegliche
Anwendung oder Androhung von Gewalt zu unterlassen, die sich gegen die
territoriale Unversehrtheit oder die politische Unabhängigkeit eines
Staates richtet. Nicht anderes haben allerdings die USA, und Großbritannien
als der wichtigste Partner Washingtons in der Irak-Frage, im Sinne.
Worum geht es Washington? So simpel es klingt: um Öl. Schon
die Nationalisierung der Erdölförderung und die Verstaatlichung ausländischer
Konzerne im Irak Ende der 60er Jahre waren den USA ein Dorn im Auge. Zwar
beziehen die Vereinigten Staaten das „schwarze Gold“ zum größten
Teil aus anderen arabischen Staaten; der rohstoffreiche Orient wird jedoch
von Washington generell als strategische Interessensphäre betrachtet.
Dass sich Saddam Hussein auch in den Folgejahren des Einflusses der USA
entzog, vergrößerte dort noch die Abneigung gegen Bagdad.
Folgerichtig rückte das Land zwischen Euphrat und Tigris ins
Visier des Weißen Hauses. Die diktatorische Politik Saddams, und dazu gehörte
auch die Produktion von Massenvernichtungsmitteln und deren Einsatz gegen
die Kurden sowie der Überfall auf Kuwait, war willkommener Anlass, um
militärisch im Irak zu intervenieren. Bereits im August 1990 hatte der
UNO-Sicherheitsrat Wirtschaftssanktionen gegen Bagdad verhängt, die,
durch das Programm „Öl gegen Lebensmittel“ etwas abgeschwächt, bis
heute fort bestehen. Der politische Effekt des Embargos ist allerdings
zweifelhaft. Die wirtschaftlichen und sozialen Konsequenzen sind dagegen
verheerend: Während Saddam nach wie vor fest im Sattel sitzt, leidet die
Bevölkerung unter den Sanktionen. Durch deren Auswirkungen kamen nach
UN-Schätzungen über 1,5 Millionen Menschen, darunter mehr als 500.000
Kinder unter fünf Jahren, ums Leben.
Auch die Diskussion um die mögliche Herstellung von
Chemiewaffen in Irak und die internationale Überprüfung dieser Vorwürfe
wird durch die USA instrumentalisiert. Schon 1998 hatte der
UN-Sonderbeauftragte Richard Butler bestätigt, dass Irak seine
C-Waffen-Bestände und die entsprechenden Produktionsanlagen zerstört
hat. Selbstverständlich bin ich dafür, auch künftig zu kontrollieren,
ob sich Bagdad weiter an das Produktionsverbot hält. Eine Rückkehr von Rüstungsinspektoren,
denen Irak in der Vergangenheit nicht unberechtigt große Nähe zu
Washington vorwarf, kann jedoch nicht erreicht werden, wenn man dem Land
fast wörtlich die Pistole auf die Brust setzt und es in eine „Achse des
Bösen“ einordnet.
Mit dem TV-Interview Hoons wurde nun abermals eine neue, noch
höhere Stufe der Eskalation im Konflikt mit Bagdad eingeleitet. Eine
militärische Auseinandersetzung wird praktisch herbei geredet. Und dies,
obwohl sich gerade in jüngster Zeit eine Entspannung in der Irak-Krise
andeutete. So wurden unmittelbar vor der Hoon-Erklärung neue Gespräche
zwischen Irak und der UNO über die Rückkehr von Rüstungsinspektoren
angekündigt.
Am meisten aber beunruhigt mich die Tatsache, dass die
Drohung mit Atomwaffen oder gar deren Einsatz offenbar wieder politisch
legitim wird. Die Folgen einer solchen Politik sind unabsehbar. Wird
Bagdad jetzt wieder mit chemischen Waffen, den “Atombomben des kleinen
Mannes”, aufrüsten? Könnten nicht auch Pakistan und Indien, die ihre
taktischen Nuklearwaffen aufeinander gerichtet haben, auf das Beispiel der
“offiziellen” Atommächte verweisen? Werden nicht noch weitere Staaten
ermuntert, solche Waffen herzustellen oder zu erwerben? Und wie wird man
in Moskau auf die nukearen Planspiele reagieren?
Nicht zuletzt erwies Londons Verteidigungsminister auch der
Gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik der Europäischen Union, die ja
gerade mehr Unabhängigkeit von den USA ermöglichen sollte, einen Bärendienst.
Schon die Erklärung der „uneingeschränkten Solidarität“ mit dem
„Anti-Terror-Feldzug“ Washingtons führte eine eigenständige
EU-Politik in der internationalen Arena ad absurdum. Mit den atomaren Gebärden
Großbritannien dürften die Chancen der Gemeinschaft, in
Krisensituationen politisch zu agieren, weiter sinken.
Wenn die PDS in der Außen- und Sicherheitspolitik wirklich
Verantwortung wahrnehmen will, muss sie in der Irak-Frage Farbe bekennen.
Sie muss über die Gefahren einer Eskalation aufklären, den Widerstand
gegen einen offensichtlich geplanten Krieg gegen Irak organisieren und
vernetzen. Und sie muss den Druck auf die Bundesregierung mit dem Ziel erhöhen,
eine verantwortungsvolle, eigene Politik im Irak-Konflikt zu betreiben und
sich nicht zum Durchsetzungsgehilfen der US-amerikanischen Großmachtpolitik
machen zu lassen.
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