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Kolumne
für den Disput, April 2001
Die
Signale, die mich zur Programmdebatte der PDS erreichen, sind
widerspruchsvoll. Eine Neubrandenburger Genossin schrieb mir: „Ich
meine, Konträres ist in den Grundlinien weitestgehend ausgeräumt.“
Einige Reaktionen aus der Programmkommission der PDS und Zuschriften zu
den Grundlinien zeigen ein völlig anderes Bild.
Nun,
glaube ich gar nicht, ob es wünschenswert ist,
Kontroversen zu scheuen. Es ist meine Erfahrung, dass inhaltlicher
Streit produktiv und erkenntnisfördernd ist. Auch für die Wählerinnen
und Wähler sind inhaltliche Auseinandersetzungen in der PDS nicht abstoßend.
Die meisten wissen sehr wohl, dass es keine einfachen Antworten auf die
großen gesellschaftlichen Umwälzungen der Gegenwart gibt und halten
„Konträres“ für eine Normalität. Angewidert sind sie jedoch von
Querelen, Intrigen, persönlichem statt inhaltlichem Streit. In diesem
Zusammenhang frage ich mich auch, warum wir in der PDS so viel Misstrauen
und Angst vor Entscheidungen gerade in der Programmdebatte haben.
Warum reicht es nicht aus zu sagen: Du hast Unrecht. Die liegst falsch.
Das sehe ich anders. Stattdessen wird beispielsweise behauptet, irgend
jemand wollte aus der PDS eine sozialdemokratische Partei machen, ihren
sozialistischen Charakter beseitigen, um einen Ministersessel in der
Bundesregierung zu bekommen. Manchmal muss die Öffentlichkeit den
Eindruck gewinnen, die PDS sei eine Versammlung von Menschen, die sich
gegenseitig nur das Schlechteste unterstellen. Und welch eine Anmaßung,
die – natürlich niedrigen – Motive der anderen zu kennen, ihnen in
den Kopf und ins Herz sehen zu können. Ich plädiere dafür, uns hart
gegenseitig die Meinung zu sagen, Differenzen klar zu benennen, aber
konsequent darauf zu verzichten, miese Absichten bei der Kontrahentin, dem
Kontrahenten vorauszusetzen.
Ich
bin seit einigen Jahren dafür eingetreten, dass die PDS sich ein neues
Programm gibt. 1993 haben wir trotz massiver Befürchtungen
unterschiedliche Programmentwürfe in einem demokratischen und
transparenten Prozess diskutiert und schließlich das Programm mit
riesiger Mehrheit angenommen. Nicht nur das „Neue Deutschland“ argwöhnte
damals eine „Zerreißprobe“ der PDS und nannte den Anspruch, ein neues
Programm verabschieden zu wollen sogar „Blasphemie“ (Gotteslästerung!).
Das Gegenteil war der Fall. Wir sind deutlich gestärkt aus der damaligen
Programmdebatte hervor- und in den Wahlkampf 1994 gegangen.
Im
Programm von 1993 wurden jedoch wesentliche Probleme nicht gelöst. Die
PDS dürfte wohl die einzige Partei sein, die in ihrem Programm ihre
Meinungsunterschiede beschreibt und die eigenen Mitglieder wie die Öffentlichkeit
im Unklaren darüber lässt, was die Mehrheitsposition ist. 1993 war das
nicht anders möglich. Der Zusammenbruch des osteuropäischen
Staatssozialismus lag erst wenige Jahre zurück, unsere Unsicherheiten,
Zweifel waren über die Maßen groß. Ein wenig davon stünde uns auch
heute gut zu Gesicht. Aber zum einen haben wir alle miteinander auch eine
großen Lernprozess absolviert, und klarere Antworten einer
sozialistischen Partei sind auch in programmatischen Fragen erforderlich
und möglich. Zum anderen haben Millionen Menschen die PDS in eine neue
Verantwortung gewählt, die verlangt, ihnen ebenso wie den politischen
Partnern und Gegnern eindeutig zu sagen, woran sie mit der PDS sind, wofür
deren Mehrheit steht, wofür nicht. Ich jedenfalls meine, dass wir kein
Recht haben, sie darüber im Ungewissen zu lassen. Minderheiten behalten
in der PDS bekanntlich alle Möglichkeiten, ihre Meinung weiterhin zu
vertreten und für die Veränderung der Mehrheitsverhältnisse zu kämpfen.
Darüber
hinaus sehe ich im geltenden Programm zwei weitere Defizite: Erstens sind
eine ganze Reihe brennend aktueller gesellschaftlicher und politischer
Frage unzureichend oder gar nicht oder nicht konsequent behandelt worden.
Das betrifft beispielsweise solche strategischen Probleme wie die
kulturellen Umwälzungen (einschließlich der neuen Rolle von
Informationstechnologien und Medien), die Diskussion um eine nachhaltige
Produktions- und Lebensweise oder die Rolle der Europäischen Union für
fast alle Politikbereiche. In zahlreichen Fällen ist auch die
Politikentwicklung über das Programm hinweggegangen, zum Teil in
ausgesprochen tragischer Weise. So ist unsere Forderung, von deutschem
Boden dürfe nie wieder Krieg ausgehen, von der rot-grünen
Bundesregierung zu Makulatur gemacht worden, und wir stehen vor der
Aufgabe, aus einer wesentlich verschlechterten Situation heraus, für die
Entmilitarisierung der Politik zu streiten.
Zweitens
waren wir 1993 nicht in der Lage, das sozialistische Profil der PDS
genauer zu bestimmen. Letztlich begnügten wir uns mit den drei berühmten
Sätzen zum Sozialismus als notwendigem Ziel, als Bewegung und als
Wertesystem. Es gibt wohl niemanden, der diese Sätze in Frage stellen würde,
aber es gibt viele, die sie endlich konkretisiert und weitergeführt sehen
möchten. Die Fragen von jungen Menschen und vieler anderer, was die
sozialistische Partei PDS heute unter Sozialismus und sozialistischer
Politik versteht, können mit dem gültigen Programm nicht beantwortet
werden. Anders als es viele Verdächtigungen und Ängste glauben machen
wollen, geht es praktisch allen, die sich aktiv an der programmatischen
Diskussion und Arbeit der PDS beteiligen, nicht um eine Zurücknahme,
sondern um eine selbstbewusste, nachdenkliche und zukunftsorientierte
Ausprägung unseres Sozialismusverständnisses. Wenn wir – Marx und
Engels zitierend – unser sozialistisches Ziel als eine Gesellschaft
definieren, in der die freie Entwicklung der einzelnen Bedingung für die
freie Entwicklung aller ist, so sind wir eben herausgefordert, Freiheit
und Sozialismus zusammenzudenken und die von uns lediglich mit einem
einzelnen Wort bezeichneten Werte zu konkretisieren – die individuelle
Freiheit in ihrem Verhältnis zur gesellschaftlichen Solidarität (in der
Rentenfrage ebenso wie hinsichtlich der Bildungspolitik), die
Naturerhaltung in ihrem Verhältnis zur sozialen Gerechtigkeit (und
umgekehrt) usw. usf. Und natürlich hat das alles sehr konkret mit den
gesellschaftlichen Eigentums- und Machtverhältnissen zu tun, und die
sozialistische Linke wird auch dazu Genaueres als 1993 sagen müssen.
Die
PDS benötigt mehr Sozialismus. Die Politik der „neuen Mitte“ benötigt
eine moderne sozialistische Antwort. Die Bundesrepublik benötigt mehr
sozialistische Politik und eine Partei, die Sozialismus sowohl als
Gegenwarts- und wie als Zukunftsfrage, sowohl als programmatisches Ziel
und wie als Alltagspolitik, sowohl als Differenz zu den anderen Parteien
und zu anderen gesellschaftlichen Organisationen und wie als Grundlage
ihrer Zusammenarbeit mit anderen politischen Kräften definieren und
praktizieren kann.
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