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André Brie, 11. März 2008, Kolumne für Disput, März 2008
Europa von unten
Vor wenigen Tagen
gab es in Brüssel eine Premiere: Erstmals wurden die so genannten
RegioStar-Preise verliehen. Ausgezeichnet wurden Projekte, die zur
nachhaltigen Entwicklung "ganz unten" in der EU, in Städten, Dörfern oder
Kreisen beitragen. Unter den prämierten Vorhaben fanden sich ein Programm
für erneuerbare Energien im Elsass ebenso wie ein Gründerzentrum für
optoelektronische Unternehmen in Wales und eine umweltfreundliche
Meerwasserentsalzungsanlage in Griechenland. An der Elbe aber, so hat man
den Eindruck, hört die regionale Innovation, zumindest auf dem flachen
Land, auf.
Tatsächlich hat
sich am regionalen Entwicklungsgefälle in Europa seit der Ausdehnung der
EU nach Osten nur wenig geändert. Nach wie vor steht das Gebiet "Inner
London" an der Spitze der Regionen nach Einkommen und Wirtschaftskraft -
das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf beträgt dort 76.000 Euro. In meinem
Heimatland Mecklenburg-Vorpommern sind es gerade einmal 18.500. Das
Schlusslicht bilden die wirtschaftlich schwachen Regionen in
Ostdeutschland trotzdem nicht mehr. "Verdrängt" wurden sie von den
Landstrichen mit großem Entwicklungsrückstand in den osteuropäischen
EU-Mitgliedsländern. An letzter Stelle steht mit einem BIP von 2.500 Euro
je Kopf die Nord-Ost-Provinz in Rumänien.
Abbauen will die
EU dieses Gefälle auch mit Hilfe der Struktur- und Regionalpolitik.
Insgesamt 85 Prozent der Befragten sprachen sich im gerade
veröffentlichten Eurobarometer europaweit dafür aus, die ärmsten Regionen
bevorzugt zu unterstützen, damit diese ihren Rückstand aufholen können.
Unbestritten hat diese Politik nicht unwesentlich zur Entwicklung
beigetragen. Für die Strukturfonds stehen ab von 2007 bis 2013 EU-weit
307,6 Milliarden Euro zur Verfügung.
Aber leider wird
die Unterstützung eben nicht allen im gleichem Maße zuteil. So entstanden
in Mecklenburg-Vorpommern zwar eine moderne maritime Industrie, der
Tourismus an Ostsee und Müritz boomt, die Ernst-Moritz-Arndt-Universität
und die Unversität Rostock schaffen es immer wieder in die "Bestenlisten"
der Hochschulen Deutschlands. In großen Teilen des Landes aber scheint die
Zeit stehen geblieben zu sein. In Regionen wie dem Uecker-Randow-Kreis,
der brandenburgische Uckermark oder weiten Teile der Lausitz spitzen sich
die wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Probleme weiter zu und
drohen kaum noch umkehrbar zu sein.
Dies hat
vielfältige Gründe. Die Fehler der "Einigungspolitik nach 1990 gehören
dazu, der industrielle Wandel wie der Zustand der Infrastrukturen, die
geografische Lage und die demografische Situation, das Angebot an Kultur
und Bildung, die Fixierung von Wirtschaft, Wissenschaft und Politik auf
"Leuchttürme" und die dadurch wachsende Attraktivität der Großstädte und
einiger Standorte für junge Menschen und Spezialisten. Und vor allem die
für die Größe der Aufgaben viel zu kurze Finanzdecke.
Eine Lösung für
diese Probleme ist ohne grundlegenden Politikwechsel in Deutschland und in
der EU nicht möglich. Diese Regionen, die Städte und auch die kleinsten
Dörfer gehören ebenso zur EU wie die "Leuchttürme". Die immer wieder
erklärte Gemeinschaft und Solidarität in Europa wird nicht viel wert sein,
wenn einige Gebiete von der Entwicklung "abgehängt" werden. Aber gerade
dieser "Standortwettbewerb" ist zur Politik in der EU geworden. Und mit
dem Lissabonner Vertrag wird dieser Kurs dauerhaft festgelegt. Wenn sich
Politiker in Brüssel und Berlin über die Verlegung der Nokia-Fertigung aus
Deutschland nach Rumänien echauffieren, klingt das heuchlerisch. Denn die
Niedriglohngebiete sind durchaus gewollt. Auf einem ganz anderen Blatt
steht, dass die vermeintlichen Vorteile durch niedrige Gehälter, Abgaben
und Sozialleistungen in Osteuropa kaum von Dauer sein werden.
Deshalb kann es
auch nur darum gehen, überall in Europa eine mittelfristige Angleichung
der Lohn- und Sozialstandards - und zwar nach oben - zu erreichen. Das
muss mit der Entwicklung der Wirtschaftskraft der Regionen und regionalen
Wirtschaftskreisläufen einhergehen. Dass es eine hundertprozentige
Gleichheit geben wird, erwartet niemand. Wohl aber ist es möglich, die
jeweils spezifischen Gegebenheiten und Potenziale, sei es in Industrie,
Wissenschaft, Tourismus oder Kultur, zu erschließen, zu fördern und
auszubauen. In der genannten Eurobarometer-Umfrage waren fast zwei Drittel
der Meinung, dass die Regionalpolitik weiterhin alle Regionen Europas
unterstützen sollte. "Die Erfolge Europas werden auf der regionalen und
lokalen Ebene verwirklicht", hatte der Juryvorsitzender und frühere
Präsident der spanischen Provinz Katalonien, Maragall i Mira, bei der
Verleihung der RegioStars-Preise betont. Vielleicht war das ja nicht nur
als Würdigung, sondern auch als Denkanstoß in Richtung Brüssel gedacht. |
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