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André
Brie, 12. März 2007, Kolumne für "Disput" März
Die neue Linke und Oskar Lafontaine
Ich habe mehrere Monate
überlegt, ob ich diese Gedanken veröffentlichen soll. Die
Bildung der neuen Linkspartei ist nahe herangerückt. Das
ist für die Linke in Deutschland eine einzigartige Chance.
Für die Mitglieder der PDS, die nach 1989 eine
demokratisch-sozialistische Partei gegen den schärfsten
äußeren Druck, gegen eigenen Pessimismus und mit einer
seltenen Lernfähigkeit und Wandlungsbereitschaft
entwickelt und zumindest in Ostdeutschland aus der
gesellschaftlichen Ächtung und Isolierung befreit haben,
ist das eine tiefe Zäsur. Vor allem aber wird es eine
völlig neue Möglichkeit werden müssen, soziale,
demokratische und friedliche Politik mit und für Millionen
Menschen in der Bundesrepublik Deutschland zu machen, die
eine solche Politik und ihre Alternativen brauchen und
wollen. Das ist der Maßstab, dem ich alles andere
unterordne. Das ist die Verantwortung, der wir gerecht
werden müssen.
Die Neubildung der
Linkspartei ist dafür unerlässlich, auch wenn viele von
uns, auch ich selbst, dabei viel Vertrautes aufgeben
werden. Mit dem organisatorischen Prozess und dem
Gründungsparteitag wird eine entscheidende Voraussetzung
geschaffen werden. Das darf nicht gefährdet werden. Aber
es gibt eine Reihe anderer, ebenfalls entscheidender
Voraussetzungen, die damit noch längst nicht garantiert
sind, und um die gegenwärtig zu wenig gerungen wird:
programmatische Klarheit ist keine sekundäre Frage; ebenso
nicht die politische Strategie in einem Land, in dem alle
anderen Parteien (mit wichtigen Nuancen) neoliberale
Politik betreiben, aber eine Bevölkerungs- und
Wählerinnen- und Wählermehrheit offensichtlich soziale
Alternativen unterstützt; die politische Kultur der neuen
Partei schon gar nicht. Um hier nur bei der letzten
Problematik zu bleiben: Die PDS hat sich aus der SED auf
manchmal fast anarchische Weise gebildet. Sie hat in
schwierigen Auseinandersetzungen nicht nur ein
demokratisch-sozialistisches Profil ihrer Politik
entwickelt, sondern auch eine zutiefst demokratische
Diskussions- und Entscheidungskultur. In der PDS war es
undenkbar, dass Parteitage - wie in der CDU oder der SPD -
Programme und Wahlprogramme in Minuten und faktisch ohne
Gegenstimmen durchwinken. Das soll, das muss auch in der
neuen Partei so sein. Kritikerinnen und Kritiker, andere
demokratische linke Standpunkte sind eine
selbstverständliche und vor allem auch für die Mehrheiten
wünschenswerte Notwendigkeit. Andersdenkende haben eben
andere Überzeugungen, andere Erfahrungen, andere Maßstäbe,
und nicht niedrige Motive, wie sie beispielsweise den
Befürwortern der Berliner Regierungskoalition vorgeworfen
werden. Über die politischen Anschauungen kann, soll, muss
gern gestritten werden. Aber auf der Grundlage von
Achtung, der Nachdenklichkeit, des Zuhörens und nicht des
Vorurteils oder gar der persönlichen Denunziation.
Es scheint
festzustehen, dass Oskar Lafontaine und Lothar Bisky die
beiden Vorsitzenden der neuen Linkspartei werden sollen.
Bisky ist ein Mann des Ausgleichs und hat die PDS in den
neunziger Jahren mit Geschick, intellektueller
Ausstrahlung und Erfolg, sie nach der Wahlniederlage 2002
und scharfen innerparteilichen Auseinandersetzungen aus
einer selbstzerstörerischen Krise geführt. Oskar
Lafontaine ist umstrittener. Auch ich gehöre zu jenen, die
zu einigen seiner politischen Positionen und zu einigen
Fällen, mit Andersdenkenden umzugehen, Distanz haben. Dass
meine Frau zu jenen gehört, die, aus der Partei
auszuschließen, er mehrfach gefordert hat, gehört zu
meinen Problemen. Ich bin dennoch überzeugt, dass er
Vorsitzender der neuen Partei werden sollte. Erstens, weil
ich sein politisches Leben schätze. Zweitens, weil er wie
kein anderer in der PDS und der WASG linke, hochkompetente
Positionen zur Kritik und zu den Alternativen der
Weltfinanzpolitik oder der aktuellen Wirtschafts- und
Sozialpolitik vertritt. Drittens, weil ich glaube, hoffe,
dass er mit sich streiten lassen wird über seine Haltung
zur deutschen Asylgesetzgebung oder auch über die
Notwendigkeit, den manchmal turbulenten Demokratismus der
PDS nicht nur als Problem rascher Entscheidungen, sondern
vor allem als Chance für die Nachhaltigkeit einer modernen
Linken und wichtigen Beitrag zu einer nachdenklicheren
politischen Kultur in der ganzen Gesellschaft zu sehen.
Viertens, und das wird später auch ein großes Problem der
neuen Linken werden, wenn sie damit genauso umgeht wie die
frühere PDS: Ohne Gregor Gysi, Lothar Bisky und Oskar
Lafontaine wird die neue Linke nicht die acht Prozent von
2005 erreichen und nicht die möglichen zehn oder mehr
2009. Macht euch keine Illusionen! Wir können noch so
überzeugt sein von unseren Papieren, Beschlüssen,
Forderungen oder von der Qualität vieler unserer anderen
Politikerinnen und Politiker - Menschen brauchen bei einer
Wahl weit mehr. Ohne Oskar Lafontaine wird die neue Partei
in Westdeutschland nicht von mehr als zwei Prozent der
Menschen gewählt werden. Kardinal Retz, einer der Führer
der vorrevolutionären französischen Fronde, spitzte es in
seinen Memoiren zu: "Ich brauchte nur einen Namen, um das
mit Leben zu begaben, was ohne Namen nur ein Hirngespinst
blieb." Lafontaine bringt mehr mit als den Namen,
Kompetenz, ein Herz, das links schlägt, und Konsequenz.
Und wir bringen alle gemeinsam ja auch viel mit.
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