ANDRÉ BRIE    
PDS | DISPUT-KOLUMNE
 

André Brie, 9. März 2006, Kolumne für "Disput" März 2006

Halabja und die brennende Scham

 

Von Erbil, der Hauptstadt der irakisch-kurdischen Region, geht es fast drei Stunden durch die schroffen und kargen Berge nach Sulaimaiya, dann weitere zwei Stunden nach Osten durch ein weites, fruchtbares Tal nahe der iranischen Grenze nach Halabja.

  Die Geschichte dieser kurdischen Kleinstadt kenne ich seit langem. Ich glaube zu wissen, was mich erwartet. Unterwegs beginnt aber auch erneut jene Diskussion, die ich im Dezember in Basra und seit meiner Ankunft in Kurdistan immer wieder führen muss. Meine Begleiterin hatte mein Gespräch mit einem kurdischen Politiker am Vorabend mit angehört, jedoch offensichtlich nicht gewagt, sich in die Debatte mit dem Politbüromitglied der KDP einzumischen. Jetzt wollte sie es selbst wissen: "Warum warst du gegen die Intervention der USA im Irak?" Ich weiß längst, wie schwierig es ist, Kurdinnen und Kurden und Schiiten, die entsetzlich unter Saddam Hussein gelitten haben, meine Motive und Überzeugungen verständlich zu machen. "Krieg ist keine Lösung, auch nicht gegen blutige Diktaturen. Ihr erlebt es jetzt im Irak jeden Tag." Das ist eine meiner Antworten. "Aber auf euren Demonstrationen in London und Berlin", widerspricht sie, "gab es Bilder von Saddam. Hätte ihr doch wenigstens unter der Losung 'Kein Krieg, keine Diktatur!' protestiert." Ich erinnere mich auch an die Poster, an ähnliche mit Milosovic-Bildern auf den Kundgebungen 1999, meinen Ärger darüber. Jedoch für die große Mehrheit in den Antikriegsdemonstrationen 1999, 2001 und 2003 war das "Kein Krieg, keine Diktatur!" die gemeinsame Plattform.

  Ich überzeuge sie nicht. Ich habe schon längst erleben und begreifen müssen, dass gerade im Süden, noch mehr im Norden des Irak ganz andere Maßstäbe und Erfahrungen bestehen. Ich teile sie nicht, aber ich verstehe sie, und Halabja ist wohl die traumatischste Erfahrung der Kurdinnen und Kurden.

  Am Stadtrand grüßt ein Schild: "Welcome to Halabja". Ich kann mir eine solche Begrüßung an ähnlichen Orten in der Welt nicht recht vorstellen. Am Eingang zum Mahnmal und Museum taucht ein ganz anderes Schild auf: "It is not allowed for Baaths to enter." (Mitgliedern der Baath-Partei ist der Zutritt verboten.)

  Am 16. März 1988, achtzehn Jahre her, um 11.35 begann die irakische Luftwaffe einen Napalm-Angriff auf die Stadt, die am Tag zuvor zum wiederholten Male in ihrer Geschichte von kurdischen Peshmergas erobert worden war. Diesmal wollte das Regime vollendete Tatsachen schaffen. Die Menschen flüchteten in Keller und Bunker, die sie zum Schutz nach den Angriffen 1963, 1974 und 1987 gebaut hatten. Dann wurden die Giftgasbomben abgeworfen. Das Gas, schwerer als Luft, verbreitete sich durch die Gassen der Stadt, kroch in die Keller.

  In der Halle der Gedenkstätte sind die Namen von fünftausend Frauen, Männern, Kindern eingraviert, die vergiftet wurden. Ich hatte einige der Bilder schon gesehen. Jetzt aber habe ich sie geballt vor mir: Babys mit weit aufgerissenem Mund liegen erstickt auf der sonnigen Straße, im dunklen Keller. Ein Vater hat vergeblich seine Tochter schützend an sich gedrückt. In einem Garten liegen die Leichen von Dutzenden Menschen wirr neben und über einander. Vor einigen Stunden glaubte ich zu wissen, was mich erwarten würde. Nun erlebe ich erneut, dass die Empfindungen und Gedanken an einem solchen Ort sich nicht so vorhersehen lassen. Ich kann tun, was ich will, mich wehren dagegen, ich muss an meine einjährige Tochter denken und sehe ihr Gesichtchen in den Bildern der toten Babys. Überlebende des Giftgasangriffes warten auf das Gespräch. Ich muss etwas sagen, aber mein Mund ist verschlossen. So erzählen sie, und es wird nur noch schwerer. 150 Menschen sind heute schwer krank. Noch immer kommen in Halabja weit überproportional viele Kinder tot oder mit Missbildungen zur Welt. Die kurdische Regionalregierung bemüht sich mit ihren geringen Mitteln, der Stadt und den Menschen zu helfen. Der damalige US-Außenminister Powell hat Halabja besucht. Eine umfassende internationale Untersuchung der gesundheitlichen und Umweltfolgen des C-Waffeneinsatzes hat es bis heute nicht gegeben, auch keine medizinische Unterstützung der überlebenden Opfer in Halabja (die österreichische Regierung hat kürzlich acht von ihnen zu einer kurzzeitigen Behandlung nach Wien fliegen lassen). Dann spreche ich doch, davon wie schwer es mir fällt, wie anders es ist, über Halabja zu lesen und hier zu sein, dass ich alles, was ich kann, tun werde, damit die EU oder die Weltgesundheitsorganisation in Halabja endlich die gebliebenen Folgen analysiert und ein medizinisches Zentrum für die Betroffenen finanziert.

  Eines sage ich nicht, aber es lässt mich nicht los, bis heute nicht: Die Scham darüber, dass die Regierung meines Landes, der DDR, ebenso wie Gorbatschow, Reagan und Thatcher geschwiegen und ihre Waffen- und anderen Geschäfte mit Saddam Hussein fortgesetzt haben.

 
STARTSEITE
 
 
 
ARTIKEL, BRIEFE, PRESSEMITTEILUNGEN, REDEN
DISPUT-KOLUMNE
externer Link SOZIALISTEN.DE
externer Link PDSMV.DE / LANDESVERBAND
MECKLENBURG VORPOMMERN
externer Link PDS-IM-BUNDESTAG.DE
externer Link ROSA-LUXEMBURG-STIFTUNG
 
 
 
HERE YOU FIND SELECTED TEXTS IN ENGLISH.
 
 

ICI, VOUS TROUVEZ DES
TEXTES CHOISIS EN FRANÇAIS.

SEITENANFANG