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Dr. André
Brie, Kolumne für Disput 3/2005
„Rechtmäßige“ Armut
Seit
einem Vierteljahr sind die Hartz-IV-Gesetze in Kraft. Die versprochenen
Resultate – mehr Wirtschaftswachstum, mehr Arbeitsplätze – sind
erwartungsgemäß ausgeblieben. Dafür hat die Massenarbeitslosigkeit einen
neuen Rekordwert erreicht: Über 5,2 Millionen offiziell Erwerbslose
vermeldete die Bundesagentur für Arbeit Anfang März. Fast jeder achte
Erwerbsfähige ist damit ohne bezahlten Job. Man braucht nicht viel
Phantasie um vorauszusagen, dass sich an dieser Misere auf lange Zeit kaum
etwas ändern wird.
Ich
wohne in einem kleinen mecklenburgischen Ort. Vor wenigen Tagen erzählte
mir ein Nachbar über seine Erfahrungen mit Hartz IV. Es war ein Hilferuf.
Der arbeitslose Dachdecker – auf diesen Beruf wurde er umgeschult –
bezieht das so genannte Arbeitslosengeld II. Wenn er es denn überhaupt
bekommt. Denn seine Frau, eine zum 31.Dezember entlassene Kellnerin (viele
Unternehmen in meiner Region schicken ihre Angestellten außerhalb der
Saison ganz flexibel in die Arbeitslosigkeit), bekam ihr ohnehin nicht
üppiges Dezembergehalt branchenüblich erst Anfang Januar. Ihr
Arbeitslosengeld für Januar erhielt sie am 31.1. Die Familie hat wenig
Geld, durch die Zufälligkeit der Auszahlung in einem Monat keinen Cent
mehr. Aber der statistische Effekt wird streng gesetzlich zur
unmenschlichen Härte und bringt meine Nachbarn in existentielle Not: Denn
die rückwirkende Entlohnung wurde in knallharter Auslegung der
Hartz-Gesetze als „Einkommen“ gewertet – und dem Ehemann die 368 Euro (ALG
II und ein paar Euro Wohnungsgeld) gestrichen. Ganz legal werden so
Menschen in den sozialen und persönlichen Ruin getrieben. Wäre meine
Nachbarin nicht zufällig Kellnerin, sondern arbeitete in einer Branche, in
der der Lohn zum Monatsende ausgezahlt wird, hätten sie den Anspruch
selbstverständlich gehabt. Das geplante Antidiskriminierungsgesetz von
Rot-Grün sieht nicht vor, solche Diskriminierung zu beseitigen. In meinem
Landkreis nennt sich die Einrichtung, die derartige Bescheide
herausschickt (und den Widerspruch in rüdem Ton abgelehnt hat), übrigens
„Arbeitsgemeinschaft zur Grundsicherung für Arbeitssuchende im Landkreis
Parchim-Lübz“. Orwells „Neusprech“ aus dem Roman „1984“ lässt grüßen.
Nach
der amtlichen Statistik (weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens)
leben bereits heute acht Millionen Menschen in Armut. Laut dem fast
zeitgleich mit dem Arbeitslosenzahlen vorgelegten Armutsbericht stieg ihr
Anteil in der rot-grünen Regierungszeit von 1998 bis 2003 von 12,1 auf
13,5 Prozent. Zugleich wurden die Reichsten im Land noch reicher: Während
die unteren 50 Prozent der Haushalte weniger als vier Prozent des gesamten
Vermögens haben, besitzt das reichste Zehntel knapp 47 Prozent.
Die
Hauptursache für Armut bleibt Arbeitslosigkeit. Das Armutsrisiko für
Arbeitslose ist nach einer Analyse des Deutschen Instituts für
Wirtschaftsforschung in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. 1993
lag die Wahrscheinlichkeit, im Falle von Arbeitslosigkeit zur Gruppe der
„einkommensarmen Personen“ zu zählen, bei 29 Prozent. Zehn Jahre später
hat sich das Risiko bereits auf 39 Prozent erhöht. Lebt ein Arbeitsloser
allein im Haushalt oder hat auch dessen Partner keinen Job, beträgt das
Armutsrisiko sogar 53 Prozent – ein düsteres Szenario. Ich verschweige es
meinen Nachbarn.
Es
lässt sich nicht wegreden: Sechs Jahre sozialdemokratisch-grüner Regierung
haben die soziale Spaltung und Ausgrenzung in Deutschland wesentlich
verschärft. Die Zahl der Armen nimmt nicht nur zu, sie sterben in
Deutschland auch fünf Jahre früher als der Durchschnitt. Mangelnde
Bildungschancen werden vererbt. So haben Kinder von Gutverdienern 7,4fach
größere Chancen, ein Studium aufzunehmen, als Kinder aus
einkommenschwachen Haushalten. Die Rufe aus Berlin, die Lösung für
Deutschlands Zukunftsprobleme liege in mehr und besserer Bildung, ist
angesichts dieser Tatsache ein Hohn.
Knapp
anderthalb Jahrzehnte nach der Wiedervereinigung ist von der so genannten
Bonner Republik, dem "rheinischen Kapitalismus", nicht mehr viel übrig.
Wir haben praktisch eine andere Gesellschaft. In den Jahren seit dem Ende
des osteuropäischen Staatssozialismus ist eine geschichtlich beispiellose
Umverteilung von unten nach oben durchgesetzt und sind die
gesellschaftlichen und politischen Gegenkräfte sowie die demokratischen
und politischen Beschränkungen für die Entfesselung der großen Kapitale
dramatisch geschwächt worden. War zunächst vor allem die deutsche
Vereinigung zu einem geschichtlich einmaligen Enteignungsprogramm für die
einen und Bereicherungsprogramm für die anderen gemacht worden (95 % des
Volkseigentums ging in westliche Hände und die Zahl der
Einkommensmillionäre in den alten Bundesländern nahm von 1989 bis 1992 um
40 % zu), so wurden danach zunehmend der Sozialabbau und die Zerstörung
des Sozialstaats für die Umverteilung von Unten nach Oben eingesetzt. Ich
will es deutlich sagen: Die Steuer-, Finanz- und Wirtschaftspolitik der
Schröder-Fischer-Bundesregierung nach dem Lafontaine-Rücktritt, die Agenda
2010 und insbesondere die Hartz-Gesetzgebung sind einen prinzipieller
Systemwechsel. Im Zuge dieser Politik in Deutschland, in der Europäischen
Union und globalen Machtzentren wie den G-7-Staaten findet zudem eine
Selbstentmachtung der Politik, des Staates und der Demokratie und vor
allem eine Entmachtung des verfassungsrechtlich definierten Souveräns, der
Bürgerinnen und Bürger, gegenüber der weltmarktliberalen Globalisierung
und den größten Wirtschaftsakteuren statt.
Nicht
immer lässt sich dieser Kurs reibungslos umsetzen. In diesen Tagen wird
endlich auch in den Medien über die so genannte Bolkestein-Richtlinie der
Europäischen Kommission debattiert. Die nach einem früheren EU-Kommissar
benannte Vorlage soll den europäischen Dienstleistungsmarkt öffnen und
„liberalisieren“. Allerdings ist sie nichts anderes als der Türöffner für
ein europaweites Lohn- und Sozialdumping. Statt gemeinsamer europaweiter
sozialer und rechtlicher Standards soll mit dem „Herkunftslandsprinzip“
der Weg für die niedrigsten Löhne, tariflichen und Verbraucherrechte,
Umweltstandards freigeräumt werden.
Die PDS
hat von Anfang an (2004 noch absolut einsam unter den Parteien) vor den
Folgen der Dienstleistungsrichtlinie gewarnt und mit sozialen Bewegungen
gegen das Vorhaben mobilisiert. Inzwischen trägt der Protest Früchte. Der
Inhalt der Richtlinie versetzte „die Menschen in Angst und Schrecken“,
mussten Bundeskanzler Schröder und Frankreichs Präsident Chirac bei ihrem
Treffen im westfälischen Blomberg eingestehen. Die gröbsten Auswüchse des
Neoliberalismus sollen in dem Papier nun entschärft werden. Vielleicht
aber waren die Hausherren in Kanzleramt und Elysée-Palast auch nur so
offen, weil sie bereits die Position der EU-Kommission kannten. Denn die
will trotz einiger Abstriche grundsätzlich an der Richtlinie festhalten.
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