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André Brie,
Kolumne für Disput,
März 2004
Wahlkampf, Wahlkampf, Wahlkampf
Gewiss. Wahlkampf ist nicht alles, für eine linke
Partei ohnehin nicht der Nabel ihrer Politik. Unsere Wahlstrategie ordnet
ihn selbst zentral in den langfristigen und schwierigen Kampf um einen
politischen Richtungswechsel in Deutschland und in der Europäischen Union
ein. Aber im April, im Mai, bis zum 13. Juni gibt es keine andere zentrale
Aufgabe als Wahlkampf, Wahlkampf, Wahlkampf. Und in einigen Ländern, in
denen im Herbst Landtags- und Kommunalwahlen stattfinden, wird diese
Konzentration noch anhalten müssen.
Die Wahl zum Europäischen Parlament erfordert unsere
größten gemeinsamen Anstrengungen aus mindestens drei Gründen. Erstens
kann und soll der 13. Juni ein Tag werden, an dem Wählerinnen und Wähler
unüberhörbar Nein sagen zur unsozialen Politik von SPD und Grünen. Die
Protestwahl von CDU/CSU wäre nur der Weg vom sozialreaktionären Regen in
die sozialreaktionäre Traufe. Es ist unsere Verantwortung und Chance,
Menschen überzeugend deutlich zu machen, dass es am 13. Juni möglich ist,
nicht nur zu protestieren, sondern eine soziale Alternative zu wählen:
PDS. Zweitens: Nach der Wahlniederlage 2002 kann, muss und wird ein
bundesweites Signal kommen, dass die PDS eine politisch wirkungsvolle
sozialistische Bundespartei ist. Drittens: Bei der Europawahl 1994 betrug
die Wahlbeteiligung in Deutschland noch 60, 1999 nur noch 45 Prozent.
Europäische Bürokratie, soziale Gleichgültigkeit, Marktradikalismus und
akute Demokratiedefizite haben das Interesse an »Europa« im gleichen Maße
schwinden lassen wie das Gefühl gewachsen ist, der EU-Politik macht- und
einflusslos ausgeliefert zu sein. Ohne einen überzeugenden, äußerst
aktiven und, ich wiederhole, gemeinsamen Wahlkampf werden wir selbst viele
unserer Stammwählerinnen und -wähler nicht zur Europawahl motivieren.
Gemeinsam. Sicherlich, die PDS ist eine
pluralistische Partei, und von persönlichen Differenzen sind wir auch
nicht frei. Aber ohne solche, für die Öffentlichkeit erlebbare
Gemeinsamkeit können wir keinen effektiven und erfolgreichen Wahlkampf
führen. Ohne Einschränkung müssen die Beschlüsse des Europawahlparteitages
und die vom Parteivorstand beschlossene Wahlstrategie umgesetzt werden.
Das bedeutet auch eine konsequente Konzentration auf die festgelegten
politischen Schwerpunkte, Botschaften und die oppositionelle Haltung des
Wahlkampfes.
Die PDS geht in ihn als Partei, die sich klar gegen
jene Politik stellt, die in dieser Gesellschaft von SPD, Grünen, CDU/CSU
und FDP als alternativlos hingestellt wird. Wir sind nicht nur nicht der
Meinung, dass diese Gesellschaft sich das bisherige Niveau sozialer und
demokratischer Standards nicht mehr leisten kann. Wir sagen, dass es ein
Skandal ist, wenn aus der SPD das Ende der Sozialpolitik verkündet wird,
wenn die öffentlichen und Sozialkassen auf Kosten der Rentnerinnen und
Rentner, der Kranken, Arbeitslosen und Kommunen saniert werden sollen,
während die Steuern für Spitzenverdiener, Banken und Großunternehmen
gesenkt werden. Wir sagen vor allem auch, wo die Ursachen dieser Politik
liegen. Deutschland ist 2004 nicht ärmer als beim rosa-grünen
Regierungsantritt 1998, sondern um rund acht Prozent reicher. Es geht
nicht um Sparen, Sanieren, Modernisieren und nicht um Zukunftssicherheit
der Sozialversicherungen, sondern um eine massive Umverteilung von Macht
und Reichtum zugunsten der großen Vermögen und der mächtigsten
Wirtschaftsakteure in der Bundesrepublik und in der EU.
In unseren Versammlungsräumen lässt sich solches
leicht aussprechen und mit leidenschaftlicher Zustimmung und geringen
Meinungsunterschieden diskutieren. In der Gesellschaft gibt es ebenfalls
eine starke Ablehnung der sozialdemokratisch-grünen Regierungspolitik,
geringere, aber durchaus vorhandene Einsichten in ihr unsoziales und
ungerechtes Wesen. Zugleich aber herrschen Resignation und Passivität und
greift das Misstrauen gegenüber den Parteien um sich. Das geht an der PDS
nicht vorbei.
Die Schlussfolgerungen für unseren Wahlkampf sind
klar, und sie werden mit Energie und – ich hoffe – überzeugenden Mitteln
umgesetzt:
1. Auseinandersetzung mit der Bundesregierung und
ihrem schwarz-gelben Pendant; konkrete und praktische Alternativen; die
Zuversicht, dass eine andere Politik und ein anderes Europa möglich sind;
Aufbegehren gegen die Ignoranz der Bundespolitik gegenüber Situation und
Herausforderungen in Ostdeutschland; nicht ein bisschen Antikriegspolitik,
sondern die ganze.
2. Konsequente Konzentration (in gewisser Hinsicht
auch Reduktion) unseres Wahlkampfes auf diese Fragen, die auch eine
überzeugende Verbindung zu den Landtags- und Kommunalwahlen ermöglichen.
3. Eine gesellschaftspolitisch entschieden
oppositionelle Haltung, deren widerständige Alternativität sinnlich
erlebbar sein soll, nicht zuletzt durch ehrliche Klarheit, Dialog mit den
Menschen, Zuversicht, Lebendigkeit.
Praktisch alle Mittel sind durch das zentrale
Wahlbüro und eine junge, sehr engagierte Werbeagentur bereits vorbereitet.
Unter konkretester Mitsprache und Mitentscheidung der
Länderverantwortlichen werden sie Ende März endgültig beschlossen und zur
Produktion freigegeben. Ab Mitte April werden sie ausgeliefert und sollen
Bild und Inhalt unseres Wahlkampfes wirkungsvoll dominieren. Ab April
schon zählen nicht mehr Parteiversammlungen, dann müssen wir raus in die
Öffentlichkeit. Ab 1. Mai geht unser heißer Wahlkampf los. Unsere
Ausgangsposition ist auch in Meinungsumfragen deutlich besser geworden.
Das Wichtigste aber liegt außerhalb der »Macht« eines
Parteivorstandes und seines Wahlbüros. Dazu können wir nur durch gute
Organisation und gute Mittel motivierend beitragen (und das wollen wir
natürlich!): Nichts kann das Engagement unserer Mitglieder, unserer
Wahlkämpferinnen und Wahlkämpfer auch nur im Entferntesten ersetzen.
Nichts. Schon gar nicht im besonders schwierigen, ansonsten auch spröden
Europawahlkampf. Aber dieses Engagement, dieser Elan, dieses Brennen für
den Wahlkampf haben auch eine Voraussetzung: kompetente, zielstrebige
Organisation vor Ort.
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