|
André Brie, Kolumne für Disput März 2003
Statistik und Realität
Alljährlich erstellt das EU-Statistikamt Eurostat eine „Bestenliste“
der Regionen in der Europäischen Union. Einziges Kriterium dabei ist das
jeweilige Bruttoinlandsprodukt (BIP). Für die ostdeutschen Bundesländer
ist auch die jüngste, gerade erst Ende Januar vorgelegte Rangliste eine
Ernüchterung. Unter den erfassten 211 Regionen belegen sie durchweg
hintere Plätze. Während das BIP pro Kopf in der reichsten Region der EU,
Inner London, im Jahr 2000 bei 62.788 Euro lag, betrug es beispielsweise
im sachsen-anhaltinischen Dessau gerade einmal 14.892. Selbst innerhalb
Deutschlands sind die Unterschiede gravierend. So erzielte Hamburg ein
Pro-Kopf-BIP von 42.128 Euro, Chemnitz dagegen nur von 15.303 Euro. Anders
ausgedrückt: Alle neuen Bundesländer liegen deutlich unter 75 Prozent
des durchschnittlichen Bruttoinlandsproduktes der Europäischen Union.
Insgesamt gibt es nur 48 EU-Regionen, die diesen Wert unterschreiten, acht
davon liegen im Osten Deutschlands. So kamen Sachsen, Sachsen-Anhalt und
Thüringen gerade einmal auf 70 Prozent, Mecklenburg-Vorpommern und
Brandenburg gar nur auf 69 Prozent.
Wie alle Regionen, in denen nicht einmal drei Viertel des
EU-Durchschnitts-BIP erreicht werden, erhalten die neuen Bundesländer als
so genannte Ziel-1-Gebiete Strukturfördermittel aus Brüssel. In der
laufenden Finanzplanungsperiode 2000 bis 2006 sind die Strukturfonds der
Europäischen Union mit 195 Milliarden Euro (dem zweitgrößten
Budgetposten nach dem Agrarhaushalt) ausgestattet. Deutschland stehen
davon 29,76 Milliarden Euro zur Verfügung. Die Bundesrepublik ist damit
nach Spanien und Griechenland drittgrößter Empfänger von
Strukturfondsmitteln. Der Großteil der Zuweisungen – etwa 20 Milliarden
Euro – fließen in die neuen Bundesländer. Mit den Geldern aus dem
Fonds für regionale Entwicklung, dem Sozialfonds, dem Ausrichtungs- und
Garantiefonds für die Landwirtschaft und dem Finanzinstrument für die
Ausrichtung der Fischerei sollen benachteiligte Regionen und soziale
Gruppen innerhalb der EU unterstützt werden. Das Geld wird für
Infrastrukturprojekte und Maßnahmen zur wirtschaftlichen Entwicklung
ebenso wie für Beschäftigungs- und soziale Initiativen bereit gestellt.
Sicher hat jeder schon einmal die blauen Tafeln gesehen, mit denen auf
eine europäische Kofinanzierung verschiedenster Vorhaben hingewiesen
wird.
Mit dieser Förderung aus den Strukturfonds könnte es aber
ab dem Jahr 2006 vorbei sein. Denn zu diesem Zeitpunkt wird die EU zehn
neue Mitglieder haben, darunter acht aus Osteuropa. In einer Gemeinschaft
der 25 werden laut aktuellen Prognosen nicht mehr „nur“ 48 Regionen
unter der 75%-Fördergrenze liegen, sondern 67 Gebiete, in denen dann 26
Prozent der EU-Bevölkerung leben werden. Mit Ausnahme Zyperns und einiger
weniger Regionen fallen alle Beitrittsländer komplett unter den
Ziel-1-Status. Mit der Aufnahme der wirtschaftlich schwächer entwickelten
Staaten wird natürlich auch das durchschnittliche Bruttoinlandsprodukt
pro Kopf in der EU sinken. Bisherige Fördergebiete könnten dadurch
statistisch über den Grenzwert rutschen, Brandenburg und
Mecklenburg-Vorpommern beispielsweise auf geschätzte 76,5 Prozent.
Praktisch hätte sich an der realen wirtschaftlichen und sozialen
Situation jedoch nichts geändert, die Regionen würden nur reich
gerechnet. Dagegen wäre die Realisierung begonnener und geplanter
Projekte tatsächlich in Frage gestellt.
Ich will nicht falsch verstanden werden: Die Unterstützung
gerade für die osteuropäischen Beitrittsländer ist dringend notwendig.
Schon heute, im Vorfeld der Aufnahme, hat die Umsetzung der
Beitrittskriterien dort zu dramatischen sozialen Verwerfungen geführt.
Vor allem in der Landwirtschaft, in diesen Staaten ein zentraler
Wirtschaftssektor, wurden massenhaft Betriebe zerstört –
in Brüssel wurde das gar als „Beschleunigung der Reformen“
ausgegeben. Für um so skandalöser halte ich, dass den Landwirten in den
künftigen Mitgliedsstaaten die gleichen Rechte wie für Bauern in
Westeuropa vorenthalten werden sollen. Denn die Zahlungen aus dem Brüsseler
Agrarhaushalt nach Osteuropa sollen erst in Jahren die selbe Höhe
erreichen wie in der Alt-EU.
Wenn sich die EU aber tatsächlich als Gemeinschaft versteht,
dürfen ohnehin schon benachteiligte Regionen durch die Kappung der Fördermittel
nicht noch weiter zurück geworfen werden. Fünf Prämissen sehe ich in
dieser Hinsicht: Erstens muss die EU-Kommission konkrete Vorschläge für
Übergangsregelungen nach Auslaufen der Finanzplanung im Jahr 2006
vorlegen. Ein abruptes und rein statistisch begründetes Ende der Zuschüsse
muss ausgeschlossen werden. Zweitens muss mindestens ein weiteres
Kriterium (neben dem Bruttoinlandsprodukt) der Förderpolitik zugrunde
gelegt werden: das Ausmaß der Arbeitslosigkeit in den Regionen. Drittens
ist damit die Forderung an die Nettozahler in der EU, wie z.B. die
Bundesrepublik, verbunden, ihren bisherigen Widerstand gegen die Erhöhung
der Ausgaben für die Strukturpolitik aufzugeben. Nur so können alle
wirklich bedürftigen Regionen weiter unterstützt werden. Eine
Konzentration der Zuschüsse nahezu ausschließlich auf die Neumitglieder
würde auf Kosten der anderen armen Regionen gehen. Viertens muss das
Sonderprogramm für die Grenzregionen finanziell besser ausgestattet und
effizienter gestaltet werden. Gerade der Streifen an der bisherigen
EU-Ostgrenze könnte im wahrsten Sinne des Wortes übergangen werden. Wenn
Unternehmen im östlichen Vorpommern nicht mit Partnern im westlichen
Polen kooperieren können, weil Verkehrsverbindungen fehlen, zeigt
dies den großen Entwicklungsbedarf. Fünftens schließlich müssen
Mitsprache- und Mitentscheidungsrechte der Regionen in der EU gestärkt
werden. Nur so kann verhindert werden, das die spezifischen Probleme
„ganz unten“ auch in Brüssel und den Hauptstädten – bewusst oder
unbewusst – ignoriert oder übersehen werden. Im „Konvent zur Zukunft
Europas“, in dem europäische und nationale Parlamentarier, Regierungs-
und EU-Vertreter an einem Tisch sitzen und auch
Nichtregierungsorganisationen gehört werden, wird über die künftige
Rolle der Regionen in Europa derzeit heiß diskutiert.
|
|