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Kolumne
für den Disput, 8. März 2001
Es
beschäftigt mich anhaltend, dass die Partei des Demokratischen
Sozialismus im Dezember 1994 – als es um das Schicksal der Partei ging
– fähig war, Zehntausende Menschen gegen die finanzielle Strangulierung
der PDS auf die Straßen zu bringen und mit dem Hungerstreik tagelang die
innenpolitische Berichterstattung zu beherrschen, während wir bei
politischen Themen, die Millionen Menschen in dieser Gesellschaft
existenziell betreffen, uns mit Presseerklärungen, Vorstandsbeschlüssen,
Programmen, Konferenzen oder kaum wahrgenommenen Kleinstkundgebungen begnügen
(oder begnügen müssen). Um es zunächst etwas ungerecht zuzuspitzen: Ich
erlebe kaum eine PDS-Versammlung, in der wir uns nicht in unserer Empörung
über die 1999 beschlossene NATO-Militärstrategie oder die
Militarisierung der Europäischen Union überbieten, aber ich kann nicht
feststellen, dass wir in der Lage und bereit wären, die Öffentlichkeit
massiv zu informieren und unseren Widerstand wirksam zu artikulieren. Wir
sind eine Partei, die sich nicht damit abfinden will, dass das Leben von
Millionen Menschen durch Arbeitslosigkeit zerstört wird, aber noch nicht
ein einziges Mal haben wir es vermocht, unseren Protest zehntausendfach
auf die Straßen, vor die Arbeitslosigkeitsämter und die Konzern- und
Regierungszentralen zu tragen. Wir empfinden es zu Recht als Skandal, wie
der Osten Deutschlands entmündigt, entindustrialisiert, entsozialisiert
wird, aber offensichtlich lassen wir uns – was die öffentliche
Wahrnehmung betrifft – von Thierse den Rang als ostdeutsche
Interessenvertretung ablaufen, obwohl viele ostdeutsche Regionen längst
nicht mehr „auf der Kippe stehen“, sondern bereits abgestürzt sind.
Keine Partei hat ein solch gutes, an Solidarität, Gerechtigkeit und
wirklicher Zukunftsfähigkeit orientiertes Rentenkonzept wie die PDS, aber
wer von den vielen Millionen Betroffenen kennt es?
Natürlich
weiß ich, dass die Medien nicht gerade begierig darauf sind, über die
politischen Positionen der PDS zu informieren. Aber immerhin ist es uns in
der Vergangenheit doch in einigen ausgesprochen wichtigen Fällen
gelungen, die Medienblockade zu durchbrechen. Was schmerzhaft fehlt, ist
unser ernstestes Bemühen (und das sollte des Öfteren auch ein sehr
heiteres sein), die Interessen, Erfahrungen und Hoffnungen großer Gruppen
von Menschen mit Professionalität und politischer Genauigkeit, mit
Originalität und unabweisbarer Medienwirksamkeit, mit attraktiver Kultur
und oppositioneller Gesinnung anzusprechen. Eine Partei, die bei den
Bundestagswahlen 2002 mehr als zweieinhalb Millionen Wählerinnen und Wähler
gewinnen will, kann ihre Politik, ihre Organisation und ihre Öffentlichkeitsarbeit
nicht bescheidener ausrichten.
Die
eingangs aufgeworfene Frage hat jedoch eine weit über Wahlerfordernisse
hinausgehende Dimension. Im Parteiprogramm der PDS wird der außerparlamentarische
Kampf als entscheidend bezeichnet. Ich glaube niemand wird behaupten, dass
wir bisher in der Lage waren, diesen selbstgesteckten Anspruch einzulösen.
Meiner Meinung nach weichen wir, im Gegenteil, sogar zunehmend in den
parlamentarischen Bereich aus. Das ist erstens wesentlich einfacher.
Gesetzesinitiativen, Änderungsanträge, parlamentarische Reden und
Anfragen zur Arbeitslosigkeit oder gegen den Rechtsextremismus sind kein
Problem. Niemand wird der PDS vorwerfen können, in dieser Hinsicht und
auf allen wichtigen Gebieten nicht alles nur Mögliche getan zu haben.
Aber zweitens – es ist ja nicht einfach die Ignoranz und politische
Unwilligkeit der PDS – stehen
wir offensichtlich hilflos einer Gesellschaft gegenüber, die nicht in
Bewegung ist, in der selbst Menschen, die von ihr ausgegrenzt,
diskriminiert und gefährdet werden, nicht bereit sind, selbst zu kämpfen.
Das Problem besteht eben darin, dass wir massiv erfahren haben, dass diese
Gesellschaft und die Politik nicht durch eine Avantgarde und „für die
Menschen“ geändert werden können, sondern nur durch die Menschen und
ihre Kämpfe selbst. Und wir wissen auch, dass die positive Wandlungen in
den Parlamenten nur dann möglich werden, wenn das entsprechende
politische Klima und Aufbegehren in der Gesellschaft existiert. In der
gibt es zwar sehr viel Unzufriedenheit, aber auch mindestens soviel von
der herrschenden Politik betriebene Resignation, Passivität,
Zersplitterung, Entsolidarisierung und Lähmung. Sicherlich spielt es auch
eine Rolle, dass unsere geliebten Deutschen nicht das Temperament und die
politische Kultur der Franzosen aufbringen, die auch ohne unerträgliche
Zuspitzung der politischen Situation zu Hunderttausenden auf den Straßen
ihre Meinung sagen und nicht selten durchsetzen.
Erklären
lässt sich das Manko wohl durchaus. Ein Grund, abzuwarten, sich
dreinzuschicken, kann es nicht sein. Wir sind verpflichtet, zu sozialem
und politischem Widerstand beizutragen. Mit dutzendfachen Aufrufen des
Parteivorstandes, die Kreisorganisationen und die Basis der PDS sollten
sich an diesem und jenem außerparlamentarischen Protest beteiligen, ist
nichts erreicht. Ich bin überzeugt, dass einige sehr wenige Punkte
gefunden werden können und müssen, bei denen es möglich ist, den Nerv
vieler Menschen, ihren realen Lebensalltag, ihre jetzigen Erfahrungen und
Interessen anzusprechen. Dort könnte begonnen werden, den Anspruch aus
dem PDS-Programm zu realisieren. Voraussetzung wären unsere Bereitschaft
und Fähigkeit, mit all unserer geistigen Kreativität, mit intensivster
Organisation und mit moderner
Öffentlichkeitsarbeit die Kräfte auf zwei, drei konkreter Themen zu
konzentrieren. Solange wir das nicht versuchen, müssen wir uns vorwerfen
lassen, unserer politischen Verantwortung und unserem eigenen
programmatischen Anspruch nicht gerecht zu werden.
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