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André Brie, 8. Februar 2007, Kolumne
für "Disput"
Chancengleichheit für alle?
Nachdem ich mich im Januar -
ebenfalls mit geringer Resonanz - mit Problemen der
innerparteilichen Entwicklung befasst hatte, diesmal also
wieder: Europa.
Im Europäischen Parlament wird –
trotz verschiedener politischer Anschauungen und der
daraus folgenden Auseinandersetzungen – zumeist
sachorientierte Arbeit geleistet. Über einige Vorgänge
allerdings kann man nur den Kopf schütteln. Zum Beispiel
über jenen: Mitte Januar forderten Abgeordnete der
Fraktion der Europäischen Volkspartei in einem Schreiben
an die EU-Kommission spezielle Programme, um die
Chancengleichheit von Männern und männlichen Jugendlichen
zu fördern. „Offensichtlich ist die Kommission auf dem
männlichen Auge blind“, meinten die 35 Unterzeichner des
Briefs.
Natürlich war der Zeitpunkt für das
Schreiben mit Bedacht gewählt. Denn Brüssel hat 2007 zum
„Europäischen Jahr der Chancengleichheit für alle“
erklärt. Sicher haben die erwähnten konservativen
Europaabgeordneten Recht, wenn sie darauf verweisen, dass
gerade männliche Jugendliche mit Migrationshintergrund in
Schule und Ausbildung oft schlechte Leistungen zeigen.
Sicher ist es auch richtig, hier spezifische
Fördermaßnahmen zu entwickeln. Ungleichbehandlung,
Diskriminierung, Ausgrenzung betrifft jedoch in Europa
einige Bevölkerungsgruppen weit stärker als junge Männer.
Das wurde abermals auf dem ersten
europäischen „Gleichstellungsgipfel“ deutlich, mit dem das
Europäische Jahr Ende Januar offiziell gestartet wurde.
Denn hinter den verschlossenen Türen des Treffens in
Berlin wurden dramatische Fakten präsentiert. In einer „Eurobarometer“-Umfrage
gaben knapp 27.000 Europäer über ihre Erfahrungen mit
Benachteiligungen in Beruf und gesellschaftlichem Leben
Auskunft. Die Ergebnisse sind erschreckend: So sind
durchschnittlich 64 Prozent der Befragten überzeugt, dass
Menschen wegen ihrer ethnischen Herkunft diskriminiert
werden. Weit höher fällt dieser Satz sogar in jenen
Ländern aus, die lange als beispielhaft in Sachen
Integration galten – in Frankreich, den Niederlanden und
Schweden sehen 80 bis 85 Prozent der Bevölkerung
Benachteiligungen aus ethnischen Gründen. Auch fast jeder
zweite Deutsche (48 Prozent) hält Menschen wegen deren
Herkunft für diskriminiert. In Griechenland, Frankreich
und den Niederlanden waren zudem drei Viertel der
Befragten überzeugt, dass „fremd aussehende Menschen“
häufiger von der Polizei kontrolliert werden als die
übrige Bevölkerung.
Auch Alter, Religion oder
Geschlecht sind weiterhin Gründe für Diskriminierungen.
Gerade die Benachteiligung von Frauen und Mädchen bleibt
das gravierendste Problem. Nach einer ziemlich genau vor
einem Jahr vorgelegten Analyse zur Gleichstellung der
Geschlechter geht hervor, dass Frauen in der EU noch immer
etwa 15 Prozent weniger verdienen als Männer. Eine erst
dieser Tage veröffentlichte Untersuchung ergab zudem, dass
in jenen EU-Ländern, in denen ein Mindestlohn gesetzlich
verankert ist, vor allem Frauen mit dieser
Minimalentlohnung auskommen müssen. Es sind auch gerade
die Frauen, die im Zuge der von der EU und den Regierungen
betriebenen "Flexibilisierung" der Arbeitsverhältnisse in
um sich greifende prekäre Beschäftigung, Teilzeitarbeit
und den Niedriglohnsektor gedrängt werden. Die Politik
scheint sich an diesen Tatsachen jedoch auch im Jahr der
Chancengleichheit wenig zu stören. So lässt beispielsweise
das Europäische Institut für Gleichstellungsfragen, das
eigentlich seit dem 1. Januar dieses Jahres arbeiten und
eine wissenschaftliche Grundlage für die
Gleichstellungspolitik liefern sollte, wegen
Streitigkeiten um Aufgaben und administrative Fragen
weiter auf sich warten.
Ich will nicht in Abrede stellen,
dass es in Europa ein vergleichsweise gut ausgebautes
System von Vorschriften gegen Diskriminierungen gibt.
Recht zu haben und Recht durchzusetzen, insbesondere aber
juristisches recht und soziale Gerechtigkeit sind in
markt- und profitdominierten Gesellschaften aber
bekanntlich zwei verschiedene Dinge. Darüber können nicht
zuletzt gehandicapte Menschen berichten: Zwar hatte die EU
2003 das „Europäische Jahr der Menschen mit Behinderungen“
ausgerufen. Drei Jahre später aber belegen die
Eurostat-Daten, dass sich an der realen Situation der
Betroffenen kaum etwas geändert hat. Über die Hälfte (53
Prozent) der Befragten ist sich sicher, dass Behinderte
vor allem auf dem Arbeitsmarkt diskriminiert werden –
trotz der Jahreskampagne. Und ihre Einschätzung ist, wie
die Tatsachen beweisen, europäische Realität - allen
schönen Kampagnen zum Trotz, die offensichtlich nur das
Feigenblatt für die sozial kalte Wirklichkeit bleiben. |
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