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André Brie, Kolumne für
Disput, Februar 2006
Marktradikalismus pur
Kaum ein geplantes EU-Gesetz hat in Europa zu einer
so breiten Diskussion geführt wie die Dienstleistungsrichtlinie, nach
ihrem „Erfinder“ auch Bolkestein-Richtlinie genannt. Die
globalisierungskritische Bewegung Attac und Gewerkschaften, linke Parteien
und Sozialverbände, zahlreiche andere Organisationen und Wissenschaftler
warnen seit Monaten vor der „Liberalisierung“ und Privatisierung des
Dienstsleistungssektors in Europa. In diesem Monat entscheidet das Plenum
des Europaparlaments über diesen wohl folgenschwersten europäischen
Rechtsakt.
Ich bin Realist genug, um nach den bisherigen
Erfahrungen nichts Gutes zu erwarten. Bereits im vergangenen November
hatte die Richtlinie den federführenden Binnenmarkt- und
Verbraucherschutzausschuss passiert. Ermöglicht wurde dies nicht zuletzt
durch die europäischen Sozialdemokraten, die sich der Stimme enthielten
oder zustimmten – obwohl sie beispielsweise in Deutschland massive
Kritik an dem Dokument übten. Die Abstimmung dauerte fast sechs Stunden;
allein die Stimmliste umfasste noch nie erreichte 193 Seiten. Zum Ende des
Verfahrens waren die meisten Dolmetscherkabinen nicht mehr besetzt. Im
Gegensatz zu den künftigen Betroffenen des Bolkestein-Papiers haben die
Angestellten des Europäischen Parlaments einen hohen Sozialschutz.
Gerade darum geht es. Obwohl der ursprüngliche
Entwurf der Richtlinie in zahlreichen Fragen geändert wurde und es
durchaus einige positive Einschränkungen des Anwendungsbereiches gab
(wozu, nebenbei bemerkt, die Linksfraktion im Europaparlament maßgeblich
beigetragen hat), öffnet Bolkestein den europäischen
Dienstleistungsmarkt für einen Dumpingwettlauf nach unten: bei Löhnen,
Sozialstandards, Verbraucher- und Umweltschutzrecht, Qualität, sicherlich
auch beim Haftungsrecht und rechtlicher Sicherheit für Kunden überhaupt.
Zwar taucht das öffentlich heftig attackierte Herkunftslandprinzip als
Begriff nicht mehr auf. Der entsprechende Artikel 16 wird nun unverfänglicher
mit "Freier Dienstleistungsverkehr" überschrieben. Die Substanz
ist aber praktisch die selbe. Nur zum Schutz der öffentlichen Sicherheit
und Ordnung, der Volksgesundheit und der Umwelt können die Staaten auf
der Einhaltung nationaler Bestimmungen bestehen. Ansonsten gelten die
Gesetze jenes Landes, aus dem der Dienstleister kommt. Praktisch bedeutet
das: Wer die niedrigsten Lohn-, Sozial- und anderen Standards bietet, könnte
im Konkurrenzkampf bald die Nase vorn haben.
In dem in diesen Tagen von Attac veröffentlichten
Sammelband „Das kritische EU-Buch“ heißt es, Europa habe mit der
Bolkestein-Richtlinie einen „Systembruch“ begangen. „Anders als die
öffentlichen Debatten den Anschein erwecken, bildet nicht das europäische
Sozialmodell den Mittelpunkt der europäischen Integration, sondern es
sind wirtschaftspolitische Instrumente wie der freie Waren- oder
Kapitalverkehr“, konstatieren die über 20 Autorinnen und Autoren aus
verschiedenen Ländern. „Das Ergebnis ist trist: Ein immer reicher
werdendes Europa kann sich Umverteilung, Steuergerechtigkeit, soziale
Sicherheit, Armutsbekämpfung, öffentliche Investitionen und Umweltschutz
– angeblich – nicht mehr leisten.“ Nicht soziale Sicherheit, die
einstmals als Ziel definiert wurde, sondern Wettbewerbsfähigkeit gelte
heute als Leitwert in der Europäischen Union.
Wenn sich Staaten auf Kategorien wie Wettbewerbsfähigkeit
verpflichten, die aus der Wirtschaft stammen und eigentlich nur für
Unternehmen gelten, zeigt das, wessen Interessen sie vertreten. Die Erklärung
der EU-Kommission, mit Bolkestein würden etwa 600.000 Arbeitsplätze
geschaffen, wirkt vor diesem Hintergrund eher zynisch. Denn sie ist wenig
glaubhaft. Bisherige Liberalisierungen haben zu millionenfachen
Entlassungen geführt. Und selbst wenn es so wäre: Die offizielle
Arbeitslosenzahl in der EU würde gerade einmal von 18,6 auf 18 Millionen
sinken. Und das bei der Öffnung eines Sektors, der bereits heute 70
Prozent der europäischen Wirtschaft ausmacht!
Es gibt derzeit kein strategischeres, kein
weitreichenderes Projekt des neoliberalen Marktradikalismus in der EU als
die Bolkestein-Richtlinie. Widerstand ist erforderlich – von
Gewerkschaften und anderen sozialen Bewegungen, Handwerkern,
Verbraucherinnen und Verbrauchern, Kommunen. Dass Protest erfolgreich sein
kann, beweisen die Aktionen der europäischen Hafenarbeiter: Das Vorhaben
der EU-Kommission, die Hafendienstleistungen zu liberalisieren, ist im
Januar gescheitert.
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