|
André Brie, 14. Februar 2003, Kolumne für Disput 02/2003
Irak, Washington und die UNO
Als sich im Herbst vergangenen Jahres die US-Politik gegen den Irak
zuspitzte, sprachen nacheinander der UN-Generalsekretär Kofi Annan und
der Präsident der USA in der Vollversammlung der Vereinten Nationen. Wer
es im Fernsehen verfolgte, konnte etwas scheinbar Paradoxes sehen, hören,
erleben. Das sprach der Chef einer Organisation, die vor allem von den USA
schon fast tödlich geschwächt worden ist, mit intellektueller Größe,
Kultur, politischem Mut und Verantwortungsbewusstsein und stellte sich
unmissverständlich der Politik der globalen Supermacht entgegen. Nach ihm
redete Bush jr., hinter sich eine geschichtlich beispiellose militärische
globale Überlegenheit – kleinkariert und kleingeistig, verkrampft (auch
sein fundamentalistisches Sendungsbewusstein konnte das nicht verdecken),
rechthaberisch, verlogen.
Natürlich weiß ich, dass das Problem der US-Politik nicht
primär Bush ist, aber Kofi Annan ist auch nicht allein eine andere, eine
wirkliche Persönlichkeit, er vertrat und verteidigte an diesem Tag auch
eine der größten politischen Ideen des 20. Jahrhunderts.
Als am 26. Juni 1945, unmittelbar nach dem Ende des Zweiten
Weltkriegs, in San Francisco die UN-Charta unterzeichnet wurde, verfolgten
die Signatarstaaten ein vorrangiges Ziel: Kriege sollten für immer geächtet
werden. „Die Völker der Vereinten Nationen sind fest entschlossen, künftige
Geschlechter vor der Geißel des Krieges zu bewahren“, lautet der erste
Satz der Präambel der Charta. Mit Einschränkungen, aber als ein
geschichtlicher Fortschritt, stellte die UNO-Charta internationales Recht
zur Ächtung des Krieges dar und wies entscheidende Merkmale eines
demokratischen Völkerrechts auf. Geschaffen wurde ein System von
Regelungen und Gremien, mit denen Konflikte friedlich beigelegt werden
sollten.
Dem Sicherheitsrat, dem die damaligen großen Mächte der
Antihitlerkoalition als ständige Mitglieder mit Vetorecht angehören,
wurden weitreichende Kompetenzen eingeräumt. Er allein kann zur
„Wahrung des Weltfriedens und der internationalen Sicherheit“ über
die Anwendung militärischer Gewalt entscheiden. Die Privilegierung der
Großmächte hatte natürlich eine undemokratische Seite. Gleichzeitig
sollte jedoch verhindert werden, dass Mehrheitskoalitionen sich einseitig
durchsetzen konnten. Wenn China, Frankreich, Großbritannien, die UdSSR
und die USA gezwungen waren, sich zu einigen, so eine Überlegung, dann könnten
große internationale Kriege ausgeschlossen werden. Insbesondere für die
lange Zeit isolierte Sowjetunion erwies sich das Vetorecht als wirksames
Instrument gegen die Instrumentalisierung der UNO durch die USA.
Bei großen Einschränkungen bewährte sich die UNO. Dass sie
nicht stärker sein konnte, nicht wirksamer Frieden, Abrüstung,
Entwicklung und Menschenrechte durchsetzen konnte, als es die Staaten
erlaubten, liegt in der Natur von Staatenbeziehungen (Demokratie in ihren
Verhältnissen hat einen anderen Charakter als innerhalb von
Gesellschaften; man stelle sich nur einmal vor, die EU-Mehrheit hätte der
ablehnenden dänischen Bevölkerung den Euro aufzwingen dürfen!).
Grundlage für die Wirkungsmöglichkeiten der UNO war jedoch
nicht nur ihre Charta, sondern auch wesentlich das nuklearstrategische
Gleichgewicht zwischen den USA und der Sowjetunion (das zugleich aber auch
eine beständige Vernichtungsdrohung für die gesamte Zivilisation war).
Mit dem Ende des Realsozialismus gerieten die UNO und die meisten
internationalen Beziehungen mehr und mehr unter den Einfluss Washingtons.
Die US-Regierung nutzte erpresserisch ihre finanziellen Beiträge für die
Weltorganisation (noch immer belaufen sich die US-Ausstände auf 800
Millionen Dollar), vor allem aber fehlt im Sicherheitsrat, dem wichtigsten
UN-Organ, ein Korrektiv zur einzigen verbliebenen Supermacht. Weder
Frankreich oder Großbritannien, noch China oder das politisch,
wirtschaftlich und militärisch zerrüttete Russland können – oder
wollen – bisher im Rat ernsthafte Gegenwehr gegen die unilaterale
US-Politik leisten. Die UNO ist keine imaginäre Weltregierung, sondern
sie widerspiegelt das Kräfteverhältnis in der Welt. Und sie kann nur so
gut oder so schlecht sein, wie sie die Mitgliedstaaten machen.
„Die UNO ist dort für uns wichtig, wo wir keine
Interessen haben“, erklärte der frühere US-Präsident Clinton während
seiner Amtszeit vor dem Senat und brachte damit die Haltung des Weißen
Hauses auf den Punkt. Das ist allerdings nur die halbe Wahrheit. Denn die
Weltorganisation wird von den USA nicht nur ignoriert oder unterhöhlt,
sie wird auch gezielt zur Durchsetzung ihrer eigenen Interessen
missbraucht. Zugleich erweist sich das auf der UN-Charta beruhende Völkerrecht
jedoch als eines der letzten effektiven Hindernisse gegen die Durchsetzung
einer imperialen, US-dominierten Weltordnung. Auf dem Balkan, insbesondere
1999 im Krieg gegen Jugoslawien, 2001 im Afghanistankrieg und nunmehr
gegen den Irak geht es den USA um die Degradierung der UNO zu einer
wirkungslosen Organisation à la Völkerbund und die Ersetzung des Völkerrechts
durch ein „Recht“ des Starken, der USA (es muss erinnert werden, dass
die rot-grüne Bundesregierung in der Vergangenheit diesen Kurs aktiv
unterstützt und damit die Schwäche ihrer heutigen Politik bei der
Verteidigung der UNO-Charta maßgeblich verursacht hat).
Es gibt viele berechtigte Kritiken an der UNO. Die
Reformierung der Weltorganisation bleibt dringend notwendig. Nur wenn alle
Staaten gleichberechtigt in der UNO vertreten sind, wenn die UNO ein
starkes Instrument zur Durchsetzung des internationalen Rechts und nicht
zur Durchsetzung der Interessen der Starken ist, kann sie tatsächlich zu
einem effizienten Instrument zur Ächtung des Krieges werden. Die
Zusammensetzung des Sicherheitsrates ist nicht mehr zeitgemäß, das
Vetorecht problematisch (aber eben auch nicht ohne weiteres durch etwas
Besseres ersetzbar). Das größte Problem der UNO jedoch sind ihre
aktuelle Schwäche, die bewusst von den USA und ihren Verbündeten
herbeigeführt worden ist, und die Instrumentalisierung durch die USA.
Selbst in diesem Zustand sind sie und ihre Charta aber der
Bush-Adiministration, der Interessen der amerikanischen Ölkonzerne, Rüstungsunternehmen,
Banken im Wege. Ihre demokratische und pazifistische Grundsubstanz sind
noch nicht beseitigt. Bevor Weitergehendes erreicht werden kann, müssen
sie gegen die USA konkret und offensiv verteidigt werden.
|
|