| André Brie, Disput-Kolumne Februar 2002
Die Zeit drängt
Fast niemand nimmt hierzulande Notiz davon,
dass noch in diesem Monat ein Gremium zusammen treten wird, das die
Entwicklung der Europäischen Union nachhaltig beeinflussen könnte: Am
28. Februar trifft sich in Brüssel erstmals der „Konvent zur Zukunft
Europas“, der Vorschläge für die Reformierung der (west)europäischen
Gemeinschaft ausarbeiten wird. Schon im Sommer nächsten Jahres sollen die
Empfehlungen dafür auf dem Tisch liegen.
Worum geht es? In erster Linie um die
dringend notwendige Reform der Institutionen und Mechanismen der EU. Diese
stammen im wesentlichen noch aus der Gründungszeit der Gemeinschaft und
sind auf eine Gruppe von sechs Staaten zugeschnitten. Bereits für die
heutige Union der 15 ist das administrative und verfahrenstechnische
Geflecht kaum noch tauglich, ganz zu schweigen für eine künftig
erweiterte Union mit weit über 20 Mitgliedern. Zwar wurden auf dem
Nizza-Gipfel im Dezember 2000 einige Teilreformen, beispielsweise die Möglichkeit
von Mehrheitsentscheidungen in verschiedenen Politikbereichen oder die
Neugewichtung der Länderstimmen im europäischen Ministerrat,
beschlossen. Insgesamt jedoch blieb die Modernisierung der EU bislang Stückwerk.
Noch wichtiger scheint mir neben diesen
eher „technischen“ Fragen aber eine Demokratisierung der EU. Die
Stichworte dafür heißen Transparenz,
Bürgerbeteiligung und wirkliche Mitsprache
und Mitwirkung des Europäischen Parlaments. Transparent
werden müssen die Vorgänge und Entscheidungsprozesse in der EU. So
kann es beispielsweise nicht angehen, dass der Ministerrat der
Mitgliedsstaaten, das eigentliche Entscheidungsgremium, hinter
verschlossenen Türen tagt und über den „Umweg“ Brüssel und faktisch
als Nebenregierung sogar national gefasste Beschlüsse wieder kippen kann.
Bürgerbeteiligung bedeutet
nicht die Verbreitung von Hochglanzbroschüren über die EU, sondern die
Schaffung von Strukturen, die die Menschen in wichtige Vorhaben
einbezieht. Immer noch wird über die Bürger und nicht mit ihnen
entschieden – wie z.B. bei der Einführung des Euro, die von großen
Teilen der Bevölkerung in vielen EU-Ländern auf Ablehnung stieß.
Wichtig scheint mir auch, die Charta ziviler und sozialer Grundrechte, die
seit ihrer Annahme in Nizza ein Schattendasein fristet, in die europäischen
Verträge zu integrieren. Mitsprache und Mitwirkung des Europaparlaments schließlich verlangt
die Gleichberechtigung der multinationalen Volksvertretung gegenüber dem
Rat und die Zuerkennung aller parlamentarischer Rechte auf allen Gebieten
– und nicht nur in Teilbereichen, wie es derzeit noch der Fall ist.
Diese Aufgaben sind nicht neu. Neu aber ist
die Form, in der sie angegangen werden sollen. Eine aus etwa 120 Personen
– Vertreter der Regierungen und der EU-Kommission, Abgesandte aus den
nationalen und dem Europäischen Parlament – zusammengesetzte
„beratende Versammlung“, eben ein Konvent, hat sich noch nie einem
solch umfassenden Vorhaben wie der EU-Reform gestellt. Bisher war das
Thema Regierungskonferenzen vorbehalten, die sich vor allem durch eines
auszeichneten: Poker um Sicherung nationaler Pfründe und Verschieben von
Beschlüssen. Nicht zuletzt deshalb steht eine EU-Reform nach wie vor aus.
Die breite Beteiligung an dem Konvent und die ausdrücklich vorgesehene Möglichkeit
für Nichtregierungsorganisationen, dort Gehör zu finden, stimmen mich
hinsichtlich effektiver und ergebnisorientierter Arbeit optimistisch. Ein
Wermutstropfen bleibt für mich allerdings, dass die EU-Beitrittsstaaten
am Konvent zwar beteiligt sind, ihre Stimmen aber nur dann zählen, wenn
sie mit denen der anderen Teilnehmer übereinstimmen. Auch eine stärkere
Vertretung von Frauen in dem Gremium hätte ich mir gewünscht.
Erstaunlich ist, dass sich trotz der sich
mit dem Konvent bietenden Chance einer öffentlichen Diskussion über die
Zukunft der EU das Thema in Deutschland kaum aufgegriffen wird. Bislang
wird im wesentlichen in Wissenschaftlerkreisen die Frage erörtert, ob am
Ende der Reformdebatte der Entwurf einer europäischen Verfassung – wie
dies auch das Europaparlament anstrebt – oder „nur“ Vorschläge zu
mehr Effizienz und Demokratie in der Gemeinschaft stehen sollen. Ich sehe
darin keinen Widerspruch. Was hindert den Konvent, das eine zu tun, und
das andere nicht zu lassen?
Auch die Parteien halten sich bedeckt. Während
sich die beiden großen „Volksparteien“ auf das Postenschachern in der
Reform-Konferenz beschränken, scheint die PDS die Thematik ganz zu
ignorieren, obwohl mit Sylvia-Yvonne Kaufmann eine PDS-Abgeordnete im
Konvent vertreten ist. Zufällig ist das Desinteresse der Partei wohl
nicht. 1999 hatte der Parteivorstand in einer Kampfabstimmung die
Forderung nach einem Verfassungsprozess in der EU aus dem
Europawahlprogramm entfernt. Die Frage ist nun, ob die PDS diese Haltung
verändern oder beibehalten will. Ungeachtet meiner eigenen Position
(zugunsten einer solchen Verfassung) halte ich den Verzicht auf die
Diskussion und demokratische Meinungsbildung in der PDS für unakzeptabel.
Der Parteitagsbeschluss von 1999 kann dafür unter den jetzigen Umständen
kein Argument sein.
Die Zeit drängt. Konvents-Präsident Valéry
Giscard d'Estaing hat den Fahrplan für den Konvent eng gesteckt: Bis Ende
Juli werden sieben Plenarsitzungen statt finden. Bereits auf dem EU-Gipfel
Mitte März in Barcelona und bei den nachfolgenden Tagungen des Europäischen
Rates soll über den Stand der Arbeiten berichten werden.
Mag die Form des Konvents auch für die EU
innovativ sein, ist der Umgang mit seinen Ergebnissen jedoch keineswegs
vorhersehbar. So wurde die Grundrechtecharta, die ebenfalls in einem
Konvent erarbeitet wurde, im nachhinein von den nationalen Regierungen
verwässert und blieb hinter den ursprünglichen Vorstellungen – und
hinter den Grundgesetzen einer Reihe europäischer Staaten – zurück.
Auch über die Vorschläge zur Umgestaltung der EU wird letztlich wieder
der Europäische Rat befinden. Öffentliche Diskussion und öffentlicher
Druck sind daher notwendig, damit die Arbeit des Reform-Konvents nicht auf
der Strecke bleibt.
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