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André Brie, Kolumne für Disput, 8. Januar 2008
Ungleiche Partnerschaft
Sicher haben auch
Sie in den letzten Tagen die Ereignisse in Kenia mit Sorge verfolgt.
Wieder einmal ist es ein afrikanischer Staat, in dem große Teile der
Bevölkerung demokratische und rechtsstaatliche Prinzipien verletzt sehen.
Wieder einmal ist es Afrika, wo die Spannungen zwischen Opposition,
Regierungsparteien und verschiedenen Ethnien zu Todesopfern, Verletzten
und Vertriebenen führen.
Es geht mir
keinesfalls darum, einer Einmischung des Westens, oder besser gesagt des
Nordens, in die Angelegenheiten anderer Staaten das Wort zu reden. Im
Gegenteil. Es muss endlich darum gehen, jene Politik in Frage zu stellen,
die die Ursachen von Kriegen, Konflikten und Elend im Süden erhält und
immer wieder neu schafft. Die "Entwicklungsländer" haben ein
unumstößliches Recht auf eigene und eigenständige Entwicklung und die
Gestaltung ihres Staatswesens. Aber Tatsache ist eben, dass nicht wenige
der Probleme, die sich heute in der "dritten Welt" zeigen, ihre Wurzeln im
Kolonialsystem haben und durch die praktisch neokoloniale Politik der
vergangenen Jahrzehnte verschärft wurden. Daher steht der "Norden" in der
Verantwortung, nicht nur zur Bekämpfung von Hunger, Krankheiten und zum
wirtschaftlichen Aufbau beizutragen, sondern auch zu politischer
Stabilität, zur Entwicklung von Demokratie und zum Schutz der
Menschenrechte. Gerade die EU, in der die meisten ehemaligen
Kolonialmächte Mitglied sind, ist in dieser Hinsicht gefordert.
Die Realität sieht
völlig anders aus. Nach den Unruhen in Kenia beschränkten sich Brüssel und
die EU-Staaten auf die Bekundung ihrer Beunruhigung und Aufrufe zum
Gewaltende. Überraschen kann das kaum. Denn trotz aller Erklärungen zur
Entwicklungszusammenarbeit und zur Erreichung der so genannten
Millenniumsziele, mit denen die gröbsten Auswirkungen der Unterentwicklung
beseitigt werden sollen, geht es vorrangig um andere Ziele: Für Europa ist
dieser Kontinent noch immer vor allem Rohstofflieferant und Absatzmarkt,
und für einige der stärksten Mitgliedsländer der EU ist er zudem auch
Objekt eigener Machtpolitik. Hauptziel der Entwicklungspolitik der EU sei
"auf längere Sicht die Beseitigung der Armut", heißt es etwas verschwommen
im EU-Reformvertrag von Lissabon, der Ende letzten Jahres unterzeichnet
wurde. Allerdings muss man schon ziemlich weit nach hinten blättern, um
diese Passage überhaupt zu finden. Und das Wort Afrika kommt im
Vertragstext gleich gar nicht vor.
Dass es
keinesfalls um eine wirkliche Partnerschaft zwischen Europa und Afrika
geht, wird letztlich auch mit den EPA-Wirtschaftsabkommen, die vom
EU-Ministerrat trotz der Kritik aus Afrika zum Neujahrstag in Kraft
gesetzt wurden, bestätigt. EPA steht für
Economic Partnership Agreements, mit denen - nach offizieller
Lesart - die Handelsbeziehungen zwischen der EU und den Staaten des Südens
den Bestimmungen der Welthandelsorganisation angepasst werden sollen.
Kernelement der bilateral zu vereinbarenden Freihandelszonen ist ein
"gleichberechtigter" und unbeschränkter Marktzugang für beide Seiten.
Angesichts der Tatsache, dass Afrikas Bedeutung für Europa vorrangig in
der Lieferung von Rohstoffen (z.B. Kaffee, Kakao, Kupfer, Gold und
Metallen für die Elektronikindustrie) und als Absatzmarkt für veredelte
Produkte besteht, ist offensichtlich, wer Gewinner und Verlierer dieser
"Einigungen" sein wird, zumal die EU immer noch nicht bereit ist, ihre
Märkte umfassend für die Produkte aus den armen Ländern zu öffnen.
Letztlich geht es darum, die noch vorhandenen Schutzmechanismen der
Entwicklungsländer vor dem freien Markt mit nur wenigen Ausnahmen komplett
zu beseitigen. So sollen bis zu 97 Prozent der Zölle auf Importe aus der
EU abgeschaffte werden. Gerade aber diese Abgaben gehören zu den
wichtigsten Einnahmequellen der Entwicklungsländer. Wo das Geld fehlen
wird, ist absehbar: bei der Bekämpfung des Hungers, im Gesundheitswesen,
im Bildungssystem, im Umweltschutz.
Diese Fixierung
der "Zusammenarbeit" auf ökonomische Interessen des Nordens ist es auch,
die Europa bei Demokratieentwicklung und Menschenrechten zum Schweigen
bringt. Zumal mit China seit einiger Zeit ein Akteur auf die Bühne
getreten ist, der sich bei seinem Griff nach Afrikas Rohstoffen ähnlich
wenig um solche Fragen schert. Allein im vergangenen Jahr habe China mehr
als eine Milliarde US-Dollar in Afrika investiert, meldete die
Nachrichtenagentur dpa kurz vor dem Lissabonner EU-Afrika-Gipfel im
vergangenen Dezember. Zwar hat Brüssel mit der 2005 vorgenommenen
Reformierung der Entwicklungszusammenarbeit eine stärkere Berücksichtigung
"gemeinsamer Ziele, Werte und Grundsätze" betont. Aber in der Praxis
spielte dies kaum eine Rolle. Mit dem Verweis auf Peking könnten die
EU-Staaten nun diese Aspekte noch weiter in den Hintergrund drängen. |
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