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André Brie, 1. Januar 2007, Kolumne für den „Disput“
Parteireinigung?
Seit Jahren schreibe ich fast monatlich diese
Kolumne. Warum, weiß ich nicht. Reaktionen gibt es praktisch nicht. Meine
Vorgänger haben diesen Platz gern genutzt, um ihren innerparteilichen
Umnut über die „Reformer“ und „Opportunisten“ zu artikulieren. Das war
populär, zumindest wurde es gelesen. Ich selbst habe diese Kolumne vor
allem genutzt, um über internationale Politik zu informieren. Das
interessiert offensichtlich nicht. Die Schuld suche ich nicht bei den
Lesern. Sie liegt bei mir und in der Zeit.
Aber gerade heute frage ich mich, warum ich mir
diese Arbeit noch antue. Es ist der 1. Januar. „Disput“ wird viel später
erscheinen. Doch morgen früh um vier fliege ich für acht Tage in den Irak.
Es ist meine achte Reise dorthin. Ich mache sie aus Gründen, die mir so
wichtig sind, dass ich mich über die Angst und den Unmut meiner Frau
hinwegsetze. Zum erstenmal ist mir wirklich elend zu Mute. Die Lage in dem
Land ist für die meisten Menschen verzweifelt. Die Hinrichtung Saddam
Husseins vor drei Tagen wird auch die Gewalt noch verstärken. Noch? Ja,
vor Jahren hätte ich es nicht für möglich gehalten, aber es wurde von
Monat zu Monat schlimmer. Saddam hätte ich das schärfte Urteil gegönnt,
zum Beispiel bis an sein Lebensende in Halabja leben zu müssen, unter den
überlebenden Opfer des Giftgasangriffes von 1988. Dass Bush die
Hinrichtung „für einen Meilenstein der Demokratie“ hält, sagt viel über
die Barbarei seiner eigenen Politik. Es wird aber ein Wunschtraum bleiben,
dass er selbst ebenfalls ein Gerichtsverfahren als Kriegsverbrecher und
Massenmörder bekommen wird.
Ich bliebe lieber zu Hause. Stattdessen also auch
noch eine „Disput“-Kolumne kurz vor dem Abflug. 2007 wird das Jahr der
Neugründung einer bundesweiten Linkspartei. Dringend notwendig gegen den
Marktradikalismus, der in der CDU/CSU, der SPD, den Grünen und der FDP die
Politik ersetzt hat, von sozialen und solidarischer Orientierungen ganz zu
schweigen. Dringend notwendig auch gegen die strukturellen Hindernisse der
„alten“ PDS, eine bundesweite politisch wirkungsvolle Partei zu werden.
Ich will hier, auch einmal innerparteilich polemisieren. Aus zwei völlig
unterschiedlichen, aber in dieser Frage vereinten Richtungen, erlebe ich
den Versuch, endlich wichtige Teile der Gründergeneration der PDS
loszuwerden. Ich weiß, dass die Zeit über Menschen hinweg geht und
anerkenne das für mich vollständig. Es wäre mir aber lieb, wenn an die
Stelle unserer nicht mehr hinreichenden oder nicht mehr gewollten Ideen
Neues, Besseres, Wirkungsvolleres träte. Seit vier oder fünf Jahren höre
ich massiv und sehr offen, dass die Gründergeneration der PDS endlich
abzutreten habe (mit Ausnahme Gysis und Biskys). Sie habe ihre Aufgabe
erfüllt. Bernd Rump durfte sich sogar anhören, man würde durchaus seine
Verdienste aus den frühen neunziger Jahren anerkennen. Nur frage ich mich,
was denn inzwischen an so großer, besserer Substanz da wäre, dass man
solche Arroganz an den Tag legen kann? Bernd Rump hat 2002 in klugen
Analysen das Wahlfiasko der PDS vorhergesagt, als jene neue Generation,
die ihm so überheblich den Abschied geben möchte, aktiv, hilflos oder
schweigend die Niederlage der Partei betrieben hat. Seine damaligen
Einschätzungen wurden danach schnell übernommen, ohne das ein einziger die
Quelle oder den eigenen Wandel vom Saulus zum Paulus benannt hätte. Auch
seine jüngsten Überlegungen sind ein geistiger und kultureller Beitrag zu
einer neuen Linken, den nur wenige erreichen. Wo ist den die Fähigkeit der
PDS aus den so viel schwierigeren Jahren 1994 oder 1998 geblieben,
politisch und öffentlichkeitswirksam an wichtigen gesellschaftlichen
Debatten teilzunehmen? Diejenigen, die Bernd Rump und andere für obsolet
erklären, haben jedenfalls bisher diesen Platz nicht eingenommen, während
er ihn noch immer inne hat.
Ja, wehe uns, wenn wir die Fusion oder Neugründung,
oder wie auch immer die Sprachregelungen heißen mögen, nicht bis zum
Sommer erfolgreich hinbekommen! Aber wehe uns, wenn das ein
technizistischer und rein pragmatischer Vorgang wird! Es geht um nicht um
eine Partei an sich, es geht um eine entschieden linke Partei. Es geht
nicht um eine Partei, die sich in Verwaltung des gegebenen erschöpft und
ebenso nicht um eine, die ideologische Opposition an die Stelle von
praktischer und alternativer Politik setzt. Beides wäre das Aus. Es geht
erstens um eine, die zu absolut praktischer Politik mit und für sozial
benachteiligte Menschen in der Lage ist. Zweitens um eine Partei, die sich
nicht im Pragmatismus erschöpft, sondern unter widrigen Umständen fähig
ist, zu geistigen, kulturellen und politischer Alternativen beizutragen,
die über den Markt und den Kapitalismus hinausweisen. Das beides eben war
und ist Bernd Rump. Die ihn für erledigt halten, sind dagegen höchstens
das eine oder das andere.
Gegenwärtig läuft ein Ausschlussverfahren gegen
Christine Ostrowski, Ronald Weckesser und Ingrid Mattern, das erste
kollektive in der PDS seit 1989. Die sächsische Landesschiedskommission
hat gerade ihre Verachtung gegenüber den Beschuldigten in einer Weise
praktiziert, indem sie nicht einmal die Formalien eines
Ausschlussverfahrens respektierte. In erster Instanz behauptete die
Dresdner Schiedskommission bereits, die Mehrheit der Stadtratsfraktion
hätte Alternativen zur Wohnungsprivatisierung nicht einmal geprüft. Das
zumindest, weiß ich, ist eine klare Lüge. Dass eine Schiedskommission mit
Lügen arbeitet, im übrigen auch der parteikommunistischen Sippenhaft
nachhängt, wenn ihr Vorsitzender unwidersprochen auch meine Haltung als
Ehemann von Ingrid Mattern zum Gegenstand des Verfahrens macht, ist alles
andere als ein Beitrag zu einer neuen Partei.
Nur das Beispiel Christine Ostrowski: Ich lag in
sechzehn Jahren einige Male mit ihr im Konflikt. Ob sie in der Frage der
Wohnungsprivatisierung in Dresden Recht hat, wage ich nicht zu
entscheiden. Aber – anders als jene, die sie aus der Partei ausschließen,
auch anders als jene anderen, die die Gründergeneration der PDS endlich
loswerden wollen – sie hat nie über sozial schwache Menschen daher
geredet, sondern unter und mit ihnen gelebt. Was sie 1990/91 in der
Wohnungspolitik initiiert hat, hat die PDS eher gerettet als unsere
schönen Programme und vielen Papiere, an denen ich Anteil habe. Sie hat
viele Überzeugungen in den letzten Jahren geändert, aber in dieser
Hinsicht ist sie sich treu geblieben. Ich bin Mitglied der Partei von
Christine, Ronald und Ingrid. Ich will eine neue Linkspartei, aber nicht
ohne diese Drei, nicht ohne ihre Art, Politik zu machen: links, mit
Grundsätzen und zugleich ganz und gar praktisch, unter den Menschen, die
sie vertreten will. Ideologische Zirkel und Technokraten gibt es
gleichermaßen schon genug.
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