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André Brie, 12. Januar 2005, Kolumne für
Disput Januar 2005
Brosamen und Profite
Wie sicherlich die meisten Menschen kann
ich die entsetzlichen Bilder aus den überschwemmten Küstenregionen in
Südostasien nicht vergessen. Als "größte Naturkatastrophe in der
Geschichte der Vereinten Nationen“ bezeichnete UN-Generalsekretär Kofi
Annan die Flutwelle, die am zweiten Weihnachtsfeiertag die Region
verwüstete. Über 150.000 Tote wurden inzwischen offiziell registriert, mit
bis zu 200.000 Todesopfern wird gerechnet. Zehntausende Häuser sind
unbewohnbar oder gänzlich zerstört worden, einige Ortschaften bis zum
heutigen Tag nicht zu erreichen. Die Versorgung der Obdachlosen und
Flüchtlinge, der Verletzten und Waisen wird für die Helfer vor Ort zu
einer schier unlösbaren Aufgabe.
Wieder einmal traf eine Naturkatastrophe
vor allem die Ärmsten der Armen. Allein in Indonesien starben mehr als
106.000 Menschen. Kein ausgeklügeltes und hochmodernes Überwachungssystem,
wie es im Pazifik für das reiche Japan und für die US-Pazifiküste
existiert, konnte die Menschen auf Sumatra oder Sri Lanka vor der
tödlichen Flutwelle warnen – für Aufbau und Unterhaltung eines solchen „Warning
Center“ fehlte schlicht das Geld. Dabei werden dafür nach
Expertenschätzungen noch nicht einmal 100 Millionen Euro benötigt – eine
für europäische oder amerikanische Verhältnisse eher geringe Summe. Die
US-Streitkräfte im Indischen Ozean waren aufgrund der seismischen
Messungen dennoch informiert und behielten die Warnungen für sich.
Rassismus hat auch dieses Gesicht.
Ich habe Hochachtung vor all jenen in der
so genannten ersten Welt, die selbst wenig haben, aber trotzdem für die
Flutopfer spendeten. Und ich empfinde Wut auf Wirtschaftsbosse, auf
Politiker und Regierungen, die mit großer Geste einige Millionen Dollar
oder Euro bereit stellen – und damit nicht zuletzt ihr Ansehen aufpolieren
oder für einen ständigen Sitz im UNO-Sicherheitsrat werben und
insbesondere die Märkte für großen Konzerne sichern wollen. Was sind schon
die international zugesagten vier Milliarden Dollar an Hilfsgeldern für
Südostasien gegenüber den 956 Milliarden Dollar, die nach den Berechnungen
des Stockholmer Friedensforschungsinstituts SIPRI im vergangenen Jahr vor
allem von den Industrieländern für Rüstung ausgegeben wurden? Im übrigen
warten die Menschen im iranischen Bam, das vor einem Jahr zerstört wurde,
noch immer auf 98 Prozent der vollmundig versprochenen Milliarden-Hilfe.
Die ungeheuren Ausgaben für neue
Waffensysteme, für die Vorbereitung und das Führen von Kriegen und die
Besetzung von Ländern wie Irak und Afghanistan gehen nicht zuletzt auch
auf Kosten der Entwicklungshilfe. Abermals deutlich machte dies ein
Bericht, der für die UNO-Vollversammlung im vergangenen Herbst
ausgearbeitet wurde. Demnach haben allein die OECD-Staaten 2003 mit etwa
60 Milliarden Dollar nur einen Bruchteil der Summe für die
Entwicklungshilfe ausgegeben, die für das Militär bereitgestellt wurde.
Die fast eine Billion Dollar, die dafür aufgewendet wird, liegt schon
jetzt weit über den Summen während des Kalten Krieges. In den 1970er
Jahren betrugen sie „nur“ etwa 900 Milliarden Dollar; nach dem Ende des
Realsozialismus sanken sie auf unter 800 Milliarden.
Man braucht nicht zu spekulieren, wer
heute die Ausgaben für Rüstung und Kriege in die Höhe treibt. „Die USA
bestreiten etwa die Hälfte der weltweiten Ausgaben für Rüstung“, erklärte
die Mitautorin des UN-Berichts Natalie J. Goldring von der Universität
Maryland. So ist das entsprechende US-Budget von 296 Milliarden Dollar
(1997) auf 379 Milliarden 2004 gestiegen. In diesem Jahr sollen die reinen
US-Militärausgaben 417 Milliarden Dollar betragen – die Kosten für
„laufende Operationen“, wie die Kriege in Irak und Afghanistan, nicht
mitgerechnet. Insgesamt werden die USA im diesem Jahr pro Sekunde 11.000
Dollar für die Rüstung ausgeben.
Gegen diese Zahlen wirken die
Militärausgaben in Europa eher klein. Frankreich gibt in diesem Jahr 40
Milliarden Dollar dafür aus, Großbritannien 35 Milliarden. In Deutschland
beläuft sich der Verteidigungshaushalt auf zirka 24 Milliarden Euro; für
die Entwicklungszusammenarbeit stehen dagegen nur 3,74 Milliarden Euro
bereit. „Die Bundesregierung wird bei Fortsetzung ihrer bisherigen Politik
den EU-Beschluss, bis zum Jahr 2006 0,33 Prozent des Bruttoinlandsprodukts
für die Entwicklungshilfe auszugeben, nicht umsetzen können“, heißt es in
einer im vergangenen Oktober vorgestellten Analyse von terre des hommes
und Deutscher Welthungerhilfe.
Trotzdem wollen die EU-Staaten bei den
weltweiten Waffengeschäften noch stärker als bisher mitmischen. Die
Europäische Kommission plant, die nationalen Rüstungsmärkte zu
„liberalisieren“. Mit der Bildung einer gemeinsamen Waffenschmiede Europa
soll die Militärindustrie auf dem alten Kontinent gegenüber den
US-Konzernen konkurrenzfähig werden. Damit wird der bereits vor Jahren
eingeschlagene Kurs der Militarisierung der EU fortgesetzt, der sich auch
im Aufbau von Interventionstruppen, der in der europäischen Verfassung
vorgesehenen Pflicht zur Aufrüstung und der Einrichtung eines gemeinsamen
Rüstungsamtes widerspiegelt.
Es ist besonders makaber, dass ein
Großteil der europäischen Waffenexporte in Entwicklungsländer, darunter
auch in Krisenregionen, geht. 19 „größere bewaffnete Konflikte“ –
Auseinandersetzungen mit über 1.000 Toten jährlich – zählte das
Stockholmer Friedensforschungsinstitut SIPRI in seinem jüngsten
Jahresbericht. Dazu gehörten neben den Kriegen in Irak und Afghanistan
auch die Auseinandersetzungen in Liberia und in der sudanesischen
Darfur-Region, die zum großen Teil mit Waffen aus den westlichen Staaten
ausgetragen werden. „Die Entwicklungsländer bleiben das Hauptziel der
internationalen Waffenhändler“, konstatiert ein Ende letzten Jahres vom
US-amerikanischen „Congressional Research Service“ (CRS) vorgelegter
Bericht zu weltweiten Rüstungsverkäufen. Insgesamt, so die
Forschungseinrichtung des US-Kongresses, sei der nominelle Wert der
Waffenverkäufe an Entwicklungsländer zwar geschrumpft. Einige Staaten
profitierten aber trotzdem davon – neben den USA und Russland auch
Deutschland. In den Jahren 1999 bis 2002 gehörte die BRD laut CRS sogar zu
den führenden Exporteuren konventioneller Waffen in die
Entwicklungsländer; bei Rüstungslieferungen nach Afrika lag sie zeitweilig
auf dem ersten Rang. Ein Spitzenplatz, der Scham und Protest hervorrufen
sollte.
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